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Unterhaltsames Roadmovie - Rushdies „Quichotte“ am Staatstheater Wiesbaden

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„Quichotte“ ist der Titel des neuesten Romans von Salman Rushdie, in dem ein verzweifelter Anti-Held durch ein Trump-gebeuteltes Amerika irrt. Regisseur Daniel Kunze schnürt das Epos bei der Uraufführung am Staatstheater Wiesbaden zu einem prallen Roadmovie zusammen. Das Stück zeigt: #MeToo lässt die großen Liebesgeschichten der Literatur plötzlich nur noch wie Stalker-Fantasien weißer alter Männer erscheinen.

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Die Welt erwacht nach der Trump-Ära

Schon in der ersten Szene tauchen die Stationen dieser langen Anti-Heldenreise wie deus-ex-macchina von den Seitenbühnen auf, allen voran eine Gruppe junger Mädchen in Seidenschlafanzügen, die als anklagende Me-Too-Opfer die große Liebes-Erzählung des Autors konterkarieren.

Der Abend wird zu einem großen „Sich die Augen-reiben“ über die Trump-Ära, aus der die Welt gerade erst wie aus einem Drogenrausch erwacht. Und Regisseur Daniel Kunze lässt uns in diesen Bildern baden.

Quichotte (Foto: Pressestelle, Karl und Monika Forster)
Monika Kroll beeindruckt durch ihre Darstellung als „menschliches Trampolin" Pressestelle Karl und Monika Forster Bild in Detailansicht öffnen
Christoph Kohlbacher spielt den Sancho, der sich im Laufe des Stücks in einen Pinocchio verwandelt Pressestelle Karl und Monika Forster Bild in Detailansicht öffnen
Rainer Kühn in der Titelrolle des Quichotte Pressestelle Karl und Monika Forster Bild in Detailansicht öffnen
Das Bühnenbild stammt von Dorothea Lütke Wöstmann Pressestelle Karl und Monika Forster Bild in Detailansicht öffnen
Ungleiches Paar: Christoph Kohlbacher als Sancho, Rainer Kühn als Quichotte Pressestelle Karl und Monika Forster Bild in Detailansicht öffnen

Die Romanvorlage ist voll an literarischen Bezügen

Schon der Roman: Ein pralles Roadmovie, mit unzähligen literarischen Bezügen, Anleihen aus der Welt des Fernsehens und einer Abrechnung mit dem großen Ganzen.

Mit einem Amerika, durch das der Autor Rushdie seine Hauptfigur Ismael reisen lässt, ein trauriger Handlungsreisender für Opioide, der mit seinem imaginierten Sohn als Sidekick Sancho unterwegs ist.

Binge-Watching hat dem Protagonisten den Bezug zur Realität genommen

Wie der gegen Windmühlen kämpfende Ritter Quichotte bei Cervantes ist dieser Ismael ein Kämpfer um die ganz große Liebe, die er in der unerreichbaren TV-Ikone Selma gefunden zu haben glaubt. Nicht bei den Ritterromanen, sondern in der Parallelwelt der TV-Shows findet er Trost und Ansporn.

Aber durch exzessives Binge-Watching hat er jeglichen Bezug zur Realität verloren, die Grenzen verschwimmen – tröstlich in einer grausamen Welt, die dem Lügen, Betrügen, der Korruption und Drogenmissbrauch in Form der Opioidkrise verfallen ist.

Regisseur Kunze liefert ein Roadmovie im Sinne Rushdies

Wie es nun Regisseur Daniel Kunze auf der Bühne des Kleinen Hauses in Wiesbaden schafft, dieses Roadmovie zum Leben zu erwecken, ist ein unterhaltsames Kunststück – und ganz im Sinne Rushdies, der schon im Roman die Zeit munter dehnt und zusammenschnurren lässt.

Mit unzähligen Vor- und Rücksprüngen, Ebenen- und Perspektivwechseln zündet er ein wahres Feuerwerk. Mit großer Spiellust wechselt das Schauspielensemble zwischen antiker Tragödie samt Chor, Hollywood-Schmonzette und absurdem Theater.

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Seit #MeToo und Donald Trumps „Grab them by the pussy“ wirkt der literarische Topos von der unerfüllten ritterlichen Liebe hier als eine abgeschmackte Verklärung des männlichen Stalkers. Muss Literatur nicht völlig anders gelesen werden? Und auch damit seine weißen alten Männer vom Thron stoßen?

Immer wieder tritt das Autorenduo auf die Bremse

Rainer Kühn spielt diesen Ismael als dürren Greis im rosa Leinenanzug, in dessen Augen das Kindliche immer wieder verzweifelt aufblitzt, bevor sein Blick ins Leere einer TV-Show versinkt. Und so wird sein verlorener Sohn, den sich Ismael als willenlosen Gehilfen Sancho Pansa imaginiert, schließlich aufbegehren.

Sancho ist ein Pinocchio, der seinen Vater Gepetto töten muss – der, der ihn erschaffen hat. Auf die indische Herkunftsfamilie des Autors verweist ganz elegant nur noch das Gewand der Schwester. Schauspielerin Monika Kroll spielt sie als „menschliches Trampolin“ und mit messerscharfer Wucht alle an die Wand.

Schön, dass das Autorenduo immer wieder für solche Szenen gekonnt auf die Bremse tritt – wie es sich eben für ein gelungenes Roadmovie gehört.

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