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Der Maler Hieronymus Bosch Grenzgänger zwischen Paradies und Hölle

Pandämonien-Meister, Illustrator der Erbsünde, Pförtner zur Renaissance, Urgroßvater des Surrealismus

Vor 500 Jahren starb der niederländische Maler Hieronymus Bosch. Am 9. August 1516 wurde er in 's-Hertogenbosch begraben. Nur dieses Datum aus seinem Leben ist bis heute gesichert, seine Bilder sind dagegen bis heute ein Rätsel geblieben. Vielfach wurden sie kopiert, imitiert und vor allem von den Surrealisten geschätzt. Seine Meisterwerke hängen im El Prado Museum in Madrid, in der Berliner Gemäldegalerie, im Museum Rotterdam und in Venedig.

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Die Bilderwelt des Hieronymus Bosch

Schrecklich oder schön? Schrecklich schön!

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Königin Letizia I. von Spanien (vorne im Bild) betrachtet eines der Hauptwerke von Hieronymus Bosch, "Der Garten der Lüste", im El Prado Museum in Madrid.

Königin Letizia I. von Spanien (vorne im Bild) betrachtet eines der Hauptwerke von Hieronymus Bosch, "Der Garten der Lüste", im El Prado Museum in Madrid.

"Das himmlische Paradies" auf der Mitteltafel ist wie das gesamte Tryptichon "Der Garten der Lüste" vermutlich um 1500 entstanden.

Bosch zeichnet hier ein Bild davon, wie er sich offenbar ein ideales Paradies vorstellte, in dem Mensch und Tier in Frieden und in Freude miteinander leben.

In einem "Garten der Lüste" haben Liebe und sogar Erotik ganz selbstverständlich ihren Platz. Beispielsweise überdimensionale Früchte dienen Bosch hierfür als sprechende Symbole.

Aber Hieronymus Bosch wurde nicht berühmt für Romantik oder Wohlfühl-Idylle. Seine "andere" Seite lernt der Betrachter spätestens beim Anblick des rechten Nebenflügels kennen - wie hier in der Berliner Multimedia-Ausstellung "Bosch Alive" in der Alten Münze, Berlin, in der ein Besucher das Motiv "Baummensch" fotografiert.

Die Darstellung der Musikinstrumente in "Die Hölle" haben dafür gesorgt, dass der rechte Flügel des Tryptichons "Der Garten der Lüste" auch "Die musikalische Hölle" oder "Musikantenhölle" genannt wird. Zwischen zwei überdimensionalen Ohren steckt ein Messer, die Ohren werden von einem Pfeil durchbohrt.

Nicht umsonst hält sich einer der Gefolterten die Ohren zu. Aber in der "Musikantenhölle" wird nicht nur mit Höllentönen gequält: Ein Mensch ist in die Saiten einer Harfe eingespannt, ein anderer wird von einer großen Flöte niedergedrückt. Ein Mensch liegt unter einer Laute, das Hinterteil mit Noten beschrieben, nach denen die Umstehenden unter Anleitung eines Dämons singen müssen.

Bosch oder die Strebebogenfiguren - keiner weiß, wer zuerst "da" war. Anregung für seine Fabelwesen hätte sich Hieronymus Bosch in seinem Heimatort jedenfalls sehr gut holen können: Die St.-Johannes-Kathedrale in 's-Hertogenbosch ist eine spätgotische, reich geschmückte Kirche, die zwischen 1380 und 1520 erbaut wurde. Einmalig in den Niederlanden ist der doppelte Strebebogen und einmalig in der Welt sind die 96 Strebebogenfiguren. Die können 2016 bei Kirchenführungen ausnahmsweise besichtigt werden.

's-Hertogenbosch hat seinem berühmtesten Bürger 2016 eine besondere Ausstellung im Het Noordbrabants Museum gewidmet. Willem-Alexander, König der Niederlande, lässt sich von Kurator Matthijs Ilsink das "Weltgerichtstryptichon" erklären.

