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Die Regisseure Ulrich Köhler und Henner Winckler lassen ihre Protagonistin Jette das tun, was mittlerweile viele Jugendliche nach dem Abitur machen: sie bricht zu einem freiwilligen sozialen Jahr auf. Nach der Vorstellung ihres alleinerziehenden Vaters Urs soll sie in Südamerika Eigenständigkeit lernen und vor allem der Provinz entfliehen.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
6:00 Uhr
Sender
SWR2

Aufbruch ins Ungewisse nach dem Abitur

Der Weg zum Flughafen – in den meisten Filmen ist das der Auftakt für ein neues Lebenskapitel, der Aufbruch ins Ungewisse. Auch Jette und ihr Vater Urs sind zu Anfang des Films auf dem Weg zum Flughafen, von wo aus die Abturientin zu ihrem freiwilligen sozialen Jahr in Costa Rica starten soll.

Film „Das freiwillige Jahr“ von Ulrich Köhler und Henner Winckler

Filmstill: Das freiwillige Jahr von Ulrich Köhler und Henner Winckler (Foto: Pressestelle, EclairPlay)
Jette (Maj-Britt Klenke) hat gerade ihr Abi gemacht und wird nun zu einem freiwilligen sozialen Jahr nach Costa Rica aufbrechen. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Das will zumindest ihr alleinerziehender Vater Urs (Sebastian Rudolph). Er wünscht sich für seine Tochter, dass sie aus der westdeutschen Provinz rauskommt und mehr vom Leben hat als er. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Was seine Tochter Jette aber vom Leben will, weiß Urs allerdings nicht so genau. Er muss sich um seinen lebensunfähigen Bruder kümmern und hat nebenbei eine Affäre mit seiner Sprechstundenhilfe. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Jette steht Costa Rica mit gemischten Gefühlen gegenüber. Da gibt es nämlich noch Mario (Thomas Schubert), ihre Jugendliebe, von der sie sich nur schwer trennen kann. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen
Am Tag des Abflugs beschließt Jette kurzerhand, das freiwillige Jahr abzusagen und mit Mario durchzubrennen. Pressestelle EclairPlay Bild in Detailansicht öffnen

Durchbrennen am Flughafen: Tochter Jette bricht aus

Doch dieser Aufbruch bleibt ein uneingelöstes Versprechen. Jettes Freund Mario fährt sie zum Flughafen, unterwegs trifft die 18-Jährige eine spontane Entscheidung: Am Flughafen steigt sie nicht aus, sondern brennt mit ihrem Freund durch.

Als Urs Jette schließlich findet, bucht er ihr sofort einen neuen Flug. Ob sie überhaupt dorthin will, fragt er seine schweigsame Tochter nicht. Wirklich freiwillig scheint an Jettes Sozialem Jahr wenig zu sein. Das Regieteam Ulrich Köhler und Henner Winckler zeichnet eine präzise Studie dieses ambivalenten Vater-Tochter-Verhältnisses, in dem die Grenze zwischen Fürsorge und Übergriffigkeit fließend ist.

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Linksliberaler Vater und „Generation Maybe“-Tochter


Der Film erzählt davon, wie schwer es ist, die eigenen Wünsche nicht auf die nächste Generation zu projizieren. Ein Szenario, das vermutlich vielen Eltern bekannt vorkommt, wird hier zugespitzt: Der linksliberale, wenig tolerante Vater, der glaubt, am besten zu wissen, was gut für sein Kind ist und die zaudernde „Generation Maybe“-Tochter, die sich den an sie gestellten Erwartungen entziehen will, selbst aber keine Idee hat, was sie mit ihrem Leben anfangen will.

Hintergründiger Film mit tragikomischen Momenten

Die Berliner Schule-Regisseure Ulrich Köhler und Henner Winckler kennen sich seit dem Studium und tauschen sich seitdem intensiv über ihre Arbeit aus. Für „Das freiwillige Jahr“ haben sie zum ersten Mal gemeinsam ein Drehbuch verfasst, Regie geführt und geschnitten. Das Ergebnis ist ein auf den ersten Blick unspektakulärer, aber sehr hintergründiger Film mit einigen tragikomischen Momenten.

Die Geschichte vom ausbleibenden Aufbruch aus der Provinz erzählen Köhler und Winckler atmosphärisch dicht, im engen Zeitrahmen von zwei Tagen und an wenigen Schauplätzen. Mit Sebastian Rudolph und Maj-Britt Klenke haben sie zwei Schauspieler gefunden, die Vater und Tochter mit kleinsten Blicken und Gesten emotional vielschichtig interpretieren.

Westfälisches Landleben in kargen Bildern

Köhlers langjähriger Kameramann Patrick Orth setzt das westfälische Landleben mit kargen, trist beleuchteten Bildern kompletter Durchschnittlichkeit in Szene. Am Ende bleibt offen, ob Jette einen Aufbruch oder gar Ausbruch schaffen wird. Für Urs mit seinem festgezurrten Weltbild dürfte der Flieger Richtung Freiheit endgültig abgeflogen sein.

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