STAND
AUTOR/IN

Filmemacher in Iran arbeiten wegen der Zensur unter erschwerten Bedingungen. Der bekannte Regisseur Mohammad Rasoulof wurde vom Revolutionsgericht 2019 zu einer einjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, er darf weder arbeiten noch ausreisen. In Rasoulofs Abwesenheit lief gestern als letzter Wettbewerbsbeitrag sein Film „Es gibt kein Böses“. Damit es ein so explizit kritischer Film durch die Zensur schafft, musste Rasoulof erfinderisch sein.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
8:07 Uhr
Sender
SWR2

Es gibt kein Böses

Mohamad Rasoulofs These: Egal, wie man sich entscheidet -  ein repressiver Staat wie Iran macht es seinen Bürgern im Grunde unmöglich, sich nicht schuldig zu machen.

Dieses Dilemma spielt  „Es gibt kein Böses“ in vier einzelnen Episoden durch. In allen geht es um Männer, deren Aufgabe es ist, Todesurteile zu vollstrecken. Davon gibt es in Iran mehrere hundert pro Jahr. Im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl ist Iran noch vor China das Hinrichtungsland Nummer Eins. 

Ehsan Mirhosseini (Foto: Berlinale)
Ehsan Mirhosseini Berlinale

Mut der Verzweiflung

Der junge Wehrdienstleistende Pouya fühlt sich in der Nacht vor seiner ersten Hinrichtung so elend, als solle er selbst sterben und versucht mit allen Mitteln, um diese furchtbare Aufgabe herum zukommen. Aber er weiß, eine Weigerung würde den ersehnten Pass und damit die Flucht aus Iran in weite Ferne rücken lassen. Mit dem Mut der Verzweiflung schafft er es, aus dieser scheinbar ausweglosen Situation auszubrechen und für seine Werte einzustehen.

Die Macht , nein zu sagen

In der nächsten Episode geht es um einen anderen jungen Soldaten, der die Hinrichtungen als notwendiges Übel hinnimmt, aber erkennen muss, dass die Beziehung mit seiner Verlobten daran zerbricht. Seine Macht sei es, nein zu sagen, erklärt ihm seine verflossene Schwiegermutter.

Baran Rasoulof (Foto: Berlinale)
Baran Rasoulof spielt in dem neuen Films ihres Vaters und es wirkt, als wolle der Regisseur ihr damit einiges zu seinen eigenen Überzeugungen und Lebensentscheidungen erklären. Berlinale

Konsequenz kann die Familie zerstören

Aber dass es so einfach nicht ist, erzählt die letzte Episode, in der es darum geht, dass eine Weigerung zwar die persönliche Integrität erhalten mag, die Konsequenzen aber langfristig eine Familie zerstören können. 

Diese letzte Episode ist die emotionalste und vermutlich auch die persönlichste in diesem Film. Vor Jahren hat sich Rasoulof dazu entschlossen, in Iran zu bleiben und trotz aller Repressalien weiter Filme zu drehen. Frau und Tochter aber brachte er 2012 ins Exil nach Hamburg. Seitdem leben sie getrennt voneinander.

Die Zensur austricksen

Damit es ein so explizit kritischer Film durch die Zensur schafft, musste Rasoulof erfinderisch sein. Er meldete die vier Episoden unter den Namen seiner Regieassistenten zu verschiedenen Zeiten als von einander unabhängige Kurzfilme an. Denn bei Kurzfilmen ist die Zensur nicht so streng. Anschließend fügte er sie zu einem 150 Minuten langen Spielfilm zusammen.

Unerwarter Schockmoment

Wie viele iranische Filme, die die Zensur mit sehr subtil erzählten Geschichten umgehen wollen, beginnt der Film denkbar nüchtern, enthüllt aber dann mit einem völlig unerwarteten Schockmoment, welcher Abgrund sich hinter dieser trügerischen Alltagsroutine auftut. Es ist leicht, jemanden zu zwingen, heißt es am Ende von „Es gibt kein Böses“.

Starker Abschlussfilm eines mäßigen Wettbewerbs

Und in der Tat ist es in einem solchen System ungleich einfacher, Befehlen zu gehorchen als zu sagen: da mache ich nicht mit. Dass es trotzdem immer Menschen tun, macht Hoffnung. Genauso wie dieser kraftvolle, mutige Film, der zu diesem zivilen Ungehorsam aufruft, im Iran aber selbstverständlich nie zu sehen sein wird. Ein starker Abschluss dieses sehr durchwachsenen Berlinale-Wettbewerbs.

STAND
AUTOR/IN