Kommentar

Zur Zukunft des Festspielhauses: Berliner Philharmoniker 2026 nicht mehr bei den Osterfestspielen

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Axel Brueggemann

Die Berliner Philharmoniker wechseln für die Osterfestspiele zurück von Baden-Baden nach Salzburg. Für Autor Axel Brüggemann ist das ein Symptom der Krise im Festspielhaus Baden-Baden.

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Das tut weh. Das tut richtig weh: die Berliner Philharmoniker verlassen das Festspielhaus Baden-Baden und kehren zurück zu den Salzburger Osterfestspielen.

Eine Tradition, die Herbert von Karajan einst begründet hat. Unterbrochen für zwölf Festspieljahre – damals noch unter Simon Rattle – des Geldes wegen. Baden-Baden zahlte besser. Und die Berliner wurden in Salzburg durch Christian Thielemann und dessen Staatskapelle Dresden bestens vertreten.

Axel Brüggemann (Foto: Pressestelle, Axel Brüggemann)
Autor Axel Brüggemann Pressestelle Axel Brüggemann

Geld ist nicht so stark wie Tradition

In dieser Geschichte liegt das ganze Dilemma des Festpielhauses Baden-Baden. Kunst wird hier – spätestens seit Benedikt Stampa Intendant ist – hauptsächlich mit Geld gemacht. Und, wie sich nun zeigt: Geld ist nicht so stark wie Traditionen, wie Ideen und Konzepte.

Es lohnt sich ein kleiner Rückblick: Andreas Mölich-Zebhauser, der erste Intendant in Baden-Baden, war ein gewieftes Schlitzohr und vor allen Dingen: der Musik verbunden.

Seine Heimat war das „Ensemble Modern“ in Frankfurt. Er baldowerte das Konzept vom Festspielhaus als „Beste Gastgeberin der Welt“ aus. Er band den (damals noch unverdächtigen) Valery Gergiev ans Haus: nicht nur durch Geld.

Früher gab es keine Stars von der Stange

Baden-Baden wurde eine Entwicklungs-Bühne des Mariinsky-Theaters. Hier wurden neue Inszenierungen erarbeitet und präsentiert. Für Tradition sorgte die kulturelle Tradition von Baden-Baden und Russland, die noch vor Dostojewski begann.

Überhaupt legte Mölich-Zebhauser Wert auf Exklusivität, kaufte keine Stars von der Stange, etablierte Baden-Baden als exklusiven Hotspot für Premieren, für exklusive Entdeckungen und mischte Publikums-Lieblinge mit Überzeugungstäterinnen und -tätern der Klassik!

Ein Symptom der Baden-Badener Festspielhaus-Krise

Dass die Berliner Philharmoniker zu Ostern nun nach Salzburg zurückkehren, ist nur ein weiteres Symptom der Krise des Festspielhauses in Baden-Baden.

Die österreichische Festspielstadt lockt mit dem, was Baden-Baden verloren hat: der Aura der Exklusivität. Dem neuen Intendanten, Benedikt Stampa, ist es nicht gelungen, sein Haus einem neuen Markt (der gerade erst entsteht) anzupassen.

Klar, das Programm, das er macht, verfängt noch bei einigen Besucherinnen und Besuchern: Jonas Kaufmann mit der Deutschen Radiophilharmonie, ein weitgehend abgetakelter Rolando Villazón mit der Philharmonie Baden-Baden zu Silvester, immer wieder die allgegenwärtige Elīna Garanča, und dann (Oh Gott!) Thomas Gottschalk bei einem Konzert von (Oh Gottogott!) Plácido Domingo.

Vom Innovations-Betrieb zum Abwicklungsort

Es mag sein, dass die Klassik von vor 20 Jahren noch teure Tickets verkauft – aber mit ihr ist kein Start für die Zukunft zu machen. Das Festspielhaus Baden-Baden ist vom Innovations-Betrieb zum Abwicklungsort der Klassik geworden.

Innovationen: Fehlanzeige. Stattdessen – gerade in Kriegszeiten – unbeholfenes Rumgeeiere mit Teodor Currentzis’ putin-nahem Ensemble „MusicAeterna“ und Anna Netrebko. Gerade Baden-Baden hätte in Sachen Russland schärfer Position beziehen müssen.

Baden-Baden ist jetzt zum Neudenken gezwungen

Das Festspielhaus, einst „die beste Gastgeberin der Welt“ ist zu einem Ort für lukrative Stippvisiten verkommen. Kohle statt Kunst. Dem Festspielhaus ist das Herz, der Geist, die Begeisterung abhanden gekommen. Und – ausgerechnet im 25. Jubiläumsjahr – die Besinnung auf die Werte, mit denen das Haus groß geworden ist.

Der Rückzug der Berliner Philharmoniker zu den Osterfestspielen nach Salzburg tut weh. Und: Er ist vielleicht ein letzter Hinweis darauf, dass Baden-Baden zum Neudenken gezwungen ist.

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