Es besteht aus drei Tafeln, und stellt von links nach rechts "Das Paradies", "Das Weltgericht" und "Die Hölle" dar. Wenn auch nichts für schwache Nerven, am originellsten ist sicher der Mittelteil.

Neben den Fabelwesen mit Tierkopf und Menschenkörper werden im "Weltgericht" auch menschliche Figuren in besonderer Weise dargestellt: so genannte "Kopf-Füßler".

Diese menschenähnlichen Wesen bestehen in der Regel nur aus Beinen oder Füßen und einem Kopf beziehungsweise kopfähnlichen Gebilde. Offenbar sind die "Kopf-Füßler" in den Weltgerichts-Bildern früherer Maler nicht bekannt, sind also typisch Bosch.

Bosch greift jedenfals auch auf beliebte Motive früherer Weltgerichts-Bilder zurück: In seinen Bildern wimmelt es von dämonischen Folterknechten und Verdammten, Engel und Heilige sind, wenn überhaupt - übrigens im wortwörtlichen Sinne -, Randfiguren.

Immer wieder transportieren Boschs Werke ernste Botschaften, die nicht zwangsläufig christlich, sondern universell und zeitlos zu verstehen sind. "Die sieben Todsünden" und "Die vier letzten Dinge" zählen zu den insgesamt 20 Gemälden und acht Zeichnungen, die eindeutig Hieronymus Bosch zugeordnet werden können. Im Zentrum der Platte steht das Rundbild mit dem Auge Gottes und Jesus Christus in der Pupille. Zu sehen im Museum El Prado in Madrid.

Das El Prado Museum in Madrid zeigt aber nicht nur die realen Exponate an sich, sondern als Teil einer Show auch schon mal in überdimensionaler Größe: in der Multimedia-Ausstellung "Infinite Garden". Bosch im XXL-Format gibt's aber auch in der Alten Münze Berlin, in der Ausstellung "Bosch Alive".

24 kleinteilige und detailreiche Gemälde und 20 Zeichnungen sind von Hieronymus Bosch erhalten, bis heute sind sie weitgehend Bilderrätsel geblieben: Da werden Menschen von Fischen verschlungen und Verdammte aufgespießt, selbst im Paradies tummeln sich groteske Höllenwesen. Zwar sind die Hauptthemen von Hieronymus Bosch christlich – wie "Die sieben Todsünden" oder "Die Versuchung des heiligen Antonius", aber die dargestellten Dämonen und Fabelwesen sind Ausgeburten einer überbordenden Fantasie. Oder gibt es vielleicht doch reale Bezüge?

Rätselhafte Symbolhaftigkeit

Ausschnitt aus dem Tryptichon "Der Garten der Lüste", rechter Flügel "Die Hölle" von Hieronymus Bosch

Ausschnitt aus dem Tryptichon "Der Garten der Lüste", rechter Flügel "Die Hölle" von Hieronymus Bosch

Das ist aber leider immer noch so, dass wir die meisten Darstellungen nicht entschlüsseln können. Katrin Dyballa, Kuratorin der Berliner Gemäldesammlung

Die Fabelwesen und ihre Symbolhaftigkeit in Boschs Werk werfen bis heute viele Fragen auf. Doch die Wissenschaftler sind sicher, dass die Zwitterwesen und Tiere Botschaften transportieren. Die Kröte etwa steht für Verdorbenheit; auf einem Geschlechts- oder Körperteil platziert gilt sie als Symbol für die Todsünde Wollust. Und die Wollust findet sich in Boschs Bildern immer wieder: als Krug, als Dudelsack, oder als Messer zwischen den Ohren.

Malerdynastie van Aken

Porträt von Hieronymus Bosch um 1570 von Cornelis Cort (1533-1578)

Porträt von Hieronymus Bosch um 1570 von Cornelis Cort (1533-1578)

Geboren wurde Hieronymus Bosch vermutlich um 1450 in 's-Hertogenbosch als Jeroen oder Joen van Aken. Er stammte aus einer Malerdynastie, die offenbar von Aachen nach Holland eingewandert war: Denn Großvater, Vater, Brüder und Onkel trugen den Namen van Aken. Als drittem Sohn war Joen das Erbe der väterlichen Malerwerkstatt verwehrt. Er heiratete eine begüterte Patrizierstocher und wohnte am Großen Markt. Dort hatte der Künstler wohl eine Werkstatt mit mehreren Gesellen. Stolz nannte er sich nach seinem Heimatort 's-Hertogenbosch, ab etwa 1490 dann kurz: Hieronymus Bosch.

