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Sopranistin Emma Kirkby im Gespräch Ich liebe die Laute!

Schon als Studentin in Oxford verliebte sich Emma Kirkby in den Klang der Laute. Noch mit 66 Jahren singt die Sopranistin Lieder von Dowland und Purcell wie keine andere. Am 19. August gibt sie mit dem Weltklasse-Lautenisten Jakob Lindberg einen Liederabend beim Mainzer Musiksommer. Emma Kirkby über Ihre Leidenschaft für die Musik des 16. und 17. Jahrhunderts.

Ms. Kirkby, bei Ihrem Konzert in Mainz reisen Sie zurück zur Englischen Musik des späten 16. und des 17. Jahrhunderts. Was ist Ihre persönliche Verbindung zwischen damals und heute?

Nun, die Themen, mit denen sich Dichter und Sänger beschäftigen, ändern sich ja nicht allzu sehr. Es geht vor allem um Liebe aber auch um weltliches Leid oder um philosophische Fragen. Natürlich wissen wir nicht genau, wie die Menschen damals gehört und empfunden haben, aber wenn Sie z.B. Shakespeare mögen, was ja viele tun, dann werden Ihnen auch diese Lieder gefallen. Sie sind genauso lebhaft.

Die Lieder, die Sie singen, z.B. von John Dowland, Henry und William Lawes und Henry Purcell, wurden für den Adel und den Königlichen Hof geschrieben. Ihre Sprache ist hoch poetisch, die Themen oft kompliziert und verschachtelt. Was kann uns diese Musik heute noch sagen?

Emma Kirkby mit einem Liederbuch

Emma Kirkby mit einer Partitur

Es ist ja oft so, dass in Zeiten von Schwierigkeiten und Not die Künste besonders gedeihen. Die Menschen gehen ins Theater und in Konzerte, um sich abzulenken und um Trost zu finden. Und es gab nicht viele Jahrhunderte mit so vielen gefährlichen Situationen wie das gesamte 17. Jahrhundert. Denken Sie daran, dass wir Mitte des 17. Jahrhunderts unseren König enthaupten ließen! Es gab einen Bürgerkrieg.
Davor, im Elisabethanischen Zeitalter und bei Dowland, war die Hofmusik schon sehr weit entwickelt. Und das setzte sich bei König James (I.) fort. Seine Frau war musikalisch sehr gebildet. Bei ihr durften sogar die Hofdamen musizieren.

Emma Kirkby

Emma Kirkby

Aber Musik fand auch in den besser situierten Haushalten statt. Die Leute mussten sich abends selbst unterhalten und so hatte fast jeder der reichen Haushalte eine Truhe mit Geigen und Violen, und der ganze Haushalt beteiligte sich beim Musizieren. Es gab also eine große "Amateur-Szene" damals. Ende des 17. Jahrhunderts, als Charles II. auf den Thron zurückkehrte, erlebte auch die Musik eine neue Blütezeit. Die Theater und Opernhäuser öffneten wieder und populäre Lieder wurden damals, wie heute noch, zu "Gassenhauern" und wurden auf den Straßen geträllert. Es gab also beides: Lieder für einen kleinen, intimen Kreis von Hörerinnen und Hörern und solche, die auch einem größeren Hörerkreis vertraut waren.

Viele Lieder des Abends sind schon lange Bestandteil Ihres Repertoires. Wie schaffen Sie es, sie jedes Mal neu und frisch klingen zu lassen?


Mit ihrer Vorstellung vom Barockgesang prägte Emma Kirkby die Alte Musik weltweit. Dafür wurde sie von Elisabeth II. in den Ritterstand erhoben und erhielt 2011 „The Queen’s Medal of Music“, eine rare Auszeichnung.

Das zeigt, wie "stark" das Repertoire ist. All diese Stücke erscheinen einfach, sie sind aber sehr subtil. Und für mich ist über die Jahre immer mehr die Diktion, die Sprache in den Vordergrund gerückt, und wie man sie am besten in Musik ausdrückt. Deshalb ist es eine besondere Freude, Liedern wieder zu begegnen, mit all dem, was ich jetzt weiß. Und man probiert natürlich auch ständig neue Techniken aus. Das ist die eine Seite. Die andere ist, dass es sich dabei schlichtweg um Stücke handelt, die ich besonders gerne singe und die eine wunderbare Balance zwischen Wort und Musik haben. Und es sind ja auch einige neue Lieder dabei.

