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Samuel Beckett am Schauspiel Frankfurt "Warten auf Godot" als Popart-Spektakel

Von Sabine Mahr

Sinnsuche in Zeiten medialer Selbstdarstellung: Robert Borgmann inszeniert Samuel Becketts „Warten auf Godot“ in frischer Popart-Ästhetik. Borgmann meldet den Verdacht an, dass auch die künstlerische Selbstbestimmung der Gegenwart nicht zu tieferer Sinngebung verhilft. Das Warten auf Godot geht weiter.

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Samuel Beckett am Schauspiel Frankfurt

„Warten auf Godot“: Sinnsuche im Social Media-Zeitalter

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„Es ist nichts zu machen“: Der erste Satz aus Becketts „Warten auf Godot“ bringt das Stück auf den Punkt. Denn einerseits haben die zwei Hauptfiguren Estragon und Wladimir in den folgenden zweieinhalb Stunden nichts zu tun: Sie warten lediglich auf Godot, der aber nie erscheint. Andererseits merkt Estragon, der zu Beginn alleine an einer Landstraße neben einem verkümmerten Baum sitzt, konkret: Er schafft es einfach nicht, seinen Schuh anzuziehen: Da ist nichts zu machen! So gibt es Beckett zumindest in den Regieanweisungen vor.

Im Bild: Isaak Dentler als Wladimir

„Es ist nichts zu machen“: Der erste Satz aus Becketts „Warten auf Godot“ bringt das Stück auf den Punkt. Denn einerseits haben die zwei Hauptfiguren Estragon und Wladimir in den folgenden zweieinhalb Stunden nichts zu tun: Sie warten lediglich auf Godot, der aber nie erscheint. Andererseits merkt Estragon, der zu Beginn alleine an einer Landstraße neben einem verkümmerten Baum sitzt, konkret: Er schafft es einfach nicht, seinen Schuh anzuziehen: Da ist nichts zu machen! So gibt es Beckett zumindest in den Regieanweisungen vor.

Im Bild: Isaak Dentler als Wladimir

In der Frankfurter Inszenierung müht sich Estragon allerdings vielmehr damit ab, einen aalglatten, haushohen Baumpfahl inmitten eines turmartigen weißen Raumes zu erklimmen. Er rutscht jedes Mal herunter, doch bemüht sich im Laufe des Stücks immer wieder. Ein schönes Bild für das menschliche Sisyphus-Syndrom. 

Im Bild (v.l.n.r.): Philipp Weber, Samuel Simon, Max Mayer, Heiko Raulin, Isaak Dentler

Überhaupt streift Regisseur Robert Borgmann, der auch für das Bühnenbild verantwortlich ist, einige Details des kargen Nachkriegsambientes aus Becketts Stück von 1949 ab. Er interpretiert Textstellen überzeugend um und übersetzt sie so in die heutige Zeit.

Im Bild (v.l.n.r.): Isaak Dentler, Heiko Raulin, Samuel Simon

Auf die weißen Wände des Bühnenraums hat Robert Borgmann Schriftzüge, Wellen und Wolken aus bunten Neonröhren anbringen lassen. In der einen Ecke spielt ein E-Gitarrist mit wasserstoffblonder Andy Warhol-Perücke spröde Liverhythmen ein, zu denen das Szenenlicht grell wechselt, von Gelb über Blau zu Pink. In der anderen Ecke liegt eine durchsichtige Popart-Luftmatratze, davor stehen drei langsam schmelzende Eisblöcke.

Im Bild: Samuel Simon als Estragon

Es ist eine kalte künstliche Welt, in die Robert Borgmann seine Figuren setzt, und zugleich eine Kunstwelt. Auf den weißen Wänden hinterlassen Estragon und Wladimir im Laufe des Stücks mit einem überdimensionierten Pinsel Kritzeleien und Zeichnungen. Pozzo, der mit seinem Knecht Lucky später des Weges kommt, tränkt seine Kleidung in Farbe und wirft sie gegen die Wände wie ein Action-Painter.

Im Bild: Heiko Raulin als Pozzo

Dieser Drang künstlerischer Selbstinszenierung zeigt sich auch in den Kostümen. Aus den Landstreichern mit abgetragener Kleidung macht die Frankfurter Inszenierung zwei verlorene Hipster mit einem Hang zur Travestie. Der vollbärtige Wladimir etwa tritt in opulentem Samtrock mitsamt Turban auf, der zierliche Estragon trägt zu seinem Schnurrbart ein Gewand aus weißem Tüll, das an ein Hochzeitskleid erinnert.

Im Bild: Isaak Dentler (links), Samuel Simon

Estragons zärtliche Berührungen von Wladimir lassen an ein alterndes homosexuelles Paar denken. Wichtiger ist jedoch die ironische Inszenierung des individuellen Körpers: Estragons blutige Striemen werden hier zum Bodypainting.

Im Bild: Isaak Dentler (links), Samuel Simon

Und dem Knecht Lucky, der bei Beckett wie ein Hund an einer Fessel liegt, hängen in Frankfurt nur noch dünne Metallketten wie Rasta-Locken vom Kopf: Er wirkt wie ein menschlicher Roboter, dem bei seiner Philosophierszene Stroboskoplicht als Geistesblitze dienen.


Im Bild (v.l.n.r.): Max Mayer, Heiko Raulin, Isaak Dentler, Samuel Simon

Manchmal ist der aktuelle Bezug zur Popkultur und den sozialen Netzwerken allzu aufdringlich, etwa bei den Smileys in Neonröhrenform. Diese Effekte nutzen sich ab. Doch insgesamt trägt das spielfreudige, wandlungsfähige Ensemble die Zuschauer gut durch die zweieinhalb handlungsarmen Stunden. Borgmanns ästhetisierte und zugleich poetische Frankfurter Inszenierung präsentiert Becketts Klassiker erstaunlich farbenfroh und frisch.
Am Ende ist klar: Auch unsere Zeit künstlerischer Selbstinszenierung verhilft nicht zu tieferer Sinngebung. Wir warten immer noch auf Godot. Da ist nichts zu machen.
 
Im Bild: Samuel Simon

3:28 min | Mo, 14.1.2019 | 12:33 Uhr | SWR2 Journal am Mittag | SWR2

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