Bühne Rimini Protokoll in Frankfurt: Tourette-Theater mit Tourette-Darstellern

Von Sabine Mahr

Theater über Tourette-Syndrom - mit Darstellern, die das Tourette-Syndrom haben: Ein spannender Stoff für das Kollektiv Rimini Protokoll, das als Aushängeschild des deutschen Dokumentartheaters gilt. Ein Abend mit kompliziertem Titel: „Chinchilla Arschloch WasWas Nachrichten aus dem Zwischenhirn“. Er schafft Augenhöhe mit Menschen, die darunter leiden, dass sie dank ihrer Krankheit unfreiwillig in der Öffentlichkeit stehen.

Theater Bilder zu „Chinchilla Arschloch WasWas Nachrichten aus dem Zwischenhirn“

Barbara Morgenstern, Benjamin Jürgens und Christian Hempel beim neuen Stück von Rimini-Protokoll in Frankfurt (Foto: Schauspiel Frankfurt - Robert Schittko)
Ein Audiogerät läuft mit, als sich Benjamin und Christian sich zum ersten Mal treffen. Beide haben das Tourette-Syndrom. „Hi, ich bin Christian. Hast du Spaß gehabt?“ – „Eigentlich sind wir rein nach Berlin zu meinen Eltern, die wohnen hier um die Ecke. Tittenficken, du Arschlochficker. Muss ich dir ja alles nicht erklären. Wie angenehm, Du Arschloch, geile Maus.“ Schauspiel Frankfurt - Robert Schittko Bild in Detailansicht öffnen
Bei dem einen äußert sich die Nervenkrankheit vor allem in nervösem Zucken, beim anderen kommen noch sprachliche Tics hinzu. Bei der Frankfurter Uraufführung des Stücks mit dem länglichen Titel „Chinchila Arschloch WasWas Nachrichten aus dem Zwischenhirn“ laufen die Wörter aus dem Audio parallel in großer Schrift über fünf Bildschirme: Wörter wie „Nutte“, „arschgeile Maus“ oder „Heil Hitler“. Schauspiel Frankfurt - Robert Schittko Bild in Detailansicht öffnen
Wie üblich bei Rimini Protokoll hat Regisseurin Helgard Haug sogenannte „Experten aus dem Alltag“ auf die Bühne geholt, Laien, die aber keine Rolle, sondern sich selbst spielen. Christian ist freier Mediengestalter aus Lüneburg und Vater einer Tochter. Er hat schon Drohbriefe von Nachbarn bekommen: „Immer das, was nicht geht, platzt raus. Und wenn ich weiß, dass der Nachbarn allein schon bei Arschloch eine Schwierigkeit hat, dann kommt genau dieses Wort und es ist nicht meine Absicht.“ Schauspiel Frankfurt - Foto: Robert Schittko Bild in Detailansicht öffnen
Bijan ist im echten Leben tatsächlich ein Youtube-Star, der seit letztem Jahr als Abgeordneter im hessischen Landtag sitzt. „Meine Bühne ist der hessische Landtag. Ich habe ein Direktmandat und stehe eigentlich ständig in der Öffentlichkeit. Für mich wäre es ein Erfolg, wenn ich eine Headline über den Inhalt meiner Rede hätte und nicht, dass ich zucke, wenn ich rede.“ Schauspiel Frankfurt - Foto: Robert Schittko Bild in Detailansicht öffnen
Auf der Bühne des Bockenheimer Depots treten sie zusammen mit Benjamin auf, Altenpfleger und Musiker aus Frankfurt, der ebenfalls am Tourette-Syndrom leidet. „Pfeiftöne, Räuspertöne, Klickgeräusche von mir - und ich merke schon, wie Leute anfangen sich umzudrehen, Köpfe schütteln, gucken, wo das herkommt.“ Schauspiel Frankfurt - Foto: Robert Schittko Bild in Detailansicht öffnen
Die Bühne besteht aus drei riesigen Eisschollen aus Plastik, auf denen einzelne Polstermöbel in knalligem Orange thronen - Sinnbild für Gefühlskälte und Ausgestelltsein. Dort sitzt Livemusikerin Barbara Morgenstein hinter einem Keyboard mit Mischpult. Als liebevolle Beobachterin ohne Tourette-Syndrom bietet sie für das Trio eine Stütze im Hintergrund. Schauspiel Frankfurt - Robert Schittko Bild in Detailansicht öffnen
Die Keyborderin begleitet auch Benjamin, der seinen Song über „normales Verrücktsein“ entspannt mit dem Rücken zum Publikum singt – ein berührender Moment. Schauspiel Frankfurt - Foto: Robert Schittko Bild in Detailansicht öffnen
Stellt man Tourette-Kranke nicht zur Schau, wenn man sie auf die Bühne holt? Eine latente Gefahr, der das Stück mit selbstironischer Spielerei und mit Transparenz zu begegnen versucht. So legen die Darsteller ihre anfängliche Skepsis an dem Theaterprojekt und ihre Vorbedingungen offen: Benjamin (an der Decke) hat nur mitgemacht, weil er zwischendurch Cannabis zur Beruhigung rauchen darf und Christian, weil er vom Skript ablesen darf. Schauspiel Frankfurt - Foto: Robert Schittko Bild in Detailansicht öffnen
Außerdem drehen die Spieler den Spieß um: Sie lassen zufällige Spotlichter auf einzelne Zuschauer im Saal werfen, die dann selbst die Blicke der anderen aushalten müssen. Nicht immer verfängt die Idee des Stücks, die Krankheit als Gesellschaftsphänomen zu verallgemeinern: Lassen sich die verrückten Auslassungen der AfD als Teil eines „Tourette-Parlamentarismus“ bezeichnen? Schauspiel Frankfurt - Foto: Robert Schittko Bild in Detailansicht öffnen
Trotzdem gelingt es dieser Rimini Protokoll-Inszenierung, innerhalb von 90 Minuten einen Blick auf Augenhöhe zu erzeugen. Schauspiel Frankfurt - Foto: Robert Schittko Bild in Detailansicht öffnen
Dauer

„Chinchilla Arschloch WasWas Nachrichten aus dem Zwischenhirn“. Rimini Protokoll am Schauspiel Frankfurt. Die nächsten Aufführungen am 12. und 13. April, 5. bis 7. Mai sowie 10. bis 12. Mai 2019.

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