STAND
AUTOR/IN

Vor 120 Jahren erschütterte die Dreyfus-Affäre die französische Republik. Der junge jüdische General Alfred Dreyfus wurde zu Unrecht des Hochverrats verurteilt – ein Justizskandal, der die Gesellschaft tief spaltete. In seinem neuen Film „Intrige“ erzählt Roman Polanski diese Geschichte nach, basierend auf  Robert Harris' historischem Roman „An Officer and Spy“. Polanski wäre aber nicht Polanski, würde er dabei nicht auch den aktuellen Antisemitismus mitdenken und die eigene Situation als Jude im Frankreich der Gegenwart, der sich als Opfer einer moralisch-politischen Verschwörung empfindet - ganz so wie 1895 der jüdische Offizier Dreyfus Opfer einer Intrige wurde.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
6:00 Uhr
Sender
SWR2

Film „Intrige“ von Roman Polanski

Filmstill: Intrige (Foto: Pressestelle, Weltkino Filmverleih)
Frankreich, Januar 1895: Der junge jüdische Offizier Alfred Dreyfus (Louis Garrel) wird wegen Hochverrats angeklagt. Pressestelle Weltkino Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
In einer erniedrigenden Zeremonie wird Dreyfus degradiert und zu lebenslanger Haft auf die Teufelsinsel verbannt. Pressestelle Weltkino Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Zeuge dieser Degradierung ist Marie-Georges Picquart (Jean Dujardin), der kurz darauf zum Geheimdienstchef der Abteilung befördert wird, die Dreyfus der Spionage überführte. Pressestelle Weltkino Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Zunächst ist Piquart überzeugt von der Schuld Dreyfus', doch bald schon kommen ihm Zweifel: immer mehr Geheimnisse werden an die Deutschen verraten. Pressestelle Weltkino Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Doch die Vorgesetzten von Picquart möchten nichts davon wissen. Sie weisen den Geheimdienstchef an, die Sache unter den Tisch fallen zu lassen. Pressestelle Weltkino Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Aber Picquart lässt sich nicht unterkriegen. Heimlich ermittelt er weiter. Pressestelle Weltkino Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Als Piquart die Anschuldigungen veröffentlicht, gerät er schnell in einen Strudel aus Verrat und Korruption, der sein Leben in Gefahr bringt. Pressestelle Weltkino Filmverleih Bild in Detailansicht öffnen
Polanskis Film basiert auf wahren Ereignissen: „Die Geschichte eines Mannes, der zu Unrecht verurteilt wurde, ist immer faszinierend, aber der Film behandelt auch ein sehr aktuelles Thema, angesichts des zunehmenden Antisemitismus.“ Imago Imago Bild in Detailansicht öffnen

Diese Geschichte ist beschämend genug, wenn man sie einfach nur erzählt. Roman Polanski schildert nüchtern und klar die Fakten der Dreyfus-Affäre. In seinem Film „Intrige“ verzichtet er auf alle billigen Anspielungen auf die Gegenwart, die bei Polanskis bekanntem Hang zum schwarzen Humor nahe lägen.

Der Film beginnt Anfang 1895 mit der öffentlichen Degradierung und Demütigung des jungen jüdischen Offiziers Alfred Dreyfus, der des Hochverrats verurteilt wird. Danach geht es hin und her zwischen dem chronologischen Ablauf der kommenden elf Jahre und Rückblicken in die Vorgeschichte, die im Herbst 1894 in den Vorwürfen gegen Dreyfus mündet.

Ein Film wie eine Detektivgeschichte

Polanskis Film wirkt wie eine Detektivgeschichte, in der die Gewinnung von Indizien im Zentrum steht. Dies ist auch die Geschichte eines bisher unbekannten, geradezu geheimen Helden: Colonel Marie-Georges Picard, der die Wahrheit fand, hartnäckig gegen Widerstände an die Öffentlichkeit brachte und später als Minister Karriere machte.

Dauer

Trotz seiner Kritik und trotz der Lässigkeit, mit der Polanski die politischen und gesellschaftlichen Schwächen einer Massendemokratie aufzeigt: Der Film atmet eine gewisse Nostalgie für die „Belle Epoche“ mit ihren prachtvoll überladenen Innenräumen, den ledergebundenen Büchern und einer Kommunikation, die ganz auf Schrift und Papier basiert.

In gewissem Sinn ist dies eine unschuldige Zeit, ein analoges Zeitalter, von dem noch die Jugend Polanskis durchtränkt war.

Antisemitismus und Gewalt der „Belle Epoche“

Doch dies ist auch eine Welt der unkontrollierter Überwachung. Es gab Verhaftungslisten für den Kriegsfall. Polanski zeigt auch die Schattenseiten der „Belle Epoche“: Bücherverbrennungen, Demonstrationen gegen jüdische Geschäfte, antisemitische Ausschreitungen und Schmierereien. So bringt der Film die Erinnerung an eine vergessene Zeit in die Gegenwart zurück.

„Intrige“ ist ästhetisch zwar kein sehr zeitgemäßer Film, aber eine sehr zeitgemäße Geschichte. Eine Geschichte über die Hexenjagden der Gegenwart, von denen Polanski selbst ein Lied singen kann, über Antisemitismus in Frankreich wie in Deutschland, über Überwachungs-Wahnsinn, über Whistleblower. Es ist eine unerzählte und überfällige Geschichte.

STAND
AUTOR/IN