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ECLAT 2018 – Werkstattbericht zu „Principal Boy“ Was treibt junge Männer zum Attentat?

Mit männlichem Heldentum hat sich der 1985 geborene Komponist und Performer Raphael Sbrzesny auseinandergesetzt und eine, wie er es nennt, musiktheatrale begehbaren Installation geschaffen. Die Uraufführung von „Principal Boy“ ist Samstagabend in der Sporthalle des Theaterhauses Stuttgart zu erleben. Ines Stricker hat sich vorab einen Eindruck verschafft.

Fünf junge Männer stehen im Sportsaal des Theaterhauses, die Hände auf dem Rücken. Um sie herum Musikstationen mit Mikros, Verstärkern und Instrumenten, auf dem Boden liegen Rettungsfolien wie bei einem Unfall. Allmählich bewegen sich die fünf, nehmen Posen ein oder laufen herum.

Die Fußballreportage im Hintergrund stammt vom Fußball-Länderspiel Frankreich – Deutschland am 13. November 2015 in Paris. Es war ein Tag der Anschläge, des Terrors und der Toten. Raphael Sbrzesny lebte zu dieser Zeit als Stipendiat in Paris. Nach den Anschlägen fragte er sich, was insbesondere junge Männer dazu treibt, nicht nur sich selbst das Leben zu nehmen, sondern dabei auch andere zu töten.

Die Perspektive des Attentäters

Sbrzesny geht es dabei weniger um konkrete oder politische Hintergründe. Vielmehr beschäftigt ihn der soziale Druck in einer vorwiegend marktwirtschaftlich orientierten Umgebung. Die Täter, die oftmals nicht von außen kommen, sondern mitten aus der Gesellschaft, fühlen sich in seiner künstlerischen Interpretation in diesem System fehl am Platz. Dazu Sbrzesny: „Das depressive Subjekt, dem die Fäden entgleiten, der nicht mehr Autor des eigenen Lebens ist, hat die Möglichkeit, etwas ganz Sichtbares zu produzieren.“


Sbrzesnys Ansatz ist subjektiv, er beleuchtet vor allem die Perspektive der Täter. Das plötzliche Sichtbarwerden des Attentäters etwa veranschaulicht Sbrzesny durch einen Käfig mit einer Art Sprungmechanismus. Damit wird im Theater normalerweise ein Schauspieler, der „Principal Boy“, von unten auf die Bühne geschleudert. Denn Raphael Sbrzesny setzt sich schon seit Längerem mit der Körperlichkeit und dem Männlichkeitsbild seiner Generation auseinander.

Korsette aus Stahl und Plastik: Sinnbild des Über-Ichs

So besteht der Sound zur Musikinstallation aus zwei Komponenten: erstens aus bearbeiteten akustischen Fundstücken rund um die Pariser Terroranschläge wie etwa Handyaufnahmen und live eingespielten und elektronisch bearbeiteten Klängen. Zweitens aber kommen Korsette aus Stahl und Plastik zum Einsatz, die von den Akteuren mit Halterungen am Körper getragen werden, als Sinnbild eines sozialen Über-Ichs.

Dazu Sbrzesny: „Diese diese Zweileibigkeit habe ich beim Wort genommen und eine Art Korsett entwickelt, das wie ein nach außen gestülptes Skelett aussieht, an dem verschiedene Klangelemente befestigt sind. Und dieser zweite Körper, dieses nach außen gestellte Korsett wird zum Instrument.“

Sterbe- und Hinrichtungsszenen

Zu Musik und Performance kommt bei Raphael Sbrzesny auch ein Sammelsurium an lebenden Bildern, die männliche Rollen und Gewalterfahrungen verkörpern sollen, wie Sterbe- und Hinrichtungsszenen. Dadurch erhofft sich Sbrzesny eine stärkere Einsicht in seine stark stilisierten und abstrahierten Sounds und Bilder.

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Im Programm

1. Preisträgerkonzert des 68. ARD Musikwettbewerb 2019,
ausgetragen in den Fächern Klarinette, Violoncello, Fagott und Schlagzeug
Münchner Rundfunkorchester
Leitung: Valentin Uryupin
(Konzert vom 18. September im Münchner Prinzregententheater)

Musikliste:

Ferran Cruixent:
Focs d'artifici
Aurélien Gignoux (Frankreich/Schweiz, 2. Preis Schlagzeug)
Carl Maria von Weber:
Fagottkonzert F-Dur op. 75
Theo Plath (Deutschland, 3. Preis Fagott)
Elliott Carter:
Klarinettenkonzert
Han Kim (Südkorea, 2. Preis Klarinette)
Robert Schumann:
Klarinettenkonzert a-Moll op. 129
Sihao He (China, 3. Preis Cello)

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