Bühne

Tschechow im weiblichen Licht: Beeindruckende „Anna Iwanowa“ am Staatstheater Karlsruhe

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AUTOR/IN
Marie-Dominique Wetzel

Die Schauspieldirektorin des Badischen Staatstheaters Karlsruhe Anna Bergmann ist für ihre Klassiker-Adaptionen mit weiblicher Perspektive bekannt. Jetzt hat sie für das Tschechow-Stück „Iwanow“ aus der männlichen Hauptrolle mit „Anna Iwanowa“ eine weibliche Gegenfigur geschaffen. Ein beeindruckender Theaterabend mit einem bestens aufgelegten Ensemble.

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Surreal wie aus einer anderen zeit

Die Bühne ist leer und dunkel, der Boden knöcheltief mit schwarzgefärbtem Rindenmulch bedeckt. Aus dem Nebel treten wie in Zeitlupe vier Frauen in weißen Brautkleidern.

Als der Bräutigam auftaucht, muss er unter ihnen erstmal die richtige Braut suchen. Dann wird gefeiert. Mit dieser surrealen Szene, die wie eine Erinnerung an eine weit zurückliegende Zeit wirkt, beginnt Regisseurin Anna Bergmann ihren Tschechow-Abend.

Anna Iwanowa ist müde, frustriert und pleite

Tatsächlich zersticht die Anna Iwanowa, die nach dem Szenenwechsel auftaucht, zuerst einmal alle noch herumliegenden Luftballons der Feier. Ihre Liebe zu ihrem Mann Nikolai scheint erloschen.

Anna Iwanowa von Anton Tschechow (Foto: Pressestelle, Thorsten Wulff)
Wer ist hier eigentlich das Opfer: In „Anna Iwanowa“ werden die Rollen getauscht. Pressestelle Thorsten Wulff

Sie ist müde, frustriert und pleite. Sie kann und will ihren erkrankten Mann nicht zur Kur auf die Krim begleiten, wie die Ärztin es empfiehlt.

Wer ist Täter, wer ist Opfer?

Aber ist Anna Iwanowa tatsächlich die herzlose, kühl kalkulierende Geschäftsfrau? Und Nikolai, der meist im Bademantel hustend herumschlurft, ihr Opfer?

Durch die Umbesetzung der Rollen werden die Machtverhältnisse in dieser Beziehung auf den Kopf gestellt und dadurch neu befragt. Es ist erstaunlich: der Frau Anna Iwanówa trauen wir so viel Gefühlskälte und Berechnung erst einmal gar nicht zu.

Hartnäckige Rollenklischees werden entlarvt

Und ihr Mann – kann er tatsächlich so schwach und liebeskrank sein? Unsere Rollenklischees sind doch erstaunlich hartnäckig!

Sarah Sandeh und Jannek Petri spielen dieses ungleiche Paar und laufen im dritten Akt zur Hochform auf, wenn sie zwischen Hass und Liebe, Verachtung und Mitleid schwanken. 

Der hibbeligen Anna Iwanowa nimmt man ihre Lebensmüdigkeit nicht ab

Während der Rollenwechsel bestens funktioniert, ist die Figur der Anna Iwanówa in sich nicht ganz stimmig. Anna Bergmann zeigt sie als impulsiven Menschen.

Das mag als Gegenmodell gedacht sein zu den typischen, lethargischen Tschechow-Figuren, die an ihrem langweiligen, sinnentleerten Leben als Kleinadelige in der russischen Provinz leiden. Aber dieser hibbeligen Anna Iwanowa nimmt man ihre Lebensmüdigkeit einfach nicht ab. 

Zeitsprung ins Jetzt

Im vierten Akt, nach der Pause, sind wir in einer anderen Zeit gelandet – den modernen Kostümen nach im Heute. Der junge Nachbarssohn Sascha scheint wild entschlossen, Anna Iwanowa zu heiraten.

Anna Iwanowa von Anton Tschechow (Foto: Pressestelle, Thorsten Wulff)
Krisen und Endzeitstimmung: Der Sprung in die Gegenwart gelingt. Pressestelle Thorsten Wulff

Deren Mann, Nikolai, ist inzwischen seiner Lungenkrankheit erlegen. Doch die Zeichen der Zeit stehen auf Katastrophe: ein Komet rast auf die Erde zu.

Endzeitstimmung wie in der Gegenwart

Da bekommt Anna Bergmanns Inszenierung auf einmal noch einen Dreh ins Heute. Denn mit Krisen verschiedenster Art und Endzeitstimmung kennen wir uns ja ganz gut aus.

Der Komet fliegt nochmal knapp an der Erde vorbei. Doch während andere darin eine Chance sehen, endlich ins Handeln zu kommen und ihr Leben zu ändern, beschließt Anna Iwanowa, ihres selbst zu beenden.

Ein beeindruckender Theaterabend mit einem bestens aufgelegten Ensemble. Und der Rollenwechsel ist nicht nur origineller Regie-Einfall, sondern wirft ein neues Licht auf Tschechows Text und liefert einige interessante Denkanstöße.

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