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Tracy Letts "Mary Page Marlowe - eine Frau" am Theater Basel Die Frau - ein leeres Blatt

Am 19.3.2018 von Eva Marburg

Der US-Dramatiker Tracy Letts, Pulitzerpreisträger und Starschauspieler, hat ein neues Stück für die Bühne geschrieben. „Mary Page Marlowe – Eine Frau“ hatte im Theater Basel seine Schweizer Erstaufführung. Erzählt wird wieder einmal die Geschichte der Frau, die in vorbestimmten Rollen lebt. Für mehr hat Letts Phantasie nicht gereicht.

Eine Frau - scheinbar wie jede andere

„Mary Page Marlowe“ - alles an der Frau, die an diesem Theaterabend porträtiert wird, scheint zunächst gewöhnlich. Ein Leben, beliebig aus der Masse herausgegriffen. Eine Biografie, wie es sie viele gibt.

Denn Frauen - und das ist die zentrale Aussage - bleiben im Leben nicht viele Möglichkeiten, sich eine einzigartige Identität aufzubauen: „Ich denke, dass für uns als Frauen viele Rollen schon vorgefertigt sind und es nur einen Weg gibt: Ehefrau zu sein, Tochter zu sein, Mutter zu sein, Liebhaberin.“

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Tracy Letts: "Mary Page Marlowe - eine Frau"

Ein Frauenleben in deprimierenden Stationen

... ringt Mary Page Marlowe um ihre Selbstbestimmung. Letztlich aber verläuft ihr Leben auf absehbaren, vorbestimmt erscheinenden Bahnen.

Ehefrau zu sein, Tochter zu sein, Mutter zu sein und schließlich Liebhaberin - mehr scheint das Leben auch für sie nicht bereit zu halten.

Was am Ende bleibt, sind Frustration und Tristesse.

Doch die Beschwörung der Vergangenheit bleibt für Mary Page Marlowe eine leere Fiktion.

...und schließlich der Krebstod als deprimierendes Ende eines deprimierenden Lebens. Zeit, sich für die Bühne neue Geschichten auszudenken - in denen Frauen mehr sind als die Platzhalter für vorgezeichnete Lebensentwürfe.

Klotz auf der Bühne - hier macht keine Frau Karriere

Die Bühne von Johannes Schütz zeigt deshalb auch ein flächiges, nur minimal nach hinten ansteigendes Treppenareal aus Holz. Karrierestufen kann man hier wahrlich nicht erklimmen. Vorn am Bühnenrand liegt quer - wie ein Hindernis - eine riesige, lange Holzklotzbank. Auf ihr, davor oder dahinter spielen sich die Szenen ab.

„Mary Page Marlowe – Eine Frau“ ist ein nicht chronologisch erzähltes Stationendrama, ein psychologisches Puzzlespiel einzelner Lebensszenen, aus denen man sich die Biografie dieser Frau zusammenbasteln muss.

Franziska Hackl in "Mary Page Marlowe - eine Frau".

Franziska Hackl in "Mary Page Marlowe - eine Frau".

Lebensstationen in tristen Jahreszahlen

Die Kapitel bilden einzelne Jahreszahlen, die auf die Hinterwand projiziert werden. „1946“ zum Beispiel: da ist Mary Page noch ein Baby, die Ehe der Eltern bereits im Alkohol ertränkt.

„1996“ – Mary Page setzt sich mit 3,2 Promille im Blut hinter das Steuer, fährt fast jemanden tot und muss ins Gefängnis. „1965“ – Mary Page ist College-Studentin, glaubt noch an die Freiheit der Entscheidungen, will niemals heiraten und möchte in Paris leben.

Inga Eickemeier, Mareike Hein, Lisa Stiegler in "Mary Page Marlowe - eine Frau" am Theater

Inga Eickemeier, Mareike Hein, Lisa Stiegler in "Mary Page Marlowe - eine Frau" am Theater Basel.

Im Fernsehen Dr. House - und dann der Krebstod

„2009“ sitzt sie dann mit ihrem dritten Ehemann vor dem Fernseher und guckt Dr. House. Statt Whiskey gibt es Coca-Cola. „2011“ – da ist erst die Hälfte des 90minütigen Abends vorbei, stirbt sie an Krebs.

Die zwölf Schauspieler, von denen fünf Spielerinnen Mary Page in unterschiedlichen Altersstufen spielen, sind die ganze Zeit auf der Bühne und bevölkern so den Erinnerungsraum dieses Lebens.

Szene aus "Mary Page Marlowe - eine Frau"

Szene aus "Mary Page Marlowe - eine Frau" mit Leonie Merlin Young, Connor Noeken, Franziska Hackl, Martin Hug und vorne Katja Jung.

"Was wäre gewesen, wenn...?"

Wie Geister aus der Vergangenheit und Zukunft kommen die Darsteller nach vorne und rufen die Erinnerungen wach. Über allem schwebt die Frage des „Was wäre, wenn sich Mary Page in bestimmten Situationen anders entschieden hätte?“ Ist sie für ihr Leben selbst verantwortlich – oder wurde es von den Umständen bestimmt?

Die Antwort läuft leider auf den überstrapazierten Gemeinplatz hinaus, dass die Frau sich nur in Identitätsangeboten wiederfindet, die ihr fremd sind. Ob als Hausfrau oder Mutter: ständig haben sie irgendwelche Rollen zu erfüllen, in denen sie selbst eine Leerstelle bleiben – a page, wie schon der Name sagt – ein leeres Blatt.

Martin Hug und Franziska Hackl in "Mary Page Marlowe"

Martin Hug und Franziska Hackl in "Mary Page Marlowe - eine Frau" am Theater Basel.

Uralte Geschichte der Frau, geschrieben von einem Mann

Die Geschichte der Frauen, so heißt es oft in letzter Zeit, würde jetzt noch einmal neu geschrieben, es begänne eine neue Zeitrechnung. Der Theaterabend „Mary Page Marlowe – Eine Frau“ ist jedoch eine alte, eine uralte Geschichte (geschrieben und inszeniert von einem Mann), in der die Frau fremdbestimmt ist, ihre Träume händeringend begräbt und sich ob der Umstände, die nun mal so sind, wie sie sind, in ihr Frauenschicksal als gesellschaftliches Gefängnis dreinfügt.

Höchste Zeit für andere Geschichten über Frauen

Und während man dem so zusieht, wünscht man sich für die Bühne dringend neue Geschichten herbei. Geschichten, in denen Frauen keine Leerstellen mehr sind. Doch wahrscheinlich haben Männer hierfür einfach zu wenig Phantasie.


Der amerikanische Schauspieler und Dramatiker Tracy Letts erhielt 2008 für das Bühnenstück „August: Osage County“ den Pulitzer-Preis. Die Studie über eine zerrüttete Familie und eine medikamentensüchtige Mutter wurde 2013 mit Meryl Streep verfilmt. Als Schauspieler ist Letts derzeit im Spielberg-Film „Die Verlegerin“ in den Kinos.

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