Mainzer Projekt macht Choreographien digital Der Computer tanzt

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Am 15.6.2018 von Natali Kurth

Tanz ist eine flüchtige Kunst. Choreographen denken sich komplexe Bewegungen für Tänzer aus. Wie lassen die sich dokumentieren, festhalten für die Zukunft? Das Forschungsprojekt „Motion Bank“ an der Hochschule Mainz geht diese Herausforderung an. Die Idee dazu hatte der weltbekannte Choreograf William Forsythe. Projektleiter Florian Jenett nutzt dazu sogenannte codebasierte Gestaltungsmethoden und -techniken.

Zeitgenössischen Tanz dokumentierbar machen

Wenn Florian Jenett über das Projekt „Motion Bank“ spricht, fallen Worte wie „zeitbasierte Annotation“. Was hat das mit Tanz zu tun?

Florian Jenett: „Im Kern geht es uns darum, dem zeitgenössischen Tanz bessere Formen von Dokumentationen an die Hand zu geben. Also wirklich in der Praxis, im Studio, Dokumentationen zu ermöglichen und dann zu helfen, dieses Wissen sichtbar zu machen.“

Wie „Motion Bank“ Tanz in digitale Bilder übersetzt

Notationssysteme versagen oft bei zeitgenössischem Tanz

Für Jenett besonders von Interesse sind zeitgenössische Arbeiten: „Im zeitgenössischen Tanz ist das Problem immens größer, weil klassischer Tanz mehr Dokumentationsmöglichkeiten hat. Es gibt klare Posen, es gibt die Stücke schon sehr lange, so dass man sehr gut Muster herausarbeiten kann, die schon existieren. Wenn wir bei zeitgenössischem Tanz an Improvisation denken, versagen die meisten Notationssysteme.“

Genau hier setzt „Motion Bank“ an. Ein Beispiel: Verschiedenfarbige Fäden ziehen sich durch ein digitales Bild, in mehreren Schichten.

Der Projektleiter von "Motion Bank", Prof. Florian Jenett, vor einem der Bilder, mit deren Hilfe Tanzsprache in digitalen Abläufen darstellbar wird. (Foto: SWR, SWR - Foto: David Meiländer)
Der Projektleiter von "Motion Bank", Prof. Florian Jenett, vor einem der Bilder, mit deren Hilfe Tanzsprache in digitalen Abläufen darstellbar wird. SWR - Foto: David Meiländer

Laufwege der Tänzerinnen aus der Vogelperspektive

Wie ein von einer Katze aufgerolltes Wollknäul bahnen sich die Fäden ihren Weg. In einem vierten Bild sind alle farbigen Fäden über einander gelagert. Dieses bunte Wirrwarr ist das Ergebnis von praktischer Wissenschaft.

Denn mit Hilfe von speziellen digitalen Werkzeugen kann Florian Jenett Videoaufnahmen von Tanz in eine neue Bildsprache verwandeln: „Was wir sehen, ist die Aufsicht auf die Bühne aus der Vogelperspektive. Die Pfade, die wir dort sehen, sind die Laufpfade der Tänzerinnen auf der Bühne.“

Zusammenarbeit mit der Pina Bausch Kompanie

Das Team der Motion Bank arbeitet mit vielen Tänzern, Choreographen und Kompanien zusammen. Meistens kommen diese auf die Wissenschaftler zu. Etwa die Pina Bausch Foundation. Mit ihr soll ein Konzept entstehen, wie man das Archivmaterial für möglichst viele Menschen zugänglich machen kann.

Tänzer tanzen verschiedenste Bewegungen, und die Computer von "Motion Bank" dokumentieren sie und verwandeln sie in digitale Bilder. (Foto: Hochschule Mainz - Foto: Motion Bank)
Tänzer tanzen verschiedenste Bewegungen, und die Computer von "Motion Bank" dokumentieren sie und verwandeln sie in digitale Bilder. Hochschule Mainz - Foto: Motion Bank

Choreographien als „Informationswolke“ vielen zur Verfügung stellen

Die Frage, wie zum Beispiel nach dem Tod eines Choreographen mit dessen Werk umzugehen ist, ist ebenfalls ein Thema. Der berühmte Choreograph Merce Cunningham etwa verfügte, dass seine Werke nur in sogenannten „Kapseln“, in denen sämtliches Aufführungsmaterial zu einem Stück gesammelt war, weitergegeben werden darf - und auch nicht an jeden.

Die Motion Bank will genau das Gegenteil: „Wir haben eine Informationswolke um ein Stück. Das können die Tänzer, die Dramaturgen, die Choreografen sein. Das wollen wir möglichst vielen Leuten zur Verfügung stellen, damit sie lernen können, wie die Denkweise im Tanz funktioniert.“

„Mister Griddle“ - ein digitaler Tänzer

Der sogenannte „Mister Griddle“ ist der Star eines Projekts, das gerade zusammen mit der Johannes Gutenberg-Universität entwickelt wird. „Mister Griddle“ ist sehr gelenkig, er kann seinen Rücken im rechten Winkel knicken oder die Unterschenkel nach oben biegen. „Mister Griddle“ ist ein Strichmännchen, das für digitale Tanzkurse benutzt wird und teils verrückte Zufallsposen anbietet.

„Mister Griddle“, ein Strichmännchen, das für digitale Tanzkurse benutzt wird und teils verrückte Zufallsposen anbietet. (Foto: Hochschule Mainz - Foto: Motion Bank)
„Mister Griddle“, ein Strichmännchen, das für digitale Tanzkurse benutzt wird und teils verrückte Zufallsposen anbietet. Hochschule Mainz - Foto: Motion Bank

Neue Möglichkeiten für zeitgenössischen Tanz ausprobieren

Florian Jenett: „Das sind Posen, die seltsam sind und die man natürlicherweise nicht so machen würde. Man kann einstellen, wie schnell die sich verändern und wie abstrakt sie sind. Dann kann man versuchen, diese Posten einzunehmen.“

Solche unerschöpfliche Kreativitätstools öffnen neue Möglichkeiten, wie zeitgenössischer Tanz entstehen kann. Und das Gute daran ist: Die Forscher können völlig unbefangen an ihre Arbeit gehen denn: „Erfolg spielt keine Rolle für uns. Ich denke, es ist etwas anderes, ob ein Stück erfolgreich auf der Bühne ist - oder wertvoll für die Tanzwissenschaft.“

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