Jahresrückblick 2022

Wir – ganz anders? Unsere Bühnen

STAND
AUTOR/IN
Eva Marburg

Die Kulturpolitik gibt viel Geld aus für neue Kulturideen. Allerdings fehlt inzwischen vielfach das Publikum. „Live“ ist out, die Menschen bleiben auf dem Sofa. Jedenfalls drängt sich dieser Eindruck auf. Und damit umzugehen, sich anders auszurichten für die Zukunft, das fällt der Kunst schwer.

Audio herunterladen (4,1 MB | MP3)

Theater kämpfen nach der Pandemie um die Rückkehr der Besucher*innen

Publikumsschwund – wohl keine Vokabel hat in diesem Jahr den Theatern, Opern und Konzertsälen so viel Angst und Schrecken eingejagt wie dieses Horrorwort. Als Wehklage flog es wie ein Schauergespenst durch die nach dem Lockdown wiedereröffneten Bühnen und lehrte sie das Fürchten. „Wo seid ihr?“ hallte es in die leer bleibenden Zuschauerreihen hinein.

Erstaunlicherweise war man in Fachkreisen um Erklärungen für dieses Phänomen überhaupt nicht verlegen: in Artikeln, Diskussionen oder bei Branchenfestivals wurden die Ursachen für den Publikumsschwund durchanalysiert: 

Da war natürlich die Pandemie, die das Publikum vom Theater entwöhnt habe. Schuld war angeblich auch Netflix, das aus den Menschen Couch-Potatoes in Jogginganzügen gemacht hat. Da waren die abschreckenden Coronabedingungen des Theaterbesuchs, wie Masken- und Testpflicht. Es gab durch Krankheitsfälle im Ensemble ständig ausgefallene oder verschobene Vorstellungen, die den Theaterbesuch kaum mehr planbar machten.

Und dann der Krieg in der Ukraine, die Energiekrise, Klimakrise, Inflation und überhaupt, die gesamte Weltlage – das alles fördere beim Publikum das Bedürfnis, zu Hause zu bleiben. Das sei doch völlig klar!  

Schaubühne Berlin (Foto: IMAGO, Martin Müller )
Nach der Pandemie kann die Berliner Schaubühne dank Regiegrößen wie Thomas Ostermeier weiterhin große Erfolge verzeichnen. Martin Müller

Das Publikum selektiert stärker und entscheidet spontaner

Aber so klar ist es natürlich alles nicht. Mit dem Phänomen „Publikumsschwund“ beschäftigt sich mittlerweile die Wissenschaft – sie kommt auf keine eindeutigen Aussagen oder Lösungen. Die Auslastungszahlen, soviel ist sicher, sind extrem unterschiedlich. Da freut sich einerseits die Schaubühne Berlin über so viel Zuschauer*innen wie noch nie – während in Dortmund die Auslastung noch nicht mal 25 Prozent erreicht.

Eins ist vielleicht klar: das Publikum ist einerseits wählerischer und andererseits spontaner geworden. Wenn ein Theaterabend gut ist, geht es hin – wenn nicht, dann muss es nicht mehr sein. Die Option, ins Theater zu gehen, ist keine selbstverständliche mehr. Es geht und ging nämlich für viele Menschen auch sehr gut ohne diese Bretter, die wohl kaum die Welt bedeuten. Dass das Theater systemrelevant sein soll - wie während des Lockdowns gebetsmühlenartig behauptet wurde – das zumindest scheint die Pandemie widerlegt zu haben.

Kultur nach Corona „Massive Krise“: Besucherzahlen von Konzerten im Südwesten bleiben weit hinter Erwartungen zurück

Nach der Aufhebung der Corona-Beschränkungen hoffte der Kulturbetrieb auf eine schnelle Rückkehr des Publikums. Doch der Aufschwung bleibt aus. Das ergab eine Umfrage des SWR unter zahlreichen Konzertbetrieben und Kulturhäusern in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Vor allem Newcomer*innen sind betroffen.

Relevante Gegenwartsthemen oder ewiges Belehrungsgewitter?

Die Theater verteidigen sich und behaupten, innovativ zu sein, zu streamen und die wichtigen Gegenwartsthemen auf dem Spielplan zu haben. Das männlich dominierte Theaterfeuilleton schnauzte dagegen zurück: das sei ja unerträglich, dieses „ewige Belehrungsgewitter“, das von der Bühne komme: kein Wunder, dass das keiner sehen will.

Von „öden Diskursveranstaltungen“ war die Rede, von „ideologischem Dauerfeuer“. Das Gegenwartstheater ist, so hieß es zuletzt in der Streitchronologie der FAZ: „nazistisch-selbstbezüglich; politisch anmaßend; ästhetisch beliebig und in vielen Fällen einfach nur schlecht!“. Na, da hat sich wohl was angestaut.

Aushänge Staatstheater Stuttgart in der Pandemie (Foto: IMAGO, imagebroker)
Die Corona-Pandemie traf die Theaterschaffenden im März 2020 besonders hart. Vorstellungsausfälle, Besuche mit Abstand oder unter strengen Hygiene-Vorgaben vergraulten das übliche Publikum. imagebroker

Wenn die Welt in einer Krise ist – dann ist es das Theater auch

Die Gesellschaft ringt um ein neues Miteinander, um die Veränderung von Strukturen – die Institution Theater tut dies ebenso. Theater ist immer auch Krise und verändert sich unaufhörlich, beim Zusehen sozusagen. Das hat es zur gegenwärtigsten Kunst gemacht.

Das war noch nie anders. Auch Aristoteles hat sich darüber ausgelassen, wie primitiv er die Komödie findet. Goethe wollte Theaterkritiker totschlagen wie Hunde - Schiller kam irgendwann zu dem Schluss, auf das Publikum solle man einfach nur Kanonen richten. Oder man sagt es mit dem Künstler Christoph Schlingensief: „Theater ist und bleibt zu 90% ungenutzte Fläche“.

Was aber auch heißt: Es gibt sie, die wenigen 10%. Die einzigartigen, verstörend schönen Theaterabende – die uns bewegen, uns verändern, uns besser oder klüger zurücklassen. Und deretwegen wir nicht aufhören, ins Theater zu gehen.  

Mehr zum Thema Theater

Kolumne Axel Brüggemann: Die deutsche Stadttheater-Kultur ist in Gefahr

Wie sieht die Zukunft unserer zahlreichen deutschen Stadttheater aus? Es gibt Grund zur Sorge. Techniker*innen werden händeringend gesucht, wirklich attraktive Verträge kann man ihnen aber nicht bieten. Und auch die Chefposten, die der Intendant*innen sind nicht immer begehrt. Der Beruf ist immer komplexer geworden, Axel Brüggemann mit einer Bestandsaufnahme.

SWR2 Treffpunkt Klassik SWR2

Berlins kleinste Opernbühne Musiktheater mit Herz und Schnauze: 75 Jahre Komische Oper Berlin

Deutschlands Hauptstadt leistet sich drei Opernhäuser. Die Komische Oper ist die kleinste, aber auch die frechste unter ihnen. Während die großen Stars auf der Bühne der Staatsoper defilieren, setzt das Haus an der Behrensstraße auf eigenwillige Regieideen und zugängliches Repertoire – mit Erfolg!

STAND
AUTOR/IN
Eva Marburg