Theater

Traum oder Albtraum – Überbordende Uraufführung von „Morpheus Studio“ am Mainzer Staatstheater

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AUTOR/IN
Ursula Böhmer

Morpheus, der Sohn des antiken Schlafgottes, kann sich in Gestalten verwandeln, die uns im Traum besuchen. Um diese Geschichte hat das Staatstheater jetzt einen szenischen Liederabend gestrickt. Eine hochkomplexe Klangcollage mit Beatles-Songs, Opernarie und Rap. Eine überbordende Produktion, die am Ende etwas langatmig wirkt.

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Alkyones Mann ist gestorben

Schlafenszeit im Mainzer Staatstheater: Im untersten Stockwerk des Hauses, im Studio „U 17“, liegen Traum-Gott Morpheus und seine Gefährten noch in einem riesigen Bett in friedlichem Schlummer. Bis Götterbotin Iris im titelgebenden „Morpheus Studio“ erscheint.

Reisecape über sexy 60er Jahre-Mini, überbringt sie eine Nachricht ihrer Herrin Juno: Morpheus soll der Alkyone im Traum erscheinen, um ihr vom Tod ihres Mannes zu berichten. Bei einem Seesturm ist er umgekommen.

Body-Percussion der Götterbotin

Kurz darauf bricht auf der Mainzer Bühne auch schon der Sturm los. Die ausdrucksstarke Karina Repova schlüpft hier in Alkyones klagende Rolle – zitiert eine Arie des französischen Barockkomponisten Marin Marais herbei.

Die Götter sind gnädig und verwandeln Alkyone in einen Vogel. In Mainz übernimmt das wiederum Götterbotin Iris alias Schauspielerin Antonia Labs, die hier eine bravourös hände-flatternde Bodypercussion-Nummer hinlegt.

Iris muss schlafen

Traum-Auftrag erfüllt: Iris könnte nun eigentlich wieder gen Himmel fahren. Doch Regisseur Niklaus Helbling verknüpft den antiken Morpheus-Mythos aus Ovids „Metamorphosen“ mit Anleihen aus dem babylonischen Gilgamesch-Epos.

Er bastelt sich daraus noch eine weitere Geschichte: Also wird Iris, die noch nie geschlafen hat, auf die „Reise an den Grund des Schlafs“ geschickt. Statt in eine Mondkapsel steigt sie dazu in eine riesige Mohnkapsel. Ein schönes Bild – schließlich ist der Schlafmohn in der griechischen Mythologie das Symbol für Morpheus.

Vielschichtig-abstrakte Komposition von Paul-Johannes Kirschner

„Reise an den Grund des Schlafs“ – so heißt auch die neue, vielschichtig-abstrakte Komposition von Paul-Johannes Kirschner, die im Zentrum des Abends steht. Kirschner ist auch Teil der Mainzer Traumwelt: Mal setzt er sich ans Klavier, singt mit, oder klimpert aus Bachs „Goldberg-Variationen“, die der Legende nach als Einschlaf-Musik für einen Grafen entstand.

Oder er erläutert als „Dr. Kachelmann“ seine komplizierte Kompositionsweise, bei der er einen Bogen schlägt vom Quintenzirkel bis zum Fünfeck, aus dem in Mainz passenderweise auch das Kachelmuster des Bühnenbodens besteht.

Hochkomplexe Theorie trifft auf Mythologie

Hochkomplexe Theorie trifft auf Mythologie an diesem Abend – und auf viel Musik, die das Ganze Gott-sei-Dank immer wieder durchbricht. Fabelhaft: Der Australier Brett Carter, der neben klassischem Gesang auch mal Gitarre studiert hat.

Als Morpheus in Pyjamahose und Lockenmähne switcht er gekonnt zwischen E-Gitarre, Rap, Rock und Operngesang hin- und her.

Herausfordernd, überbordend, langatmig

Ebenso stilsicher und wandelbar sind Morpheus‘ Traumgefährten. Darunter Klaus Köhler, der als verschroben-durchgeknallter „Johnny Panic“ in schwarzer Frackjacke als Conférencière durch den Collage-Abend führt, auch mal auf Tuchfühlung mit dem Publikum geht.

Sehens- und hörenswert ist „Mopheus Studio“ allemal. Aber auch herausfordernd, überbordend komplex, am Ende langatmig – und letztlich ermüdend. Was eigentlich wiederum passt für einen Abend, der sich rund um den Schlaf dreht.

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