Filmkritik Gottessuche im Problem-Viertel – „Die Götter von Molenbeek“ von Reetta Huhtanen

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6:00 Uhr
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SWR2

Der Brüsseler Stadtteil Molenbeek erlangte durch die Terror-Anschläge in Frankreich und Belgien traurige Berühmtheit als Brutstätte für Islamismus und Rückzugsort für Dschihadisten. Die finnische Regisseurin Reetta Huhtanen war in Molenbeek als die Bomben explodierten und drehte eine Doku über ihren sechsjährigen Neffen und seine Freunde.

Existiert Gott und wie sieht er aus?

Es sind große Fragen, die den sechsjährigen Aatos beschäftigen: Existiert Gott? Und wenn ja, wie sieht er aus? Ist Jesus Gottes Sohn oder nur ein Prophet? Das behauptet zumindest sein bester Freund Amine, ein muslimischer Junge, mit dem Aatos engagiert diskutiert.

Aatos' Freundin Flo kann über solche Diskussionen nur den Kopf schütteln. Sie ist überzeugte Atheistin und findet, alle die an Gott glauben, sind verrückt oder werden es bald. Das erklärt sie Aatos, während sie im Wald zusammen an Brennnesseln lecken.

Film „Die Götter von Molenbeek“ von Reetta Huhtanen

Götter von Molenbeek (Foto: Pressestelle, Real Fiction Verleih)
Für die beiden Sechsjährigen Aatos und Amine ist das Brüsseler Viertel Molenbeek ihre Heimat - für den Rest der Welt gilt das Viertel seit den Pariser Anschlägen als Zentrum des Jihadismus. Pressestelle Real Fiction Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Gemeinsam suchen die Kinder nach Antworten auf die großen Fragen des Lebens. Pressestelle Real Fiction Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Auch der Glaube beschäftigt die drei Kinder. Pressestelle Real Fiction Verleih Bild in Detailansicht öffnen
Als ganz in der Nähe ein Terrorangriff stattfindet, bahnt sich die Gewalt auch ihren Weg in die Welt von Aatos und Flo. Pressestelle Real Fiction Verleih Bild in Detailansicht öffnen

Sechsjährige diskutieren die Glaubensfrage

Die drei Kinder sind aufgeschlossen, clever und witzig. Besonders den finnisch-chilenischen Aatos treibt die Gottesfrage um. Im muslimisch geprägten Molenbeek beneidet er seinen Freund Amine um die religiösen Gewissheiten, mit denen er aufwächst.

Welcher Gott ist der richtige für Aatos?

Aatos dagegen ist auf der Suche: mal begleitet er seinen besten Freund in die Moschee und lernt mit ihm Koranverse. Mal verkleidet er sich als Poseidon, Hermes oder Thor, um herauszufinden, welcher Gott der richtige für ihn sein könnte. Zwischendrin toben die Kinder unbeschwert durchs Viertel, küssen im Wald Frösche oder wickeln sich zu Mumien aus Klopapier ein.

Götter von Molenbeek (Foto: Pressestelle, Real Fiction Verleih)
Als ganz in der Nähe ein Terrorangriff stattfindet, bahnt sich die Gewalt auch ihren Weg in die Welt von Aatos und Flo. Pressestelle Real Fiction Verleih

Kamera ist auf Kinder-Augenhöhe

Die finnische Regisseurin Reetta Huhtanen lässt sich ganz auf die Perspektive ihrer kleinen Protagonisten ein. Die Kamera bleibt stets auf Augenhöhe der Kinder. In diesem Bildausschnitt kommen Erwachsene, wenn überhaupt, nur bis zur Brust vor.

Spielerischer Film mit explosivem Inhalt

Das Besondere dieses spielerischen Films besteht darin, dass er einerseits die übersprudelnde Kreativität der Kinder spiegelt, die Unvoreingenommenheit, mit der sie fremde Religionen erkunden und existentielle Fragen diskutieren. Andererseits ist sich der Film stets bewusst, dass diese Fragen das Potential haben, die Welt in Brand zu setzen.

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Realität überholte die Kinodoku

Eigentlich wollte Reetta Huhtanen in Molenbeek nur eine Kurzdoku über ihren Neffen Aatos drehen. Doch während der Dreharbeiten ereignete sich im März 2016 der Terroranschlag von Brüssel. Wie schon nach anderen islamistischen Anschlägen führten die Spuren der Täter ins Problemviertel Molenbeek.

Terroranschläge verändern den Alltag der Kinder

Die Anschläge spielen in Huhtanens Film keine Hauptrolle, aber es wird deutlich, wie sie den Alltag der Kinder verändern. In dem Periskop, durch das Aatos seine Umgebung gerne betrachtet, spiegeln sich jetzt nicht mehr Frauen mit Kopftuch, sondern Soldaten mit Maschinengewehren und schweren Militär-Fahrzeugen. Ständig gibt es Demonstrationen.

Kinder-Multikulti-Welt wird bedrohlich

Aatos’ freie Multikulti-Welt ist laut, bedrohlich und verwirrend geworden. „Die Götter von Molenbeek“ macht erfahrbar, wie rätselhaft die Welt für Kinder oft sein muss. Und wie einfach aus ihrer Sicht Vieles sein könnte: wenn man offen aufeinander zugeht, voneinander lernt und immer in Erwägung zieht, dass der Andere vielleicht auch recht haben könnte.

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