Tanz

Wagner, Club Kids und viel Glitzer – „Le Sacre“ am Mainzer Staatstheater

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Der Tanzabend „Le Sacre" von Koen Augustijnen und Rosalba Torres Guerrero, der auf Strawinskys Komposition „Le Sacre du Printemps“ beruht, entstand unter schwierigen Pandemie-Voraussetzungen. Dafür lässt man es am Staatstheater Mainz jetzt optisch so richtig krachen. Stefanie Krimmel verpasst den Tänzern und Tänzerinnen einen Trans*-Look mit Stöckelschuhen, viel Glitzer und anderen exzentrischen Details. Die verrückten Bauern ersetzt Augstijnen mit den sogenannten „Club Kids“ der 1980er Jahre. Ein Kostümballett, wie man es von „tanzmainz“ nicht kennt.

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Wagner, Beethoven, Arvo Pärt

Wagners Tannhäuser am Anfang eines Ballettabends, der unter dem Titel „Le Sacre“ seine Uraufführung hat, ist eine ungewöhnliche Entscheidung. Wer Wagner hören will, geht normalerweise in die Oper.

Zwar ist es durchaus keine Seltenheit, dass sich Choreografen anderer Musik bedienen, um die nur rund 35-minütige Komposition von Igor Strawinsky auf einen mindestens einstündigen Ballettabend auszuweiten. Doch in diesem Falle, bei dem auch noch Arvo Pärt und Beethoven herhalten mussten, hätte man besser gleich einfach einen zweiteiligen Ballettabend angekündigt.

Le Sacre - tanzmainz (Foto: Pressestelle, Andreas Etter)
Tolle Kostüme, doch inhaltlich bleibt vieles unklar. Pressestelle Andreas Etter

Zu Wagner also schwingt das sonst so quirlige Tanzensemble eher wie ein Opernchor in äußerst aufwendiger Kostümierung von Stefanie Krimmel. Sie verpasst den Tänzern und Tänzerinnen einen Transvestitenlook mit Stöckelschuhen, viel Glitzer und anderen exzentrischen Details.

Ausstattung scheint wichtiger als der Tanz

Ein Kostümballett, wie man es von „tanzmainz“ nicht kennt. Die Ausstattung scheint wichtiger als der Tanz, zumal man sich in langen Umhängen, engen Kleidern oder mit einer Kralle, die an Johnny Depp in seiner Rolle in Edvard mit den Scherenhänden erinnert, sowieso kaum tänzerisch ausleben kann.

Auf der Bühne steht eine riesige Brücke, die ein Symbol des Übergangs sein soll. Über diese Brücke gehen, laufen, rennen einzelne Menschen, während unten die Party boomt. Da „Le Sacre“ nicht auf Tournee gehen wird, hat man es optisch diesmal offenbar richtig krachen lassen.

Ein Kostümballett in zwei Teilen

Der eigentliche „Sacre“ fängt erst nach rund 45 Minuten an - die Tänzer und Tänzerinnen legen Teile ihrer Kostüme ab und die Komposition von Strawinsky klingt aus dem Orchstergraben, umwerfend dirigiert von Paul-Johannes Kirschner. Wagner und das Kostümballett sind überstanden, jetzt also geht es los - soweit die Hoffnung.

Die verrückten Bauern, die im ursprünglichen Sacre ein junges Mädchen opfern und ihre Füße kantig in den Boden stampften, ersetzt Koen Augstijnen mit den sogenannten „Club Kids“ der 1980er Jahre. Sie tanzten einst zu Techno - und Discomusik, brachen nachts aus ihrer schnöden Welt aus und hatten ihren eigenen Kleidungsstil.

Hervorragende Tanzleistungen

In Mainz sind nun locker flockig hüpfende Tänzer und Tänzerinnen zu sehen, die ihre Beine im Stil von einst nach vorne schwingen – und ja irgendwie auch nach ihrer Identität suchen.

Es hervorragende tänzerische Einzelleistungen vieler Ensemblemitglieder, die in Erinnerung bleiben. Nicht das Stück als Ganzes.

Das Ensemble hatte viel Freiheit zur Mitgestaltung, zwei Choreografen dazu. Am Ende fehlt der Choreografie ein Zentrum. Sie wirkt zerfahren.

Ein begeistertes Publikum

Zum Schluss lässt sich das Ensemble kollektiv fallen. Sind also alle Opfer ihrer Jugend, ihrer Zeit, der Pandemie, in der das Stück entstand? Alles mögliche Gedanken.

Das jubelnde Mainzer Publikum wird jedenfalls mit einer hoffnungsvollen Geste aus dem nicht vollends geglückten Sacre-Experiment entlassen: Die vermeintlichen Opfer springen wieder auf und ihrem Gegenüber in den Arm.

Mainz

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