Handelszentrum und Wallfahrtsort

Im Mittelalter war die holländische Stadt, 80 Kilometer von Amsterdam entfernt, ein Handelszentrum für Stoffe und Metallwaren. Hier trafen sich Handwerker, Bettler, Mönche und Könige. Auch Philipp I. von Spanien, genannt "der Schöne", war hier zu Gast, und es kamen viele Pilger, denn die Kathedrale von 's-Hertogenbosch war Wallfahrtsort: Stoff für viele Alltagsbeobachtungen, die in die Bildwelt Boschs eingingen – typisch für die Zeit des Humanismus und der Renaissance.

Steinstrebenfiguren der gotischen Kathedrale St. Johannes in 's-Hertogenbosch

Die spätgotische, reich geschmückte Kathedrale St. Johannes in 's-Hertogenbosch darf 2016 erklommen werden: Die Steinstrebenfiguren stammen aus der Zeit des vor 500 Jahre verstorbenen Hieronymus Bosch.

Als junger Mann muss er den Bau der Kathedrale verfolgt haben: Auf deren gotischen Bögen der Kathedrale tummeln sich 96 monströse Skulpturen, die Bezüge zu seinen Gemälden haben: Dämonen, aufgespießte Heilige, Musikanten, Dudelsackpfeifer, Narren, Tiere, Mischwesen und Teufel.

Auch die Vernichtung von Teilen der Stadt durch einen Brand erlebte er als Kind. Viele seiner Gemälde zeigen verheerende, lodernde Höllenfeuer, die Menschen und Tiere quälen und Häuser zerstören. Vielleicht hörte er die Schreie der Feueropfer noch monatelang in seinen Alpträumen? Wer weiß es, mehr als 500 Jahre später? Die Bedeutung des Ortes 's-Hertogenbosch für die Bildwelt des Künstlers wurde freilich bis vor wenigen Jahren kaum wahrgenommen.

Irdische Lust und himmlische Verheißungen

Szenenausschnitt aus dem "Weltgericht"-Tryptichon von Hieronymus Bosch

Szenenausschnitt aus dem "Weltgericht"-Tryptichon von Hieronymus Bosch

Hieronymus Bosch lebte in der Übergangszeit zwischen Mittelalter und Neuzeit. Er muss ein feines Gespür für das Lockern religiöser Bindungen und die Verschiebung hin zum irdischen Dasein gehabt haben. In seinen Bildern mischen sich zum ersten Mal in phantasievoller Weise Heiligengeschichten und weltlicher Alltag. Der Künstler war Moralist. Seine Bilder erzählen noch heute ungewöhnliche Geschichten zwischen Versuchung und Beharren im Glauben, zwischen irdischer Lust und himmlischen Verheißungen. Da verwandeln sich Engel im Flug in fliegende Echsen, ein Fisch wandert in die Unterwelt, Menschen haben Dämonenköpfe. Der Teufel nimmt vielfältige Gestalten an.

Inversion: Kleine Heilige und große Monster

Der Kunsthistoriker Stefan Fischer hat über den holländischen Künstler promoviert und mehrere Bücher über ihn geschrieben Das Besondere an Bosch ist für ihn das, was man in der Wissenschaft "Inversion" nennt: "Dass die Themen, die ursprünglich sehr groß und zentral dargestellt werden, die Vorbildlichen, die Heiligen, sehr klein sind. Und dass die Monster drum herum über die Fläche, dem Bildraum und die Anzahl sehr groß dargestellt werden."

