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Elia Suleiman ist Regisseur, Produzent und Hauptdarsteller seiner Filme. In „Vom Gießen des Zitronenbaum“ begibt sich der Filmemacher von Nazareth aus auf eine Reise nach Paris und New York und stellt fest: nicht nur im Nahen Osten ist die Welt aus den Fugen.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
6:00 Uhr
Sender
SWR2

Melancholisch-staunender Blick auf die Absurditäten der modernen Welt

Für die Absurditäten der modernen Welt reicht Elia Suleiman den ganzen Film über ein einziger Gesichtsausdruck: mit leicht hochgezogenen Augenbrauen beobachtet er durch seine schwarze Brille stumm, wie sein Nachbar mit großer Selbstverständlichkeit in Suleimans Garten die Herrschaft über dessen Zitronenbaum übernimmt.

Film „Vom Gießen des Zitronenbaums“ von Elia Suleiman

Vom Gießen des Zitronenbaums (Foto: Pressestelle, Filmpresskit)
Für den Künstler Elia (Elia Suleiman) ist das Fass voll: seine Nachbarn haben schon wieder Zitronen aus seinem Garten gestohlen. Er beschließt, seine Heimat Nazareth zu verlassen und in der großen weiten Welt nach einem neuen Zuhause zu suchen. Pressestelle Filmpresskit Bild in Detailansicht öffnen
Sein Ziel sind genau die Länder, in denen Frauen gleichgestellt sind, die Kunst frei ist und es schöne, öffentliche Parks gibt. Orte, von denen er glaubt, dass dort niemand Zitronen stehlen würde. Pressestelle Filmpresskit Bild in Detailansicht öffnen
Doch schon bald muss Elia erkennen, dass nicht nur in seiner Heimat Nazareth das Leben immer stürmischer wird. Pressestelle Filmpresskit Bild in Detailansicht öffnen
Er gerät in Konflikt mit kopflosen Touristen, Polizisten auf Rollern und bewaffneten Spaziergängern. Pressestelle Filmpresskit Bild in Detailansicht öffnen
Egal, wo Elia auf der Welt hinreist, irgendwas erinnert ihn immer an Palästina - vor allem der Rassismus. Pressestelle Filmpresskit Bild in Detailansicht öffnen

Wie zwei finstere Brüder in der Wirtschaft über Weinsauce im Essen der Schwester grollen, aber gleichzeitig den nächsten großen Whiskey kippen. Oder wie zwei Polizisten bei voller Fahrt im Rückspiegel ihre coolen Sonnenbrillen bewundern, während auf dem Rücksitz eine Frau mit verbunden Augen sitzt.

Die Szenen sind Eindrücke aus Suleimans Heimatstadt Nazareth, lose verbunden nur durch den melancholisch-staunenden Blick desjenigen, der den Kopf über diese Welt schüttelt.

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Auch in Paris stößt Suleiman auf Unverständnis

Suleiman macht sich auf den Weg nach Paris, um die Finanzierung eines neuen Filmprojekts zu klären. Dort hat man allerdings wenig Verständnis für seine Ideen. Der Film sei nicht palästinensisch genug, befindet der Produzent.

Der Film verzichtet auf politische Zuschreibungen. Das verleiht ihm einerseits eine poetische Offenheit, andererseits wirken viele Szenen dadurch etwas beliebig.  Wie so oft in Suleiman Filmen wird kaum gesprochen.

Schräger visueller Witz erinnert an Filme von Jacques Tatis

Der Regisseur konzentriert sich ganz auf die Bilder - sorgfältig komponierte, stilisierte Tableaus ausgestorbener Straßen, in denen er kleine, absurde Szenen spielen lässt: von einem Polizistenballett auf Segways bis zu einem Sanitäter-Einsatz zur Behandlung eines Obdachlosen.

Filmstill (Foto: Neue Visionen Filmverleih)
Neue Visionen Filmverleih

In seinem schrägen, visuellen Witz erinnert  „Vom Gießen des Zitronenbaums“ an die Filme Jacques Tatis, besonders an „Playtime“. Wo sich Tatis Gesellschaftskritik auf die Anonymität, die Hast und die soziale Kälte der modernen Großstadt bezieht, nimmt Suleiman den Egoismus und das latente Gefühl ständiger Bedrohung ins Visier.

Bilder zeigen Gesellschaften im Ausnahmezustand

Sichtbare Gewalt zeigt er zwar kaum. Doch die Bilder von aggressiven Typen, Waffen und Panzern vermitteln: dies alles sind Gesellschaften im Ausnahmezustand. Jederzeit könnte eine Prügelei, eine Massenschießerei oder ein Weltkrieg ausbrechen.

„Vom Gießen des Zitronenbaums“ ist durchaus unterhaltsam und überraschend. Mit zunehmender Dauer nutzen sich seine Stilmittel allerdings merklich ab. Vor allem, weil der Film kaum einen Rhythmuswechsel kennt. In einem ruhig dahinfließenden Tempo setzt er eine surreale Szene an die nächste.

Der Zitronenbaum überlebt

Am Ende kehrt Suleiman in die Heimat zurück und stellt fest, dass der diebische Nachbar in seiner Abwesenheit den vor der Abfahrt neu gepflanzten Zitronenbaum sorgsam gegossen hat. In Zeiten, in denen nichts mehr selbstverständlich erscheint, immerhin ein kleines Zeichen der Hoffnung. 

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