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Theater Cool, ein echtes Monster: „Werwolf“ in Saarbrücken

Von Hannegret Kullmann

Ein sarkastischer Kommentar zur Ausbeutung in digitalen Zeiten: Mit ihrem Stück „Werwolf“ verpflanzt Rebekka Kricheldorf den Mythos des Wolfsmenschen in die Gegenwart. Statt das mordende Ungeheuer zu fürchten, machen Freunde und Partner mit ihm ihre Geschäfte. Eine „Mythengroteske“ am saarländischen Staatstheater.

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Bilder zur Inszenierung „Werwolf“ in Saarbrücken

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Was ist nur los mit Alfred Brüggemann (Sébastien Jacobi)? Der internationale Starpianist, der seit kurzem in der dörflichen Idylle von Moosberg lebt, ist so seltsam...

Was ist nur los mit Alfred Brüggemann (Sébastien Jacobi)? Der internationale Starpianist, der seit kurzem in der dörflichen Idylle von Moosberg lebt, ist so seltsam...

Er isst plötzlich rohes Fleisch, hat eine starke Körperbehaarung, stinkt tierisch und verlässt in Vollmondnächten das Haus.

Gleichzeitig werden im Wald von Moosberg zerfleischte Frauenleichen gefunden. Die Gerüchteküche brodelt.

Auf einer Videoleinwand werden, wie in einer Fernsehdoku, die unterschiedlichsten Statements eingeblendet. Jeder hat seine eigene Perspektive in dem Werwolf-Drama - von den Dorfbewohnern, über die Experten bis hin zum Kommissar.

Die „Werwolf“-Inszenierung am Saarbrücker Staatstheater lässt sich nicht so einfach in eine Schublade stecken: Sie ist kein Gruselschocker, keine schrille Kriminalkomödie und auch kein absurder Trash. Vielmehr kombiniert sie verschiedene Elemente klug zu etwas Neuem, zu einer überzeugend umgesetzten „Mythen-Groteske“.

Auf dem Bild: Raimund Widra, Barbara Krzoska, Christiane Motter, Verena Bukal, Sébastien Jacobi und Philipp Weigand (v.l.n.r.).

Immer wieder wabert Nebel über die nach vorne geöffnete Bühne - das Bühnenbild ist schlicht und äußerst funktional, dazu kommt Livemusik von einem Pianisten und einem E-Gitarristen (David Kirchner).

Bis auf Mutter, Vater und Tochter Brüggemann sind alle Schauspieler in Doppelrollen unterwegs. So scheut Raimund Widra als ehrgeiziger Konzertagent (links) nicht davor zurück, den Werwolf-Pianisten zu vermarkten.

Außerdem auf dem Bild: Barbara Krzoska als Tammi und Sébastien Jacobi als Brüggemann. Im Hintergrund Verena Bukal und Christiane Motter.

Regisseurin Bettina Bruinier zeigt den Werwolf nicht nur als Monster, sondern auch als Opfer, das wie ein Märtyrer leidet, mit nacktem, blutüberströmtem Oberkörper. Brüggemann hat sich auf einer Konzertreise infiziert.

Als er sich outet, präsentieren sich die anderen als „Werwolf-Versteher“, denn allesamt profitieren sie vom Geld und den Kontakten des Maestro.

Tochter Tammi (Barbara Krzoska) scheint die einzige zu sein, die wirklich realisiert, dass ihr Vater Menschen umbringt. Sie will das Verbrechen aufklären.

Mutter Claire dagegen (Christiane Motter) spielt das Morden herunter, liefert ihrem Mann sogar ein Alibi. Claire hat für den Ausnahme-Künstler Alfred ihre eigene Karriere geopfert.

Autorin Rebekka Kricheldorf und das Team um Regisseurin Bettina Bruinier liefern mit dem „Werwolf“ zwei Stunden intelligente Unterhaltung -  viele Denkanstöße inklusive, zum Beispiel zum Zusammenhang von Genie und Wahnsinn oder dem Nutzen, den eine Gemeinschaft aus der Marginalisierung des Fremden zieht.

Während sich die Zuschauer noch fragen, wieviel Wolf in ihnen selbst steckt, endet das Stück mit einer überraschenden Pointe: Ausgerechnet Brüggemanns Klavierschüler Hubertus (Philipp Weigand, links), der bis dahin als scheinbar harmloser Clown durch das Stück gehampelt ist, trägt das Erbe seines Meisters weiter.

Außerdem auf dem Bild: Barbara Krzoska, Sébastien Jacobi und Christiane Motter.

3:44 min | Mo, 1.4.2019 | 12:33 Uhr | SWR2 Journal am Mittag | SWR2

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