John Dowland zum Beispiel hat 89 Lieder veröffentlicht, und ich habe davon vielleicht gerade mal die Hälfte gesungen. Oder, was das Repertoire Mitte des 17. Jahrhunderts betrifft: Henry Lawes, der auch als "Vater der englischen Musik" gilt, hat an die 700 Lieder hinterlassen, und ich kenne vielleicht fünfzig davon. Also da gibt es noch jede Menge Material.

Sie präsentieren das Programm mit dem Lautenisten Jakob Lindberg als Begleiter. Ist es schwierig die richtige Balance zu finden zwischen Stimme und Laute?

Die schlichte Antwort ist: Nein! Ich liebe die Laute, gerade weil es so angenehm ist, mit ihr gemeinsam zu singen. Mit der Laute als Begleitung hat man viel größere stimmliche Möglichkeiten, als wenn man vor einem Orchester oder auf der Opernbühne steht. Dort muss man erst einmal eine ‚Grundlautstärke‘ liefern, um überhaupt gehört zu werden, d.h. man hat einen kleineren Dynamikbereich, in dem man wirken kann. Mit der Laute dagegen kann man von den tiefsten bis zu den höchsten Tönen im piano singen. Für die Begleitung von langen Gesangslinien ist die Laute weniger geeignet, weil der Ton so schnell verklingt. Aber sie lässt mit ihrem feinen Klang der Stimme genug Raum, um auch die kleinsten Nuancen auszudrücken und hörbar zu machen. Sie deckt allerdings auch jeden  Fehler auf, und Sängerinnen und Sänger, die Klavierbegleitung gewöhnt sind, fühlen sich anfangs fast ‚nackt‘ und sind ein wenig schockiert.

Emma Kirkby - Jakob Lindberg

Emma Kirkby, Sopran und Jakob Lindberg, Laute

Jakob Lindberg besitzt eine Laute aus dem 16. Jahrhundert aus der Werkstatt von Sixtus Rauwolf in Augsburg. Eine der ganz wenigen Lauten aus dieser Zeit, die heute noch spielbar ist. Wird Jakob Lindberg beim Konzert in Mainz auch auf diesem Instrument spielen?

Ja, er hat diese Laute und es ist ein wunderbares Instrument, aber ich vermute mal eher nicht, dass er in Mainz darauf spielen wird. Er ist den ganzen Sommer viel gereist, und er nimmt diese Laute auch gelegentlich mit, aber nicht überall hin, weil sie so empfindlich ist. Aber er besitzt noch viele weitere herrliche Instrumente von heutigen Instrumentenbauern. Ich weiß von einer Laute, von der er ganz begeistert ist; die ist aber brandneu und klingt trotzdem schon fantastisch! Es gibt heute viele Instrumentenbauer mit großem handwerklichen Geschick und Fachwissen, die die Instrumente wie früher bauen können.

Gibt es ein persönliches Lieblingslied im Programm?

Nein, ich mache keine Favoriten-Programme. Ich mag eigentlich alle Stücke, und ich bin in der glücklichen Lage, meine Programme selbst zusammenstellen zu können. Es gibt da also keine Stücke, vor denen man sich fürchtet oder auf die man sich besonders freut. Ich habe Stücke ausgesucht, von denen ich überzeugt bin, und  ich mag sie alle sehr.

Das Gespräch mit der Sopranistin Emma Krikby führte Martin Hagen für SWR2 Cluster.

Konzert beim Mainzer Musiksommer:
"Die englische Muse", Emma Kirkby, Sopran & Jakob Lindberg, Laute
Seminarkirche, Augustinerstraße 34, 55116 Mainz
19. August 2015, 20:00 Uhr


Im Programm

Lucas Lassius:
"Benedicte Dominum"
Ensemble Officium
Leitung: Wilfried Rombach
Johann Sebastian Bach:
"Es erhub sich ein Streit" BWV 19
Hana Blaziková (Sopran)
Robin Blaze (Countertenor)
Gerd Türk (Tenor)
Peter Kooij (Bass)
Bach Collegium Japan
Leitung: Masaaki Suzuki
Johann Caspar Ferdinand Fischer:
Missa Sancti Michaelis Archangeli
Veronika Winter, Jenny Haecker (Sopran)
Henning Voss (Countertenor)
Nils Giebelhausen (Tenor)
Matthias Gerchen (Bass)
Kammerchor der MarienKantorei Lemgo
Handel's Company
Leitung: Rainer Johannes Homburg