Film Doku im Ersten „Irgendwer zahlt immer - Vom Wert der Arbeit“

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Sendedatum
Sendezeit
6:00 Uhr
Sender
SWR2

Wie viel Leben ist vom Mindestlohn möglich? Warum ist es so schwierig, bestimmte Arbeiten besser zu bezahlen? Klingt nach trockenen Fragen aus dem Wirtschaftsressort, wird aber zu einem handfesten gesellschaftlichen Problem. Im Ersten befasst sich damit die preisgekrönte Doku: „Irgendwer zahlt immer - Vom Wert der Arbeit“.

Scheinbare Normalität in Ostwestfalen

Das Örtchen Kallenhardt in Ostwestfalen, gut 1600 Einwohner, Lebensmittelladen, Bäcker, Metzger, Vereine, vielleicht sieht für viele immer noch so der Inbegriff des funktionierenden deutschen Gemeinwesens aus. Es funktioniert, aber ein Stück weit auch aus reiner Notwehr, wie die Filmemacher Sascha Adamek und Martin Hahn auf frappierende Weise zeigen.

Film „Irgendwer zahlt immer“ von Sascha Adamek und Martin Hahn

Irgendwer zahlt immer (Foto: ard-foto s2-intern/extern)
Das Leben im Hamsterrad: Die einen machen ein Vermögen, die anderen schuften zum Billiglohn. "Irgendwer zahlt immer" gibt persönliche Einblicke in die Arbeitsverhältnisse ganz unterschiedlicher Protagonisten. ard-foto s2-intern/extern Bild in Detailansicht öffnen
Der Milliardär Reinhold Würth, der rund 75.000 Menschen beschäftigt, rechnet offen vor, dass seine Unternehmen bei einem Verkauf bis zu 14 Millionen Euro einbrächten. ard-foto s2-intern/extern Bild in Detailansicht öffnen
Fabrikarbeiterin Birgit Apfelbach, die in einem von Würths Unternehmen arbeitet, kommt dagegen nur knapp über die Runden. Ihr Job ist es, am Band Schrauben zu sortieren. ard-foto s2-intern/extern Bild in Detailansicht öffnen
Start-Up Unternehmer Niklas Östberg kämpft mit seinem Unternehmen Delivery Hero gegen die namhafte Konkurrenz von Lieferando. Er verliert - doch "gewinnt" bei der Übernahme durch Lieferando rund eine Milliarde Euro. ard-foto s2-intern/extern Bild in Detailansicht öffnen
Vom Konkurrenzkampf der ganz Großen bekommt Fahrradkurierin Katja Apfelbaum nichts mit. Für 9 Euro die Stunde liefert sie Essen aus. ard-foto s2-intern/extern Bild in Detailansicht öffnen
Jungbauer Bertram Dohle aus dem Sauerland erzählt von einem Zusammenschluss junger Bauern, der dazu dient, auf dem globalen Markt zu bestehen. ard-foto s2-intern/extern Bild in Detailansicht öffnen

In einem der reichsten Länder der Welt ernährt ein Vollzeitjob keine Familie

In einem der reichsten Länder der Erde gibt es eine Menge Menschen, die mit ihrem Vollzeitjob nicht mehr ohne weiteres eine Familie ernähren können. Das ist ein bekannter Skandal, der in diesem Film dankenswerterweise mehrere Gesichter bekommt.

Am Rand der Verwertungskette

Und ob das nun am Klimawandel, der Globalisierung oder einfach überzogenen Gewinnerwartungen liegt - es sind vor allem diejenigen, die irgendwo am Ende bzw. am Anfang einer Verwertungskette stehen, die dafür zahlen: Landwirte, Pflegepersonal, Außendienstler. Die Gesetzmäßigkeiten scheinen überall ähnlich zu sein, ob in der Lebensmittelbranche, dem Dienstleistungssektor oder der Bauwirtschaft.

Irgendwer zahlt immer

Irgendwer zahlt immer - fast schon wie in einem Modell stecken die Filmemacher in Kallenhardt ein kapitalistisches Beziehungsfeld ab, das bis zu dem Lieferdienst Foodora nach Berlin oder bis zum Schraubenhersteller Würth nach Künzelsau reicht. Freimütig und mit merklichem Stolz erzählt Unternehmer Reinhold Würth von seinen Bilanzen und seinem gesellschaftlichen Verdienst.

Irgendwer zahlt immer (Foto: ard-foto s2-intern/extern)
Der Milliardär Reinhold Würth, der rund 75.000 Menschen beschäftigt, rechnet offen vor, dass seine Unternehmen bei einem Verkauf bis zu 14 Millionen Euro einbrächten. ard-foto s2-intern/extern

Gerechtigkeit ist individuell messbar

Würths Außendienstler in Kallenhardt bekommt ein besseres Auto und mehr Geld, wenn er mehr verkauft. Muss dafür aber auch in der Mittagspause tanken gehen oder sich vom Bauunternehmer die letzten Prozente rausleiern lassen. Reinhold Würth hält das für gerecht. Die Teilzeitarbeiterin in seiner Schraubenfabrik kann dagegen so schnell sein wie sie will. Bei ihr reicht das Geld nicht zum Überleben.

Wie viel verdienen Sie?

Wie viel verdienen Sie? Das scheint gerade in Deutschland eine der subversivsten Fragen zu sein, die man stellen kann: weil sie an den gesellschaftlichen Zusammenhalt rührt, an das Mantra des Kapitalismus, dass sich Leistung angeblich immer lohnt, und damit an die Frage, ob Staat und Unternehmen in Deutschland tatsächlich genug dafür tun, dass gute Arbeit einen entsprechenden Gegenwert bekommt.

Kallenhardt hat noch Glück, dort gibt es ein Netz aus Vereinen, Beziehungen und Familien, das vieles auffängt. Der Lebensmittelladen musste am Ende aber doch schließen.

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