Zürcher Aktivismus-Kollektiv „Neue Dringlichkeit“ Zimmertheater Tübingen übt den Widerspruch

Von Tobias Ignée

Peer und Dieter Rippberger wollen im Theater die Zukunft greifbar machen. Für das Programm des Zimmertheaters Tübingen laden die beiden Intendanten freie Theaterkollektive ein. In „Der Widerspruch - ein Lehrstück“ seziert das Züricher Aktivismus-Kollektiv „Neue Dringlichkeit“ die Radikalisierung der digitalen Gesellschaft.

Polarisierung und Radikalisierung auf der Bühne

„Ich bin Nele, mich interessieren politische Jugendkulturen und der Wiederaufstieg rechter Ideologien auf der Welt.“

Der Prolog zum Stück, ein Hinweis auf einen ungewöhnlichen Theaterabend. Es geht um die Zwischenbilanz einer mehrjährigen Untersuchung des „Aktivismus- und Performancekollektivs“ zur Polarisierung und Radikalisierung in der politischen Debattenkultur.

„Der Widerspruch - ein Lehrstück“ - der Theater-Trailer

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Kein Rollenspiel, sondern Lehrstück à la Brecht

Auf die kleine Bühne des Zimmertheaters kommt das Thema nicht als klassisches Rollenspiel, sondern in Anlehnung an Bertolt Brecht als vorgetragenes Lehrstück. Der Zuschauer ist Teil der Handlung.

Unterhaltsam, frisch und spielerisch spürt die Performance den Mechanismen des Meinungsbildungsprozesses auch in der digitalen Gesellschaft hinterher. Dafür schlüpfen die Kollektivmitglieder in kleinen Szenen in unterschiedliche Rollen. Etwa in die einer jungen Aktivistin oder die eines Kommunikationswissenschaftlers.

Dramatisierung der gesellschaftlichen Debatte

Das Stück forscht nach den Ursachen des Populismus und fordert den Dialog mit dem politischen Gegner, damit die Gesellschaft nicht weiter auseinanderdriftet.

Der Text wirkt spontan vorgetragen, entsteht aber nach Recherchen zu aktuellen politischen Themen in Presse, sozialen Medien und Literatur. Die Akteure sind keine ausgebildeten Schauspieler.

Niemand anderem etwas in den Mund legen

Dazu Nele Solf vom Ensemble „Neue Dringlichkeit“: „Wenn man politisches Theater, politische Kunst macht, ist es ethisch nicht vertretbar, anderen Menschen die eigenen politischen Aussagen in den Mund zu legen. Insofern ist es ein ganz zentraler Ansatz: Was man schreibt, sagt man im Zweifelsfall selbst.“

Es könnte wichtig sein, die eigene Meinung ab und an auch mal in Frage zu stellen und mit politisch Andersdenkenden im Gespräch zu bleiben. Diese Erfahrung macht, wer sich auf diesen Theaterabend einlässt. Nicht umsonst gehört zur ungewöhnlichen Inszenierung des Schweizer Aktivismus-Kollektivs „Neue Dringlichkeit“ am Schluss eine Diskussionsrunde mit dem Publikum.

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