Film „The Favourite“ räumt beim Europäischen Filmpreis ab

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6:00 Uhr
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SWR2

Klarer Sieger bei der Verleihung des Europäischen Filmpreis war „The Favourite“ vom griechischen Regisseur Yorgios Lanthimos mit rekordverdächtigen acht Preise. Der Europäische Filmpreis leistet aber nicht, was er leisten müsste: Die Vielfalt des europäischen Kinos abzubilden.

Übertriebener Preisregen für „The Favourite“

Der britische Film „The Favourite“ vom griechischen Regisseur Yorgios Lanthimos spiegelt offenkundig in vieler Hinsicht das, wonach der Zeitgeist gerade verlangt: Der Film ist eine Historiengroteske, also einerseits eine Komödie - und das ist bekanntermaßen in schwierigen Zeiten genau das, wonach das Publikum verlangt.

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Bloß nichts Anstrengendes, bloß nichts Politisches

Und dann ist es eben ein historischer Film und etwas aus ferner Vergangenheit. Die Querelen am Hof der Queen Anne vor über 300 Jahren sind doch um eines konsumierbarer als der Cultural Clash in den französischen Vorstädten in "Les Miserables" oder der Antisemitismus in Roman Polanskis "J'accuse".

Kein Preis für „Systemsprenger“

Benni (Helena Zangel) (Foto: Port au Prince Film)
Helena Zangel als Benni in „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt Port au Prince Film

Auch der deutsche Film ging am Samstag unter. Kein Preis für Systemsprenger, und die wenigen anderen deutschen Filme, die es wert sind, gesehen zu werden, waren erst gar nicht nominiert. Alles das macht klar: Ein Oscar, der alle künstlerisch besten Autorenfilme des Jahres versammelt, ist der Europäische Filmpreis jedenfalls nicht.

Hat sich der europäische Filmpreis überholt?

Das was der Europäischen Filmpreis eigentlich leisten müsste, die Vielfalt des Kinos und die Vielfalt Europas abzubilden, das leistet er schon lange nicht mehr. Hat sich der Europäischen Filmpreis deshalb überholt? Keineswegs.

Im Gegenteil ist das Betonen der Gemeinsamkeiten, der guten Traditionen und des gemeinsamen kulturellen Fundaments wichtiger denn je in Zeiten von Rechtsextremismus, Krisengefühlen und zunehmendem Kulturpessimismus.

Kein Fernsehsender will die Preisverleihung übertragen

Es hat seinen guten Grund, dass sich seit Jahren kein Fernsehsender mehr findet, der so eine Veranstaltung übertragen möchte. Es ist schließlich auch nicht mehr zeitgemäß, dass der Preis seit 32 Jahren jedes zweite Jahr in Berlin veranstaltet wird - einfach weil die Deutschen das meiste Geld geben.

Reformieren oder Seinlassen

Was der Europäische Filmpreis also braucht: Eine Reform in Form und Inhalt, neue Gedanken. Eine Neuerfindung. Oder man lässt es besser bleiben. Denn eine altbackene Selbstfeier mit vorhersehbaren Preisen für Filme, die schon längst nicht mehr im Kino sind - das braucht niemand.

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