Filmkritik "The Kindness of Strangers" von Lone Scherfig Glattgebügelte Rührseligkeit - Berlinale Eröffnungsfilm enttäuscht

Von Julia Haungs

Kein stargespickter Hollywood-Film eröffnete die letzte Berlinale der Ära Kosslick, sondern „The Kindness of Strangers“ der Dänin Lone Scherfig. Für sie stand Berlin einst am Anfang ihrer Karriere. Bei den Kritikern fiel der Film mehrheitlich durch.

Versager auf dem harten Pflaster von New York

„Wenn ich’s in New York schaffe, schaffe ich’s überall“, heißt es in dem Sinatra-Klassiker. Was aber, wenn man es auf diesem harten Pflaster nicht schafft?

Diesen Menschen am Rande der Gesellschaft widmet sich die dänische Regisseurin Lone Scherfig in der Tragikomödie „The Kindness of Strangers“. Mit Müh und Not wursteln sie sich durch ihr Leben im winterlichen Manhattan.

Unglaubwürdige Charaktere, hölzerne Dialoge

Eine aufopferungsvolle Krankenschwester, die nach Feierabend eine Therapiegruppe namens „Vergebung“ leitet, ein junger Mann, der so tollpatschig ist, dass er jeden Job sofort verliert, ein Ex-Knasti, der versucht, ein verstaubtes, russisches Restaurant auf Vordermann zu bringen, in dem „Unchain My Heart“ auf der Balalaika geklampft wird. 

Fremde in New York

Das Leben dieser Fremden verknüpft sich, als Clara nach New York kommt: eine junge, verzweifelte Mutter mit zwei Söhnen. Sie ist auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Ehemann.

Ungünstigerweise ist er Polizist, so dass sie mit jedem Strafzettel, den sie bekommt, befürchten muss, dass er sie aufspürt. Da sie weder eine Unterkunft noch Geld für Essen hat, ist sie auf die Freundlichkeit von Fremden angewiesen.

Hors-d’Oeuvre vom russischen Buffet

Dass sie die auch findet, besagt ja schon der Filmtitel. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist das russische Restaurant, in das sich Clara anfangs bei einer Silbernen Hochzeit einschleicht, um ein paar Hors-d’Oeuvre vom Buffet zu stehlen. Doch, doch, sie sei die Tante der russischen Jubilare, versichert sie dem Restaurantmanager.

Geschichten von empfindsamen, schüchternen Leuten

„Geschichten von empfindsamen, schüchternen Leuten erzählen, ist das einzige, was ich kann“, hat Regisseurin Lone Scherfig 2001 nach ihrem Durchbruch mit „Italienisch für Anfänger“ gesagt.

Die Komödie war einer der großen Erfolge der Dogma-Bewegung. Und in der Tat hat die 59-Jährige in ihren Filmen die Verletzlichkeit des Menschen oft mit großer Wahrhaftigkeit in Szene gesetzt.

Ihr lakonischer Stil sorgte dafür, dass selbst das Genre der Romantic Comedy nicht peinlich-rührselig wirkte. Humor und Tragik, Nähe und Distanz hielten sich die Waage.

Eröffnungsfilm der 69. Berlinale The Kindness of Strangers von Lone Scherfig

Die junge Mutter Clara (Zoe Kazan) zieht mit ihren zwei Söhnen nach New York, um vor ihrem gewalttätigen Ehemann zu fliehen. (Foto: Alamode  - Alamode)
Der Eröffnungsfilm der 69. Berlinale ist die Weltpremiere von "The Kindness of Strangers" von Lone Scherfig. Die junge Mutter Clara (Zoe Kazan) flüchtet mit ihren zwei Söhnen vor ihrem gewalttätigen Ehemann nach New York. Alamode - Alamode Bild in Detailansicht öffnen
Mitten in der Stadt versucht Marc (Tahar Rahim, li.), ein russisches Restaurant am Laufen zu halten, dessen exzentrischer Inhaber Timofey (Bill Nighy) ihn in Schach hält. alamode - alamode Bild in Detailansicht öffnen
Sie trifft auf Jeff (Caleb Landry Jones) und die Krankenschwester Alice (Andrea Riseborough). Sie verschaffen ihr im Restaurant von Timofey einen Job. alamode - alamode Bild in Detailansicht öffnen
Die dänische Regisseurin Lone Scherfig gewann mit "Italienisch für Anfänger" 2001 einen Silbernen Bären. Sie hat mit "The Kindness of Strangers" ein modernes Märchen inszeniert. alamode - alamode Bild in Detailansicht öffnen

Das frühere Erfolgskonzept geht nicht auf

Auch „The Kindness of Strangers“ zielt auf das Herz der Zuschauer und erzählt, wie sympathische Alltagsverlierer die Liebe gewinnen und gemeinsam weniger allein sind. Doch dieses Mal geht das Erfolgsrezept nicht auf.

Zwar hat der Film einige komische Momente, ansonsten stimmt wenig: die hölzernen Dialoge erwecken die Charaktere nicht zum Leben.

Drehbuch voll glattgebügelter Rührseligkeit

Das Thema „häusliche Gewalt“ geht in einem Drehbuch voll glattgebügelter Rührseligkeit unter. Die Handlung mäandert vor sich hin, während Scherfigs Drehbuch ein unplausibles Ereignis an das nächste reiht.

Regisseurin Lone Scherfig inszeniert ein modernes Märchen, in dem sich normale Menschen auf die Suche nach Hilfe, Hoffnung und Liebe begeben. (Foto: alamode - alamode)
Die dänische Regisseurin Lone Scherfig gewann mit "Italienisch für Anfänger" 2001 einen Silbernen Bären. Sie hat mit "The Kindness of Strangers" ein modernes Märchen inszeniert. alamode - alamode

Zack! Problem gelöst

Zwischendurch stirbt der jüngere Sohn fast und spricht fortan nicht mehr. Dem älteren fällt derweil plötzlich ein, wie man den furchteinflößenden Vater aus dem Weg räumen könnte. Zack! Problem gelöst. Der Brutalo wandert ins Gefängnis. Die Uniformjacke in den Müll. Happy End in Sicht.

Eröffnungsfilm von erschreckender Harmlosigkeit 

Es ist ein Eröffnungsfilm, der einen in seiner Harmlosigkeit ratlos zurücklässt. Ein Plädoyer für mehr Freundlichkeit ist natürlich nie verkehrt.

Berlinale bleibt hinter ihrem Anspruch zurück

Aber weder untermauert „The Kindness of Strangers“ den Anspruch der Berlinale, ein dezidiert politisches Festival zu sein, noch bringt er Glamour auf den Roten Teppich.

Und große Filmkunst ist er auch nicht. Zum Auftakt des Festivals hätte man sich auf jeden Fall ein stärkeres Signal gewünscht.

STAND