STAND
AUTOR/IN

Vladimir Nabokovs Roman „Lolita“ ist schon eine Provokation an sich, der Künstler Jonathan Meese hat in seiner Inszenierung unter dem kryptischen Namen „Lolita (R)evolution (Rufschädigendst)“ am Theater Dortmund dem Ganzen eine komplett neue Wendung gegeben.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
6:00 Uhr
Sender
SWR2

Theater „Lolita (R)evolution (Rufschädigendst) – Ihr Alle seid die Lolita Eurer Selbst!“ am Theater Dortmund

„Lolita (R)evolution (Rufschädigendst) – Ihr Alle seid die Lolita Eurer Selbst!“ am  Theater Dortmund (Foto: Theater Dortmund / 2020, Photography Jan Bauer.net / Courtesy Jonathan Messe.com)
Jonathan Meese und seine Mutter – das ist eine besondere Geschichte. Sie hat ihn allein aufgezogen und ihm im Alter von 22 Jahren seinen ersten Zeichenblock samt Buntstiften geschenkt. Theater Dortmund / 2020, Photography Jan Bauer.net / Courtesy Jonathan Messe.com Bild in Detailansicht öffnen
Heute ist Mutter Meese 90 Jahre alt und spielt weiterhin eine riesige Rolle im Schaffen ihres Sohnes. Den Rammstein-Song „Hier kommt die Sonne“ hat er umgedichtet auf „Hier kommt die Mutter“. Und dann ändert er den Text plötzlich in „Hier kommt der Führer“. Theater Dortmund / 2020, Photography Jan Bauer.net / Courtesy Jonathan Messe.com Bild in Detailansicht öffnen
Dabei trägt Meese eine SS-Uniform mit Hakenkreuzarmband und wie schon oft reckt er den rechten Arm zum Hitlergruß. Unzählige Male passiert das im Rahmen der Performance „Lolita (R)Evolution (rufschädigenst) – Ihr alle seid die Lolita eurer selbst“. Theater Dortmund / 2020, Photography Jan Bauer.net / Courtesy Jonathan Messe.com Bild in Detailansicht öffnen
Die literarische Vorlage – der Roman „Lolita“ von Vladimir Nabokov – wird gleich zu Beginn des Abends in einem Video zusammengefasst. Von Jonathan Meeses Mutter, die anscheinend einen Artikel aus einem Literaturlexikon vorliest. Dann spielt dieser Stoff nur noch eine Nebenrolle. Meese arbeitet sich an Nazi-Symbolen und der Blut-und-Boden-Mythologie ab, wobei er einige Sätze ständig wiederholt. Theater Dortmund / 2020, Photography Jan Bauer . Net / Courtesy Jonathan Meese Bild in Detailansicht öffnen
Einige Schauspieler aus dem ehemaligen Berliner Volksbühnen-Ensemble verstärken das Dortmunder Team. Schon während das Publikum den Saal betritt, krächzt Bernhard Schütz hingebungsvoll unbegabt Lieder Robert Schumanns. Lilith Stangenberg trällert mal aggressiv, mal traumverloren einen obskuren Mix aus deutschem Schlager und nationalsozialistischen Kampfliedern. Theater Dortmund / 2020, Photography Jan Bauer.net / Courtesy Jonathan Messe.com Bild in Detailansicht öffnen
So ein direkter Gebrauch von Nazitexten und -symbolen ist natürlich eine Provokation. Gleichzeitig hat die Performance – die weitgehend spontan ist und an jedem Abend anders abläuft – trotz viel martialischem Gebrüll etwas kindlich Verspieltes. Der 50-jährige Meese wirkt wie ein alternder, dicklicher Junge in heftigen Pubertätsschüben. Theater Dortmund / 2020, Photography Jan Bauer.net / Courtesy Jonathan Messe.com Bild in Detailansicht öffnen
Immer wieder findet sich das Ensemble in einem Kreis zusammen zu einer Art Geisterbeschwörung. Vielleicht ist das der Kern des Abends: eine ekstatische Séance, bei der Nazi-Teufel aus der Hölle gerufen werden. Theater Dortmund / 2020, Photography Jan Bauer.net / Courtesy Jonathan Messe.com Bild in Detailansicht öffnen
Auf der Bühne fahren bunt bekritzelte Meese-Plakate rauf und runter, popkulturelle Anspielungen prasseln auf das Publikum herab, die Schauspielerinnen und Schauspieler reißen sich die Mikrofone aus den Händen und grölen Songs. Theater Dortmund / 2020, Photography Jan Bauer.net / Courtesy Jonathan Messe.com Bild in Detailansicht öffnen
Der Abend ist laut, lang, maßlos, albern und aggressiv. Und gerade deswegen faszinierend, weil Meese und seine Bande eine Form von Freiheit ausleben, wie man sie auf der Bühne kaum noch findet. Am Schluss kommt seine Mutter höchstpersönlich auf die Bühne und setzt sich zum Ensemble. Theater Dortmund / 2020, Photography Jan Bauer.net / Courtesy Jonathan Messe.com Bild in Detailansicht öffnen
Der ganze Radau wird ihr bald zu viel, und sie will wieder weg. Da wird Jonathan Meese plötzlich ganz zum Kind und bettelt darum, dass er noch zweimal Rammstein singen darf. Dann sei auch bestimmt alles vorbei. Ein radikaler Abend, im Privaten wie im Politischen, grob, angreifbar, wahnsinnig und zutiefst ehrlich. So etwas erlebt man selten. Theater Dortmund / 2020, Photography Jan Bauer.net / Courtesy Jonathan Messe.com Bild in Detailansicht öffnen

Lolita (R)evolution (Rufschädigenst). Ihr Alle seid die Lolita Eurer Selbst! Theater Dortmund. Nächste Aufführungen am 21.3., 3.4. und 25.4.

STAND
AUTOR/IN