Karriere als Psychotiker? "Versetzung" von Thomas Melle am Schauspielhaus Zürich

Von Christian Gampert

Der Berliner Schriftsteller Thomas Melle ist vor allem mit seinem autobiographischen Roman „Die Welt im Rücken“ bekannt geworden, in dem er mit großer Offenheit über seine eigene bipolare, manisch-depressive Störung schreibt.

Melles Theaterstück „Versetzung“ handelt von einem Lehrer, der ebenfalls unter einer bipolaren Störung leidet – die er aber angeblich im Griff hat; bis er befördert werden soll. In der Erstaufführung am Schauspielhaus Zürich führt Clara Dobbertin Regie.

Worte, die man besser nicht benutzen sollte

Lehrer Rupp scheint gutwillig, aber übermotiviert. Er erklärt seinen Schülern und dem Publikum, welche Worte man besser nicht benutzen sollte. Vor allem die Bezeichnung „du Opfer“, mit der Jugendliche einander auf dem Schulhof traktieren, hat es ihm angetan – es folgt eine lange theoretisierende Erörterung, die die Verwerflichkeit des Ausdrucks beleuchtet.

Der Prototyp des grünen Spießers

Lehrer Rupp ist (in Zürich und in der Darstellung von Christian Baumbach) eigentlich der Prototyp des politisch engagierten, irgendwie mittelmäßigen, mit seinem Leben halbwegs zufriedenen grünen Spießers. Wie er am Schreibtisch so dasitzt, mit beigem Rollkragenpullover und triefäugigem Gesichtsausdruck, traut man ihm keine großen Extravaganzen zu.

Diagnose: manisch-depressiv

Aber das täuscht. Rupp hat ein Geheimnis, eine Vorgeschichte: in seiner Jugend hat er es wild getrieben, sexuell und drogentechnisch, bis zu einem psychischen Absturz, der in der Nervenklinik endete. Seitdem ist er medikamentös gut eingestellt. Aber die Diagnose lautet: manisch-depressiv.

Karriere als Psychotiker? „Versetzung“ von Thomas Melle am Schauspielhaus Zürich

Versetzung am Schauspielhaus Zürich (Foto: Pressestelle, Schauspielhaus Zürich - Fotos/Copyright: Toni Suter/ T+T Fotografie)
Lehrer Rupp (Christian Baumbach) scheint gutwillig, aber übermotiviert. Lang und breit erklärt er seinen Schülern und dem Publikum, welche Worte man besser nicht benutzen sollte, beispielsweise „du Opfer“. Pressestelle Schauspielhaus Zürich - Fotos/Copyright: Toni Suter/ T+T Fotografie Bild in Detailansicht öffnen
Rupps Frau Kathleen (Vera Flück) ist schwanger. Pressestelle Schauspielhaus Zürich - Fotos/Copyright: Toni Suter/ T+T Fotografie Bild in Detailansicht öffnen
Eigentlich wäre alles in bester Ordnung. Denn Rupps Schulleiter Schütz (Gottfried Breitfuss) möchte Rupp zum Nachfolger machen. Pressestelle Schauspielhaus Zürich - Fotos/Copyright: Toni Suter/ T+T Fotografie Bild in Detailansicht öffnen
Rupps Kollegin Inga Römmelt (Vera Flück) ist von den Nachfolgeplänen des Schulleiters Schütz aber überhaupt nicht angetan. Pressestelle Schauspielhaus Zürich - Fotos/Copyright: Toni Suter/ T+T Fotografie Bild in Detailansicht öffnen
Und plötzlich scheint Rupp selbst das Opfer zu sein. Oder erscheint nur ihm das so? Denn Rupp hat eine Vorgeschichte: in seiner Jugend hat er es wild getrieben, sexuell und drogentechnisch, bis zu einem psychischen Absturz, der in der Nervenklinik endete. Seitdem ist er medikamentös gut eingestellt. Aber die Diagnose lautet: manisch-depressiv. Pressestelle Schauspielhaus Zürich - Fotos/Copyright: Toni Suter/ T+T Fotografie Bild in Detailansicht öffnen
Rupps Reaktionen verstören Schülereltern, Schulleiter und Kollegen.Dominic Hartmann (Lars Mollenhauer, Vater von Leon), Gottfried Breitfuss (Schütz), Katrija Lehmann (Manu (Claire) Cordsen, Mutter von Sarah), Vera Flück (Inga Römmelt), Christian Baumbach (Ronald Rupp) Pressestelle Schauspielhaus Zürich - Fotos/Copyright: Toni Suter/ T+T Fotografie Bild in Detailansicht öffnen
Der zunächst so zurückhaltende Christian Baumbach als Lehrer Rupp führt nun auf schmerzende Weise vor, wie da eine ganze Welt zusammenbricht, körperlich und psychisch, und welche Einsamkeit hinter der Fassade gähnt. Pressestelle Schauspielhaus Zürich - Fotos/Copyright: Toni Suter/ T+T Fotografie Bild in Detailansicht öffnen

