Bühne

Musiktheater von Bartók und Orff bei den Salzburger Festspielen - ein Abend, der nicht richtig zusammengeht

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AUTOR/IN
Bernd Künzig

Mit einer ungewöhnlich eigenwilligen Kombination beginnen die Salzburger Festspiele ihre Musiktheaterproduktionen. Béla Bartóks einzige Oper „Herzog Blaubarts Burg“ trifft auf Carl Orffs letztes Bühnenwerk „De temporum fine comoedia / Das Spiel vom Ende der Zeiten“, Letzteres ist ein Auftragswerk der Salzburger Festspiele 1973. Nach Mozarts „Don Giovanni“ im vergangenen Jahr haben sich Ritualregisseur Romeo Castellucci und Ritualdirigent Teodor Currentzis für diese Neuproduktion wieder zusammengetan.

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Bartóks Einakter und Orffs szenisches Oratorium trennen Welten

Was haben die Tränen in „Herzog Blaubarts Burg“ mit den apokalyptischen Anrufungen der Sybillen im „Spiel vom Ende der Zeit“ miteinander zu tun? Außer einer scheinbaren melismatischen Ähnlichkeit trennen Bela Bartóks Einakter und Carl Orffs szenisches Oratorium nicht nur ästhetische Welten, sondern auch rund sechzig Jahre. Es ist ein eher gewaltsamer Akt der Salzburger Festspiele, die beiden Stücke am Eröffnungsabend zusammen zu zwingen.

Vor dem Beginn von Bartóks „Herzog Blaubarts Burg“ erleben wir bei völliger Finsternis als Hörstück den frühen Kindstod und den Schrecken der Mutter. In Romeo Castelluccis Regiekonzept ist Bartóks Judith die unter dem Tod ihres Kindes leidende Mutter.

Bei Castellucci geht es nicht um den einsamen Mann, sondern um die leidende Frau

Eigentlich ist die junge Frau angetreten, um mit der Heirat des angeblichen Frauenmörders hinter dessen Geheimnis zu kommen. Sie lässt sich alle verschlossenen Zimmer der Burg öffnen, entdeckt die Schatzkammer, den blühenden Garten, aber auch den Tränensee und am Ende die drei höchst lebendigen Frauen des Morgens, des Mittags und des Abends, zu denen sie sich selbst als Frau der Nacht hinzugesellen und Blaubart in finsterer Einsamkeit zurücklassen muss.

Diesen symbolistischen Blick in die Seele des Mannes dreht Castellucci um. Es geht um das seelische und körperliche Leiden der Frau. Erleuchtet wird dieses psychoanalytische Ritual lediglich durch in Feuer gesetzte Zeichen, die am Ende sogar ein flammendes Buchstaben-Ich bilden.

Bartóks Oper "Herzog Blaubarts Burg" bei den Salzburger Festspielen 2022: Mika Kares (hinten) als Herzog Blaubart und Ausrine Stundyte als Judith.  (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/APA)
Bartóks Oper "Herzog Blaubarts Burg" bei den Salzburger Festspielen 2022: Mika Kares (hinten) als Herzog Blaubart und Ausrine Stundyte als Judith. picture alliance/dpa/APA

Dass Judith aber Bildimitationen von Fotografien aus der Psychiatrie des 19. Jahrhunderts, wie den berüchtigten, verkrampften Körper des hysterischen Bogens imitieren muss, ist nun alles andere als ein Blick feministischer Gerechtigkeit. Vielleicht ist Bartóks klangmagischer Einakter eine Männerfantasie, dergestalt wird sie aber kaum erlöst.

Extreme Dynamik: Das Leise ist an der Grenze des Hörbaren, das Laute recht gewaltsam

Ausrine Stundyte singt das Mädchen Judith auch regiebedingt als ältere Schwester der Salome und der Elektra, also fast schon mit einer gewissen Überreife. Mika Kares ist ein fantastischer Blaubart mit schöner Stimme, allerdings zum aktionistischen Stichwortgeber reduziert.

Teodor Currentzis waltet am Pult des Gustav Mahler Jugendorchesters mit den sattsam bekannten Manieriertheiten auf. Das Leise wird an der Grenze zur Unhörbarkeit wie eine köstliche Frucht zelebriert und nivelliert das gelegentlich Bedeutsamere zum Abgespielten. Wenn es laut wird, dann schon recht gewaltsam. Derartig unausgewogener Extremismus wird Bartóks bewegender Klangsprache nur bedingt gerecht.

Wie kommt Judith nun in Orffs Endspiel? Indem sie von den die Apokalypse prophezeienden Sybillen gesteinigt wird und am Ende der Zeit mit ihrem Blaubart als bußfertig kniendes Paar in Erscheinung tritt vor dem bei Gott um Vergebung bittenden Luzifer, dem Verführer der Menschen. Diese Klammer geht nur schwer auf. 

Bei Orff lässt es Currentzis wieder ordentlich krachen

Für Orffs „De temporum fine comoedia“ entfaltet Castellucci sein perfekt choreografiertes, bildgewaltiges Ritualtheater. Mit dem Musica aeterna Chor und dem Bachchor Salzburg lässt es Currentzis wieder ordentlich krachen. Dabei ist ihm die Partitur ein Spielmaterial, das er noch zusätzlich durch improvisiertes Klangrauschen anreichert, so dass sich der Abend der beiden Einakter auf fast vier Stunden quälend dehnt.

Car Orffs Endzeit-Oratorium "De temporum fine comoedia" bei den Salzburger Festspielen 2022: Das Ensemble mit musicAeterna Choir, Bachchor Salzburg, Tänzerinnen und Tänzer (Foto: dpa Bildfunk, picture alliance/dpa/APA)
Car Orffs Endzeit-Oratorium "De temporum fine comoedia" bei den Salzburger Festspielen 2022: Das Ensemble mit musicAeterna Choir, Bachchor Salzburg, Tänzerinnen und Tänzer picture alliance/dpa/APA

Der Dirigent ist der Zeremonienmeister des musikalischen Rituals, der allerdings kaum über die simple Strickweise der Redundanz in Orffs Partitur hinwegtäuschen kann. Überwältigungsstrategie herrscht hier sowohl szenisch als auch musikalisch vor.

Nach Salzburg passt der Abend schon, auch wenn er nicht richtig zusammen geht. Denn der Totentanz ist schon im Kernstück der Festspiele, im Spiel vor dem Dom mit dem „Jedermann“ gesetzt. Currentzis und Castellucci setzen dem am Eröffnungsabend mit ihrem monumentalen Theater der Finsternis noch eins drauf. Die Felsenreitschule ist hier die dunkle Seite des Mondes.

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Bernd Künzig