Folglich müsse man sich als Betrachter erst einmal durch die Bilder durcharbeiten, bis man das Wesentliche, und woran man sich orientieren kann, entdeckt: die Vorbilder, die himmlischen Mächte. "Und das ist wirklich ein ganz neues Bildkonzept, das es vorher so nicht gegeben hat."

Wer hat's erfunden? Bosch!

Nachfolgende Künstler-Generationen haben die Bilder von Hieronymus Bosch wurden bereits zu seinen Lebzeiten vielfach kopiert, imitiert und in zahlreichen Drucken, vor allem Kupferstichen, über Europa verbreitet. Die kleinteiligen Werke voller Einzelgeschichten und fantastischen Wesen wurden zum Maß für die Künstler zu Beginn des 16. Jahrhunderts.

Die Musikantenhölle, Ausschnitt aus dem Tryptichon "Der Garten der Lüste", rechter Flügel, von Hieronymus Bosch

Die Musikantenhölle, Ausschnitt aus dem Tryptichon "Der Garten der Lüste", rechter Flügel, von Hieronymus Bosch

So hat der Maler Pieter Breughel der Ältere seine frühen Zeichnungen mit "Bosch invenit" – Bosch hat es erfunden – versehen, und nicht mit seinem eigenen Namen. Auch viele nachfolgende Künstler-Generationen haben sich vom Universum Hieronymus Boschs inspirieren lassen: der Maler Francisco de Goya etwa, oder die Surrealisten, allen voran Salvador Dali, auch der Schriftsteller Henry Miller oder die Rockband Deep Purple. Die verwendete für ein Plattencover eine Schwarz-weiß-Aufnahme von Boschs Bild "Die musikalische Hölle" und setzte ein kleines Band-Foto in die Mitte.

"Der Garten der Lüste"

Mitteltafel des Tryptichons "Der Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch

Der Ausschnitt entstammt der Mitteltafel des Tryptichons und zeigt ein Stück von "Das himmlische Paradies". Vermutlich ist es um 1500 entstanden.

Das heute wohl berühmteste Werk von Hieronymus Bosch, das Tryptichon "Der Garten der Lüste", verlässt das Museum El Prado in Madrid nie. Neuere Forschungen datieren es auf das Jahr 1503. Bosch soll es für die Hochzeit Heinrichs III. von Nassau-Breda gemalt haben. Gedeutet wird es als eine Art Anleitung für das Gelingen des Liebesspiels und einer erfolgreichen Ehe – und gleichzeitig als Mahnung vor den Gefahren, die dem Ehepaar drohen.

Ausschnitt der Mitteltafel des Tryptichons "Der Garten der Lüste" von Hieronymus Bosch: ein Liebespaar

In einem "Garten der Lüste" haben Liebe und sogar Erotik ganz selbstverständlich ihren Platz. Beispielsweise überdimensionale Früchte dienen Bosch hierfür als sprechende Symbole.

Alle Details des Tryptichons künden von der Schönheit und dem Reiz der Frauen, die die Sinne der Männer blenden und die Triebe entfesseln. Bosch hat hier viele Szenen miteinander verwoben. Hauptbilder sind die Schöpfung der Welt, das himmlische Paradies und die Hölle. Auf den ersten Blick wirkt "Der Garten der Lüste" wunderbar bunt und phantasievoll. Bei näherer Betrachtung aber wird das Gemälde zum Abbild der Begierde, der Sünde. Ein Teufelswerk!

Der Kenner des allzu Menschlichen

Lust und Schrecken, Versuchung und Höllenqualen, Glaube und Aberglaube – kein Künstler malte die menschlichen Sehnsüchte, Abgründe und Ängste so anschaulich, aber gleichzeitig auch so rätselhaft und mystisch wie Hieronymus Bosch. Er starb reich, aber kinderlos, an Pleuritis, Rippenfellentzündung. In der Kathedrale von 's-Hertogenbosch fand vor 500 Jahren die Trauerfeier statt.

Auszüge aus dem Manuskript zur Sendung "Der Maler Hieronymus Bosch. Meister der Fantasiewelten" von Martina Conrad