Bühne Leonardo Moreira erzählt in Frankfurt die „Odisseia" aus Sicht der Frauen

Von Christian Gampert

Homer erzählt die Odyssee aus der Perspektive des Helden, der durch immer neue Prüfungen an der Heimkehr gehindert wird. Der brasilianische Regisseur Leonardo Moreira erzählt die Odyssee aus der Perspektive der Frauen, die Odysseus Schutz und Liebe gaben und von ihm verlassen wurden.

Homers Odyssee ist Grundlage für die "Mischung aus interaktivem Experiment und Theaterstück", die der brasilianische Regisseur Leonardo Moreira mit der „Companhia Hiato“ am Frankfurter Künstlerhaus Mousonturm gestaltet hat.

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Zwanzig Jahre war der Held nicht da

Moreira erzählt aus einer ganz heutigen Sicht. Er übersetzt den Mythos der Odyssee in die Facebook- und Instagram-Generation. Was wird aus der Liebe, wenn Gefühle immer nur gepostet werden? Und was wird aus den Daheimgebliebenen, aus Penelope und Telemachos, wenn der Mann und Vater fehlt?

Szene aus "Odisseia" (Foto: Künstlerhaus Mousonturm - Foto: Ligia Jardim)
Künstlerhaus Mousonturm - Foto: Ligia Jardim

Aura Cunha erzählt uns die Geschichte ihres Vaters, der die Familie verließ

Aura Cunha, eigentlich die Producerin der Gruppe, erzählt uns die Geschichte ihres Vaters, der die Familie verließ, als sie acht Jahre alt war, und sich einer religiösen Sekte anschloss. Die Gefühle eines Kindes, das über Nacht erwachsen werden muss. Der Detailreichtum ihres Berichts, die Zärtlichkeit und Brutalität der Beschreibung, das Verlesen eines Briefs der Mutter – vieles spricht für die Authentizität des Falles; und doch ist auch in den folgenden Episoden immer nicht ganz klar, was Wahrheit ist und was Fiktion. Es ist auch eher unwichtig.

Moreira erzählt in sechs großen, ausladenden Frauenmonologen, das Ganze dauert viereinhalb Stunden, und allein die Liebesgeschichte der Calypso, der grandiosen Schauspielerin Luciana Paes, die ihren (in diesem Fall: chilenischen) Liebhaber Odysseus fast eine Stunde lang umgarnt, sich darbietet, zurückzieht, Angebote macht und am Ende allein zurückbleibt, ist schon die ganze Aufführung wert.

Szene aus "Odisseia" (Foto: Künstlerhaus Mousonturm - Foto: Ligia Jardim)
Paula Picarelli Künstlerhaus Mousonturm - Foto: Ligia Jardim

Eine Mischung aus Sich-Ausliefern und großer Schauspiel-Technik

Bei Luciana Paes kommt die Unbedingtheit und Körperlichkeit dieser brasilianischen Gruppe am unverstelltesten und, ja, schamlosesten zum Tragen, etwas, was wir im europäischen Theater gar nicht mehr kennen oder hinter wirren Textflächen gut verstecken. Hier aber wird Klartext geredet, eine Mischung aus Sich-Ausliefern und großer Schauspiel-Technik.

Bei viereinhalb Stunden Spieldauer kann nicht alles großartig sein, und in der Tat gibt es manche Hänger und Fragwürdigkeiten. Der Drang der „Companhia Hiato“, das Publikum unbedingt mit einzubeziehen, ist manchmal amüsant und locker, manchmal auch überflüssig. Und wer wollte, durfte vors offene Mikrophon treten oder als Komparse mitspielen. Das ist gewagt; vor allem, wenn man als Zuschauer dann den Zyklopen erlegen muss.

Szene aus "Odisseia" (Foto: Künstlerhaus Mousonturm - Foto: Ligia Jardim)
Künstlerhaus Mousonturm - Foto: Ligia Jardim

Vieles bewegt sich am Rand der Grenzüberschreitung

Man überlässt lieber richtigen Schauspielern die Bühne. Aber auch da bewegt sich vieles am Rand der Grenzüberschreitung, und man schaut bisweilen fast ungläubig zu. Die Zauberin Kirke, von Maria Amelia Farah als ambivalentes Sexobjekt gespielt, verpasst sich als Bondage-Jüngerin eine Selbstfesselung und zittert sich durch einen langdauernden Orgasmus, bittet um den Tod und behauptet dann selbstbewusst: es ist MEIN Körper.

Die Athene der Paula Picarelli wütet gegen die Ungerechtigkeit der Welt, und die sehr widerspenstige Penelope der Aline Filócomo wälzt sich todtraurig im Staub und entzieht sich dem heimkehrenden Gatten.

Man sollte ein wenig dieser Energie mit hinausnehmen in den Alltag

Leonardo Moreira ist eine Art Robert Altman des brasilianischen Theaters – ineinander verwickelte Geschichten. Seine Art, den Mythos mit heutigen Erfahrungen zu überschreiben, holt das Publikum auf eine theatrale Intensivstation. Schon wegen der großartigen Calypso der Luciana Paes sollte man diese Aufführung anschauen – und ein wenig dieser Energie mit hinausnehmen in den Alltag.

Premiere am Samstag, 15.6. in Frankfurt, Künstlerhaus Mousonturm, LAB Halle

Leonardo Moreira und Companhia Hiato „Odisseia/Odyssee“ am Freitag, 21.6. und Samstag, 22.6. in Mannheim bei den Schillertagen

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