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Neues Album von Barbara Hannigan mit DVD Ungewöhnliches Portrait

DVD-Tipp vom 28.9.2017

DVD-Cover Hannigan

DVD

Titel:
Crazy Girl Crazy | Barbara Hannigan | Ludwig Orchestra | Includes „Music is music“. A Film directed by Mathieu Amalric
Label:
Alpha Classics 293

„Girl Crazy“ war in den 30er Jahren für George Gershwin Riesen Hit: Das Musical machte Ginger Rogers über Nacht zum Star und wurde gleich dreimal verfilmt, am berühmtesten ist die Version mit Mickey Rooney und Judy Garland. Das neue Album der Kanadierin Brabara Hannigan – „Crazy Girl Crazy“ – hat mehr als nur den Titel bei Gershwins Musical geliehen. Die geraffte „Girl Crazy“-Suite, eigens für diese Aufnahme neu arrangiert, ist der eindrucksvolle Schlussstrich der CD. Bei Hannigan wird Gershwins Suite zum Teil eines „selbstgebauten“ Zyklus‘, der schon mit einem Knall beginnt: Mit der avantgardistischen Vokal-Akrobatik von Luciano Berios Sequenza III. – Mittel- und Höhepunkt der musikalischen Zusammenstellung des Pakets ist die fünfteilige „Lulu“-Suite, damals von Alban Berg als eine Art Vorgeschmack auf seine gleichnamige Oper geschrieben. Das war etwa zur gleichen Zeit, als auch Gershwins „Girl Crazy“ entstanden ist, und tatsächlich – so schreibt Hannigan im Booklet der CD – sind sich die beiden Komponisten ein paar Jahre vorher in Wien begegnet. Gershwin setzte sich nur zögerlich ans Klavier, unsicher, ob seine Musik vor den strengen Ohren des Wiener Publikums bestehen würde. Berg soll ihn daraufhin ermutigt haben: „Mr. Gershwin, music is music!“

Kurzfilm mit 20 rauschhaften Minuten
„Music is music“ heißt auch der Dokumentarfilm, der als Bonus der CD beiliegt. Ein ungewöhnliches Porträt, durch die Augen von Filmemacher – und James Bond-Bösewicht – Mathieu Almaric. Almarics Kurzfilm ist mit seinen 20 rauschhaften Minuten mehr ein Appetizer als ein fünf-Gänge-Menü. Ein ungeordneter Einblick in die Entstehung des ungewöhnlichen Albums. Der Film unterstreicht, dass Hannigans Rolle auf „Crazy Girl Crazy“ vor allem die der Dirigentin ist. Das Herzstück des Albums, die rund 35-minütige „Lulu“-Suite hat nur eine einzige Gesangspassage: das kurze „Lied der Lulu“.

Besonders spannend ist der Blick über Hannigans Schulter während der Aufnahmen. Nicht nur singt sie selbst beim Dirigieren – auch das Orchester muss ran. Hannigan begleitet die Bilderflut von „Music is music“ mit einem lyrischen Monolog, vermutlich aus Tagebuch-Einträgen oder Briefen. Die Stimme allerdings ist nicht ihre eigene, sondern die von Regisseur Mathieu Almaric.

Mosaik aus Momentaufnahmen
Wenn einem Album eine DVD mit einem Blick hinter die Kulissen beiliegt, dann reden die Musiker darin gerne über ihre Inspiration, geben lustige Anekdoten zum Besten oder erzählen, warum die Aufnahmen zu gerade diesem Album besonders schwierig waren- oder auch so einfach wie noch nie. „Music is music“ ist anders. Anstelle von Interviews verschmelzen hier chaotische Eindrücke aus Hannigans Musiker-Alltag zu einem Mosaik aus Momentaufnahmen: Die Arbeit im Flugzeug und im Zugabteil, eine Orchesterprobe, eine Abhörsession mit Produzent Guido Tichelmann.

