Bühne Klamauk vor dem Weltuntergang: „Die Physiker“ in Stuttgart

Von Karin Gramling

„Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt sind wieder aktuell. Schließlich halten Experten die Gefahr eines Atomkriegs für so groß wie schon lange nicht mehr. Statt der moralischen Verantwortung der Atomwissenschaftler rückt das Schauspiel Stuttgart aber eher die absurden Elemente der Komödie in den Vordergrund. Dürrenmatts durchaus aktuelle Mahnungen gehen im Gelächter unter.

Theater Die Physiker von Friedrich Dürrenmatt

0624 Theater Stuttgart - Die Physiker (Foto: Pressestelle, Staatstheater Stuttgart - Foto: Thomas Aurin)
Ein weißer Guckkasten auf der Bühne, alles etwas derangiert. Ein Irrenhaus, dessen Insassen sich allesamt für berühmte Physiker halten. Hier ist wieder einmal ein Mord geschehen. Ein Verrückter, der sich für Einstein hält, hat seine Pflegerin umgebracht. Pressestelle Staatstheater Stuttgart - Foto: Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Der herbeigerufene Kommissar (Michael Stiller, rechts vorne) macht der Oberschwester Vorwürfe: „Mit männlichen Pflegern wäre das nicht vorgekommen.“ – „Ah, glauben Sie? Schwester Dorothea Moser war Mitglied des Damenringvereins. Und Schwester Irene Straub war Landesmeisterin des Nationalen Judoverbandes.“ – „Und Sie?“ – „Ich stemme.“ Pressestelle Staatstheater Stuttgart - Foto: Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Der Ton ist schnell gesetzt: Eine rasante Komödie mit viel Klamauk und überzeichneten Figuren bringt Regisseurin Cilli Drexel auf die Bühne. Die Pflegerinnen spazieren in übergroßen weißen Lacksneakers herum. Die Verrückten, die sich für Einstein und Newton halten, tragen allesamt Perücken und hübsche Schlafanzüge. Sie schlüpfen immer wieder rein und raus – durch winzige Türen in der Rückwand. Pressestelle Staatstheater Stuttgart - Foto: Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Die Anstaltsleiterin Mathilde von Zahnd (Marietta Meguid, Mitte) kann kaum ihre Gesichtszüge kontrollieren und wirkt ziemlich verhaltensauffällig. Der Kommissar leidet unter einem Burnout und ist froh, dass er die Mörder einfach da lassen kann wo sie sind, in der Anstalt nämlich. Wo regelmäßiges Geigen, Singen und Jodeln auf dem Programm steht. Pressestelle Staatstheater Stuttgart - Foto: Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Schnell entpuppen sich die Irren als echte Physiker, die ihre Pflegerinnen ermordet haben, um nicht aufzufliegen. Newton (Benjamin Pauquet, rechts) arbeitet für den amerikanischen, Einstein (Klaus Rodewald, links) für den sowjetischen Geheimdienst. Beide haben es auf das Wissen des Physikers Möbius abgesehen (Marco Massafra, Mitte). Jeder von ihnen will ihn überreden für die eigene Regierung zu arbeiten. Pressestelle Staatstheater Stuttgart - Foto: Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Möbius (Marco Massafra) allerdings hat sich ganz bewusst in die Irrenanstalt einliefern lassen: „Es gibt Risiken, die man nie eingehen darf: Der Untergang der Menschheit ist ein solches. Was die Welt mit den Waffen anrichtet, die sie schon besitzt, wissen wir. Was sie mit jenen anrichten würde, die ich ermögliche, können wir uns denken. Dieser Einsicht habe ich mein Handeln untergeordnet.“ Pressestelle Staatstheater Stuttgart - Foto: Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Es gibt zu wenige Momente, in denen die Inszenierung ins Ernsthafte und Nachdenkliche gelangt. Einer dieser Momente ergibt sich, wenn Fragen nach der Verantwortung der Wissenschaftler entstehen.Auf dem Bild: Gabriele Hintermaier als Lina Rose, Jannis Wetzel als Wilfried-Kaspar und Marco Massafra als Möbius. Pressestelle Staatstheater Stuttgart - Foto: Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Die Regisseurin lässt die Parallelen zur heutigen Welt, die sich förmlich aufdrängen, leider unerwähnt. Die atomare Bedrohung ist größer denn je. China auf dem Weg zum perfekten Überwachungsstaat mit gigantischer Firewall. Und im Silicon Valley sitzen die großen Datenkraken mit ihren Wissenschaftlern, kaum kontrollierbar durch demokratische Systeme. Sie forschen allein auf privatwirtschaftlicher Basis – alles dem Kommerz unterordnend. Pressestelle Staatstheater Stuttgart - Foto: Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Das sind durchaus aktuelle Bezüge zum Stück, denn auch die irre Anstaltsleiterin hat das Wissen des Physikers Möbius längst abgegriffen: „Ich wertete nur wenige Erfindungen aus, dann gründete ich Riesenwerke, erstand eine Fabrik um die andere, baute ich einen mächtigen Trust auf. Ich werde das System aller möglichen Erfindungen auswerten, meine Herren!“ Pressestelle Staatstheater Stuttgart - Foto: Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Die eindringlichen Momente dieser Inszenierung, sie gehen zu oft im Lachen unter. Riesenapplaus vom Publikum. Doch das Mahnende, das Dürrenmatts Stück enthält, wird damit an diesem Abend im Schauspiel Stuttgart zu schnell übertüncht. Pressestelle Staatstheater Stuttgart - Foto: Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Dauer
Sendedatum
Sendezeit
12:33 Uhr
Sender
SWR2

„Die Physiker“ von Friedrich Dürrenmatt am Schauspiel Stuttgart in der Inszenierung von Cilli Drexel. Die nächsten Aufführungen am 25. Juni sowie am 2., 11., 15. und 16. Juli 2019.

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