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"Wahrheit ist, wenn du friedlich ins Bett gehst, nachdem du gesagt hast, was zu sagen war"

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Auch der Journalist Sujay Gupta kam im Herbst nach Hamburg zur Global Investigatve Journalism Conference. Mit einem wissenden Lächeln.

Mit wem spreche ich?

Sujay Gupta:
Ich bin Sujay Gupta, beratender Herausgeber von Herald Publications, der ältesten und größten Zeitung in Goa, Indien.

Was ist Ihre Definition von Wahrheit?

Sujay Gupta:
Meine Definition von Wahrheit ist: Zu sagen, wie es ist, geradeheraus. Wichtig ist vor allem, dies ruhigen Gewissens zu tun. Wahrheit ist, wenn du friedlich ins Bett gehst, nachdem du gesagt hast, was zu sagen war. Ohne Kompromisse.

Viele sprechen jetzt von der Erosion der Wahrheit an allen Fronten. Erleben Sie das in Indien?

Sujay Gupta:
Ja, im großen Maßstab. Denn es gibt viele Versionen der Wahrheit. Und jeder Vertreter jeder Version glaubt, dass seine die beste ist. Ich glaube, die Erosion tritt dann ein – unabhängig davon, was die Regierung oder wer auch immer gerade propagiert, wenn die Lebensqualität verlorengeht, wenn Angst aufkommt und Unsicherheit. Da erodiert die Wahrheit.

Ich las in vielen berichten, dass „alternative Quellen“ wie WhatsApp sehr stark in Indien sind und auch eine neue Gefahr darstellen können. Nutzen die Mächtigen diese neuen Quellen, um traditionelle Medien zu umgehen?

Sujay Gupta:
Auf jeden Fall. Aber zunächst möchte ich sagen: Ich stimme mit Ihnen überein und will erklären, warum. Und dann einen Punkt hinzufügen. Die Mächtigen haben erkannt, dass die indische Öffentlichkeit ihre Nachrichten oft nicht mehr notwendigerweise über traditionelle Medien konsumiert. Sie bekommen News sehr oft über soziale Medien und WhatsApp, weniger über (klassische) Webseiten, und sie nutzen diese Medien auch, um Nachrichten weiterzuverbreiten.

„Viele Bürgerbewegungen, viele Stimmen von unten werden durch dasselbe Medium stärker.“

Sujay Gupta:
Aber ich würde weiterhin behaupten, dass alternative Medien wie WhatsApp auch als Gegenmechanismus sehr wichtig sind. Viele Bürgerbewegungen, viele Stimmen von unten werden durch dasselbe Medium stärker. Also ist das Medium nicht das Problem, sondern die Art, wie es genutzt wird. Wenn man vernünftig benutzt, funktioniert es gut, wenn man es missbraucht, dient es denen, die es missbrauchen. Ist das gut für die Gesellschaft? Bei Missbrauch sicher nicht.

Es scheint in vielen Ländern ein großes Problem, dass die Gesellschaften das Gemeinsame verlieren, die gemeinsame Interpretation von Wirklichkeit. Geschieht das auch in Indien, dass man sich verschiedene Versionen von Wahrheit zulegt, je nachdem, was man glauben möchte?

Sujay Gupta:
Sicher. Natürlich. Alles wird interpretiert – oder auch fehlinterpretiert. In Indien gab es diese neue Entwicklung, die Leute betrifft, die Rindfleisch essen. Das ist in teilen von Indien verboten und es hat Lynchmorde durch Vigilanten gegeben, die sagen, sie müssten die Kühe schützen, weil sie heilige Tiere sind. Die Regierung und der Premierminister haben das offiziell verurteilt. Der Punkt ist: Diese Lynchmorde haben nicht aufgehört. Dabei müsste das dringend geschehen. Diese Bürgerwehren sagen, es sei ihre Aufgabe, den Tod dieser Tiere zu verhindern. Das ist eine Version von Wahrheit. Es ist wie in vielen Ländern: Es gibt diverse Versionen von Wahrheiten, Indien ist da kein bisschen anders.
Auf dieser Konferenz wird mir klar, dass dies kein geografisches Problem ist, schon gar kein allein indisches. Wenn ich Geschichten über massive Menschenrechtsverletzungen in Venezuela, auf den Philippinen und in anderen Ländern höre, sage ich mir; Hey, ja wir haben Probleme in Indien, die wir unbedingt angehen müssen. Aber dieser Zerfall von Wahrheit ist weltweit ein interessantes und wahrscheinlich gefährliches Problem. Vermutlich macht deshalb jemand wie Sie eine Sendung darüber.

Letzte Frage: Ein anderes beliebtes Propagandawerkzeug ist es, immer mehr Emotionen zu schüren. Ich könnte mir vorstellen, dass dies auch in Indien ein wichtiger Faktor ist: Menschen zu stimulieren, sich für ein emotionales Anliegen in die Bresche zu werfen – national oder religiös…

Sujay Gupta:
Es gibt einen englischen Ausdruck dafür: „the willing suspension of disbelief[1]“ – die willentliche Aussetzung des Zweifels. Wer auf die Emotionen zielt, wird von keiner Logik beeinflusst. Ziel ist es, die Propaganda nicht durch logische Gedanken stören zu lassen. Was immer gut funktioniert, wenn man tiefe Gefühle aufwühlt. Aber das ist wohl überall auf der Welt eine Standardmethode.

[1] Hier verspricht er sich und sagt „belief“ (Anmerkung d. Red.)

Die wichtigsten Interviews der Sendung in voller Länge

ARD radiofeature Interview mit Journalistin Maria Ressa

„Wahrheit entsteht aus Fakten, Fakten führen zur Wahrheit, Wahrheit führt zu Vertrauen. Alle drei sind notwendig für eine Demokratie.“  mehr...

ARD radiofeature Interview mit Journalist Sujay Gupta

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ARD radiofeature Interview mit dem Vizechefredakteur Mohammed Süleyman Tola

„Die unaufrichtigen Politiker versuchen jeden Tag, mehr Megaphone und Plattformen zu schaffen, um die Leute davon abzuhalten, zu begreifen, was sie wirklich treiben.“  mehr...

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