STAND
AUTOR/IN

Die Karlsruher Medienkunststudentin Cosmea Spelleken hat Goethes  Klassiker „Die Leiden des Jungen Werther“ als digitales Theaterstück inszeniert, das wirklich nur digital im livestream funktioniert: die unglückliche Liebesgeschichte von Lotte und Werther spielt sich ausschließlich auf Instagramm, WhatsApp und per Videochats ab. Die Inszenierung wurde mit dem „Deutschen Multimediapreis“ ausgezeichnet und wurde beim „Nachtkritik Theatertreffen“ unter die Top Ten gewählt.

Audio herunterladen (4,6 MB | MP3)

Werther ist online, eigentlich immer.

Gerade hat er sich mit seinem besten Freund Willi eine Verfilmung von Goethes „Werther“ angesehen. Jeder in seiner Studentenbude, aber über Videochat verbunden. Willi kann im Gegensatz zu Werther nicht viel mit dieser alten Geschichte anfangen.

Instagram Account von Werther

Bekanntschaft über ebay-Kleinanzeige

Während die beiden Freunde noch über den Film reden, sehen wir auf Werthers Computerbildschirm permanent Instagram und WhatsApp-Nachrichten einflattern. Dann kommt plötzlich auch noch ein Anruf rein: eine gewisse Lotte ruft wegen der ebay-Kleinanzeige an. Sie hat das Buch über historische Pistolen noch und würde es ihm schicken, wenn er möchte. So beginnt ein lebhafter Austausch zwischen den beiden. Und wir können live an Werthers Bildschirm mitverfolgen, wie sie sich Text- und Sprachnachrichten senden, ZOOM-meetings abhalten und sich gegenseitig Fotos und Songs hin und herschicken. Wir sind also ganz nah dabei, wenn aus dieser Zufallsbekanntschaft die ganz große Liebe wird.

Goethes Briefroman ist zeitlos

Die 27-jährige Regisseurin Cosmea Spelleken ist seit ihrer Schulzeit begeistert von Goethes Briefroman. Sie ist davon überzeugt, dass dieser zeitlos schöne und wirkmächtige Plot auch als Social-Media-Theaterstück für ihre Generation funktioniert.

Zum Glück hat Cosmea Spelleken zwei sehr digital-affine KollegInnen mit ins Boot holen können. Denn fast 90 Prozent des zweistündigen Abends ist wirklich live gespielt. Die meiste Zeit verfolgen wir das Geschehen auf dem Bildschirm von Werther. Nur ab und zu gibt es kleine Einspieler, in denen jemand auf einer alten Schreibmaschine Originalzitate aus Goethes Werther abtippt.  

Inszenierung lässt vergessen, ein Theaterstück zu sehen

Die drei Schauspieler agieren so natürlich, dass man zwischenzeitlich fast vergisst, ein Theaterstück zu sehen: Drei junge Menschen kommunizieren ständig über Laptops und Smartphone miteinander, sie sind verbunden und doch einsam und allein in ihren Zimmern.

Direkterer Austausch mit Publikum als auf der Bühne

Diese distanzierte Verbundenheit bekommt aktuell durch das Leben im Lockdown nochmal eine ganz andere Dringlichkeit.  Das merkt das Produktionsteam auch an den Kommentaren, die die Zuschauer*innen live abgeben. Die Möglichkeit zu interagieren, kam erst nach und nach in die Inszenierung. Für viele sei das wie eine Bühne, auf der sie sich selbst inszenierten, sagt Werther-Darsteller Jonny Hoff. So viel direkten Austausch hat er als Theaterschauspieler sonst nicht, sagt Jonny Hoff. Eine Erfahrung, die er genießt – zumal ja sonst zur Zeit kaum Kontakte möglich sind.

Die Arbeit an dem digitalen Theaterstück hat dem Kollektiv so viel Spaß gemacht, dass es in der gleichen Konstellation weitermachen möchte. Neue Stückideen gibt es schon. Aber zuerst einmal hoffen sie noch auf möglichst viele Aufführungen von „werther.live“. Die Inszenierung hat gezeigt, wie originell und frisch digitales Theater sein kann. Ein echter Lichtblick aus der freien Szene im sonst oft eher langweiligen online-Angebot der etablierten Theater!

Die nächsten Gelegenheiten das digitale Theaterstück „werther.live“ im livestream anzuschauen sind am 27. Februar und am 4. März. Tickets erhält man unter www.werther-live.de.

Bühne Eine revolutionäre Auswahl: Das virtuelle Theatertreffen von nachtkritik.de veröffentlicht Bestenliste

Kurz bevor die Jury des Berliner Theatertreffens wie in jedem Jahr ihre Auswahl der „zehn bemerkenswertesten Stücke der Saison“ preisgibt, hat das Theaterportal nachtkritik.de schon einmal online über die besten Produktionen abstimmen lassen. Jetzt stehen die zehn Titel fest. Eine wegweisende, geradezu theaterrevolutionäre Auswahl, findet Theaterkritikerin Dorothea Marcus.  mehr...

SWR2 Kultur aktuell SWR2

Darmstadt

Bühne Vom Swimmingpool ins Haifischbecken: Digitales Hörstück am Staatstheater Darmstadt

Das Staatstheater Darmstadt geht neue Wege bei den digitalen Formaten: Es präsentiert Laura Naumanns Drama „Raus aus dem Swimmingpool, rein in mein Haifischbecken“ als Hörstück. Regisseur Jochen Strauch und sein Team hatten sich dazu entschlossen, nachdem die Bühnenproben im Dezember eingestellt werden mussten. Das Hörstück wird um ein digitales Produktionsbuch ergänzt, mit Entwürfen für Kostüme und Bühnenbild, Probenfotos, Texten und Filmclips.  mehr...

SWR2 Journal am Mittag SWR2

Diskussion Theater online – Funktioniert Kultur im Internet?

Goethes Faust online, Wagners Nibelungen im Livestream… gerade in der Pandemie nutzen Theater und Orchester das Internet, um dem Lockdown zumindest virtuell zu entkommen. Aber was bleibt dann übrig vom eigentlichen Kulturerlebnis? Hans-Jürgen Mende diskutiert mit Christine Lemke-Matwey - Kulturjournalistin, „Die Zeit“, Axel Brüggemann – Publizist, Prof. Holger Noltze - Medienwissenschaftler  mehr...

SWR2 Forum SWR2

STAND
AUTOR/IN