Der letzte Wolf | Kinostart: 29.10. Wölfe als Action-Stars

Kulturthema am 27.10.2015 von Julia Haungs

"Zorn der Wölfe" ist in China nach der Mao-Bibel das erfolgreichste Buch aller Zeiten. Seit seinem Erscheinen 2004 hat es sich über 20 Millionen Mal verkauft. Der ehemalige Dissident und Professor für Wirtschaftspolitik Lü Jiamin erzählt darin, wie ein junger Mann einen Wolf aufzieht. Gleichzeitig befasst er sich kritisch mit dem Raubbau, den die Chinesen an der Natur betreiben. Jetzt kommt die Geschichte als Film ins Kino – überraschenderweise mit chinesischer Unterstützung. Regie führte Altmeister Jean-Jacques Annaud, der das Verhältnis von Mensch und Tier schon in "Der Bär" und "Zwei Brüder" untersuchte.

Ein quietsch-roter Bus saust durch sattgrüne Wiesen, darüber ein strahlend blauer Himmel – Regisseur Jean-Jacques Annaud lässt die weiten Landschaften der Inneren Mongolei in intensiven Farben leuchten. Berauschende 3D-Aufnahmen fangen die wilde Schönheit der Natur ein. Lange wird sie nicht mehr so unberührt sein, das deutet der Bus gleich zu Anfang des Films an. Die mongolischen Nomadenvölker, die hier seit Jahrhunderten in Einklang mit der Natur leben, bekommen 1967 Besuch von der kommunistischen Partei. Im Zuge der Kulturrevolution werden Studenten in die Provinz geschickt, um der Landbevölkerung den Fortschritt zu bringen.

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Die Bücher geraten schnell in Vergessenheit. Stattdessen lernen die Stadtjungs Chen Zhen und Yang Ke von den Hirten und genießen deren schlichtes aber selbstbestimmtes Leben. Chen Zhen ist fasziniert von den Steppenwölfen, die die Schafherden belauern. Von den Mongolen werden die Wölfe gleichzeitig gefürchtet und als mystische Tiere verehrt. Chen Zhen fängt ein Wolfsjunges und versteckt es vor seiner Jurte. Er will es aufziehen und das faszinierende Tier aus nächster Nähe studieren.

Jean-Jacques Annaud widersteht der Versuchung, die Beziehung zwischen Mensch und Wolf als wunderbare Freundschaft zu erzählen. Denn auch wenn das Wolfsjunge zu Anfang herzallerliebt herum tapst und sich fiepend knuddeln lässt, bald schon wächst es zu dem heran, was es seiner Natur nach ist: ein unbezähmbares Raubtier. Annaud inszeniert die Wölfe als klug, geduldig, organisiert – im Grunde als die besseren Menschen, denen just diese Eigenschaften zu fehlen scheinen. Am Beispiel der mongolischen Grassteppe zeigt "Der letzte Wolf", wie die Chinesen in rasendem Tempo ihre Umwelt zerstören und damit ihre eigene Lebensgrundlage. Ohne sich um die Folgen zu scheren, greifen sie in das ökologische Gleichgewicht ein. Zum Beispiel mit dem Befehl, alle Wolfsjungen zu töten. Die Hirten sind entsetzt.

Wie von den Mongolen vorausgesagt, schlagen die Wölfe zurück. Wie – das inszeniert Annaud auf spektakuläre Weise. Am eindrücklichsten in einer Nacht-Szene, als das Wolfsrudel eine Pferdeherde in einen See hetzt. Am nächsten Morgen ist der Todeskampf zu Eisskulpturen erstarrt: sich aufbäumende Pferde-Kadaver, Panik im Blick, aus dem Maul hängen gefrorene Blutfäden – ein bizarrer Anblick. Diese, wie auch die anderen Szenen mit den Wölfen sind nicht etwa in digitaler Nachbearbeitung entstanden, sondern vor Ort mit echten Tieren. Mehrere Jahre lang hat ein Tiertrainer zwei Wolfsrudel aufgezogen und sie auf die Arbeit vor der Kamera vorbereitet.

Dass sich Jean-Jacques Annaud für seine tierischen Hauptdarsteller sehr viel mehr interessiert als für seine menschlichen, merkt man dem Film deutlich an. Während die Charaktere blass bleiben, werden die Wölfe wie Action-Stars in Szene gesetzt. Damit bewegt sich der Film manchmal hart an der Grenze zum Kitsch und erinnert streckenweise an einen Spot für den WWF. Die harsche politische Kritik der Buchvorlage tritt – vermutlich auch aus Rücksicht auf die chinesischen Geldgeber – in den Hintergrund. Was bleibt, ist nichtsdestotrotz ein bildmächtiges Plädoyer für einen respektvolleren Umgang mit Tier und Natur – in China genauso wie im Rest der Welt.

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