Gestört oder sediert?

Man kann mit dieser Ausgangslage nun unterschiedlich umgehen. Man kann die versteckt lauernde psychische Krankheit im Schulalltag schon mal um die Ecke gucken lassen, man kann das Zwiespältige und Gebrochene dieses Mannes auch in seinem Habitus schon mal andeuten. Der Autor Thomas Melle tut das nicht, und die junge Regisseurin Clara Dobbertin folgt dieser Vorgabe: Lehrer Rupp ist zunächst ein kreuzbraver, sedierter Normalo, der sich im Gymnasialbau-Beton der Bühne von Marie Hartung einigermaßen eingerichtet hat.

Der Manisch-Depressive soll Schulleiter werden

So erzählt die Aufführung über weite Strecken eher farblos vor sich hin. Aber als der progressive, vor der Rente stehende Schuldirektor den erstaunten Rupp zu seinem Nachfolger machen will, regt sich Widerstand. Zwei Kollegen intrigieren gegen Rupp, und auch zwei Schülereltern leisten Widerstand.

Schwache Geschichte, hölzerne Figuren

Die Schwächen von Thomas Melles Vorlage sind mit Händen zu greifen: Er schreibt eine bieder geradeaus erzählende Geschichte mit simpel konstruierten, hölzernen Figuren. Interessant ist in Zürich einzig die Strategie der Doppelbesetzung, weil dadurch die gespaltene, verrutschende Weltwahrnehmung des tendenziell psychotischen Lehrers erkennbar wird: Gottfried Breitfuss spielt als dominierender Sidekick sowohl den gutwilligen Direktor als auch einen böswilligen Kollegen; Vera Flück macht die gutherzige Ehefrau, aber auch die neidische Kollegin. Dazu kommen noch eher nichtssagende, netz-affine Schülerfiguren, ein dogmatischer Öko-Vater und eine erotisierte Mutter, die mit Lehrer Rupp mal was hatte und sich ihm erneut an den Hals wirft.

Die Hauptfigur gerät in eine aggressive Paranoia

Rupp gerät durch den nun erhobenen Vorwurf der sexuellen Belästigung schwer unter Druck; in einer absurden, auch dramaturgisch peinlichen Beicht-Szene muss der Lehrer die Sünden seines Vorlebens bekennen. Erst danach gibt die Regisseurin gehörig Gas und treibt die Hauptfigur in eine aggressive Paranoia. Der zunächst so zurückhaltende Christian Baumbach als Lehrer führt nun auf schmerzende Weise vor, wie da eine ganze Welt zusammenbricht, körperlich und psychisch, und welche Einsamkeit hinter der Fassade gähnt.

Die wichtige Personenstudie kommt erst am Schluss

Ob ein gut medikamentierter Psychotiker Schuldirektor werden kann: darüber könnte und sollte man streiten. Die Züricher Aufführung aber liefert am Ende dann doch noch die Personenstudie, die sie vorher verweigerte.

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