Theater Lustig, lustig: „Ansichten eines Clowns“ in Mannheim

Von Marie-Dominique Wetzel

Der junge Schauspieler und Regisseur Maxim Didenko inszeniert Heinrich Bölls Roman „Ansichten eines Clowns“ am Nationaltheater Mannheim als bildgewaltigen Abend mit betörender Bühnenästhetik. Die Abbildung der deprimierenden 50er Jahre in Bölls Roman gerät ihm allerdings etwas zu spaßig.

Nationaltheater Mannheim Bilder zur Inszenierung „Ansichten eines Clowns“

Szene aus "Ansichten eines Clowns" (Foto: Nationaltheater Mannheim - Foto: Christian Kleiner)
Unter dem Kostüm steckt ein trauriger Clown (Christoph Bornmüller, rechts). Hans Schnier, 27 Jahre, offizielle Berufsbezeichnung „Komiker“, keiner Kirche steuerpflichtig – und gerade erst von seiner Freundin Marie verlassen worden . Dabei liebt er sie so sehr. Mit ihr und keiner anderen wollte er „diese Sache“ zum ersten Mal tun. Doch Marie ist gläubige Katholikin und weint, nachdem sie mit Hans im Bett war. Sie lebt einige Zeit mit Hans in „wilder Ehe“ zusammen, aber versucht immer wieder, ihn zur Heirat zu bewegen. Nationaltheater Mannheim - Foto: Christian Kleiner Bild in Detailansicht öffnen
Über Hans und wie er wurde, wie er ist, erfährt man in der Inszenierung von Maxim Didenko leider nicht allzu viel. Der Clown stammt aus einer reichen Familie, die Eltern waren stramme Nazis. Hans hat noch einen Bruder, Leo, der Priester werden will (Boris Koneczny, links) - und er hatte eine Schwester. Die ist allerdings von der Mutter in den letzten Kriegstagen als Flakhelferin losgeschickt worden. Nationaltheater Mannheim - Foto: Christian Kleiner Bild in Detailansicht öffnen
Ansonsten inszeniert Maxim Didenko alles flott und bildgewaltig, mit viel Slapstick, Slowmotion und anderen guten Einfällen. Beeindruckend auch das Bühnenbild. Alles, Bett, Sofa, Esstisch, Gläser, Flaschen, Fenster und der Himmel dahinter, sind mattgrau und dienen als Projektionsfläche für alte Fotos von Kindern aus der Hitlerjugend, Blümchentapeten, mittelalterlichen Wandteppichen und vielem mehr. So beeindruckend das ist: es passt leider in den wenigsten Fällen wirklich. Die Blümchentapete ist einfach zu luftig-fröhlich, als dass sie diesen spezifischen Mief der 50er Jahre transportieren könnte. Nationaltheater Mannheim - Foto: Christian Kleiner Bild in Detailansicht öffnen
Aber darum geht es ja in den „Ansichten eines Clowns“: Heinrich Böll gab zu, dass es ihm in dem doch „etwas konstruierten Roman“ um ein Sittengemälde dieser Nachkriegszeit in Westdeutschland ging. Leider hat man das Gefühl, dass der junge russische Regisseur mit dieser Zeit und Bölls Kritik daran, nicht allzu viel anfangen konnte. Diese Zeit, in der ehemalige Nazi-Schergen darüber schockiert waren, wenn ein Paar unverheiratet zusammen lebte, wenn jemand bekennender Atheist war und sich auch noch der neuen Ersatz-Religion, dem allgemeinen Wirtschaftswunder-Wahn entzog, indem er einen so „nutzlosen“ Beruf wie Clown wählte. Nationaltheater Mannheim - Foto: Christian Kleine Bild in Detailansicht öffnen
Hans hält den Katholiken und Alt-Nazis zwar den Spiegel vor, aber er tut das in Didenkos Inszenierung zu gut gelaunt. Sein Leiden an der Welt nimmt man Christoph Bornmüller alias Hans Schnier nicht wirklich ab – genauso wenig wie den Liebeskummer, an dem er letztlich zerbricht. Denn Marie bleibt so kalt und seelenlos, dass man nicht nachvollziehen kann, wie er einer solchen Frau nachtrauert. Trotz mancher Längen ein unterhaltsamer, bildgewaltiger Abend mit einer ganz eigenen, betörenden Bühnenästhetik. Nationaltheater Mannheim - Foto: Christian Kleiner Bild in Detailansicht öffnen
Dauer

„Ansichten eines Clowns“, frei nach dem Roman von Heinrich Böll am Nationaltheater Mannheim. Die nächsten Aufführungen am 5. und 6., 24. und 28. April.

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