Im Booklet erzählt Hannigan, dass Alban Bergs „Lulu“ für sie das Bindeglied aller eingespielten Werke ist. Hannigan spricht von Parallelen zu ihrer eigenen Jugend, von ihrer persönlichen Geschichte mit Bergs Oper. Und davon, dass die zwei anderen Stücke, Gershwins und Berios, neue Perspektiven auf „Lulu“ eröffnen. Almarics Film zitiert Vieles davon, liefert aber keine tieferen Erklärungen, sondern illustriert vor allem assoziativ.

Multimedialer Bonus-Track
Der Star von „Crazy Girl Crazy“ mag die Dirigentin Barbara Hannigan sein – die Sängerin Barbara Hannigan umrahmt die Instrumentalmusik aber effektiv mit ihren technisch hervorragenden, verschrobenen und charmanten Interpretationen von Berio und Gershwin. Spannend ist auch die DVD mit „Music is music“. Statt eines klassischen „Making Of“, einer Musikerbiografie oder gar eines Schlüssels zu Hannigans Suite, bekommt der Hörer einen Film, der sich als eine Art multimedialer Bonus-Track versteht und sich organisch in „Crazy Girl Crazy“ einfügt.

DVD-Tipp vom 28.9.2017 aus der Sendung „SWR2 Cluster“

Im Programm

darin bis 8.30 Uhr:
u. a. Pressestimmen, Kulturmedienschau und Kulturgespräch

Musikliste:

Iwan Müller:
3. Satz aus dem Klarinettenkonzert Nr. 6 g-Moll
Friederike Roth (Klarinette)
Philharmonisches Orchester des Staatstheaters Cottbus
Leitung: Evan Christ
Wolfgang Amadeus Mozart:
1. Satz aus dem Streichquartett G-Dur KV 156
Hagen Quartett
Ludwig van Beethoven:
1. Satz aus der Klaviersonate G-Dur op. 79
András Schiff (Klavier)
Juan de Anchieta:
Con amores, Musik der spanischen Renaissance
Andrew Maz (Tenorvihuela)
The Terra Nova Consort
Franz Ignaz Beck:
1. Satz aus der Sinfonie G-Dur op. 1 Nr. 5
New Zealand Chamber Orchestra
Leitung: Donald Armstrong
Dorothy Fields / Jerome Kern:
"A fine romance"
Ella Fitzgerald (Vocal)
Louis Armstrong (Vocal) und Ensemble
Edvard Grieg:
1. Satz aus der Klaviersonate e-Moll op. 7
Leif Ove Andsnes (Klavier)
Tony Murena:
Indifference
Rosenberg Trio
Maurice Ravel:
4. Satz aus der Suite "Le tombeau de Couperin"
London Symphony Orchestra
Leitung: Claudio Abbado
Domenico Scarlatti:
Klaviersonate a-Moll K 175
Gianluca Cascioli (Klavier)
Antonio Vivaldi:
1. Satz aus dem Flötenkonzert F-Dur RV 433
Jeremias Schwarzer (Blockflöte)
Holland Baroque Society

Jazz CD der Woche
Carla Bley:
"And on" aus "Life goes on"
Clara Bley (Klavier)
Andy Sheppard (Saxophon)
Steve Swallow (E-Bass)
(Album: "Life goes on" / ECM)

Joseph Haydn:
2. Satz aus der Sinfonie Nr. 22 Es-Dur
Il Giardino Armonico
Leitung: Giovanni Antonini
Anne-Sophie Versnaeyen:
Soirée Hemmingway
Anne-Sophie Versnaeyen und Ensemble
Tomaso Giovanni Albinoni:
4. Satz aus der Flötensonate C-Dur op. 6 Nr. 1
Mario Folena (Flöte)
Ensemble Barocco Padovano Sans Souci
Felix Mendelssohn Bartholdy:
Lied ohne Worte für Klavier B-Dur op. 62 Nr. 2
Murray Perahia (Klavier)
Renaud García-Fons:
Tchahar mezrab
Claire Antonini & Renaud García-Fons