John Neumeier erhält den Erich-Fromm-Preis Tanz als Botschafter des "Humanum"

Kulturthema am 13.3.2017 von Tobias Ignée

John Neumeier, dienstältester Ballettdirektor der Welt, stellt den Menschen, das "Humanum" ins Zentrum seiner Choreographien. Ballett muss für ihn mit Bildern, Tanz und Musik von menschlichen Beziehungen erzählen und für eine humanere Welt plädieren. Deshalb bekommt er den Erich-Fromm-Preis. Neumeier hat sich schon immer mit dem Werk des Psychoanalytikers beschäftigt, es beeinflusst seine Choreographien. Auch für seinen Einsatz für den Tanznachwuchs wird Neumeier geehrt. 2011 gründete er das "Bundesjugendballett", das Tanz an ungewöhnliche Orte wie in eine Seniorenresidenz oder ins Gefängnis bringt. SWR2-Autor Tobias Ignée stellt den Preisträger vor.

John Neumeier: "Jedes Mal, wenn ich reinfliege und diesen Flughafen sehe und dieses Zeichen Stuttgart, ist irgendwas sehr nostalgisches dabei. Es war die erste Stadt Deutschlands die ich kannte und insofern es hat schon eine besondere Bedeutung".

Im Zentrum steht der Mensch

Denn in Stuttgart beginnt Anfang der 60er Jahre die Karriere von John Neumeier als Solist und Choreograph unter John Cranko. Später wechselt er nach Frankfurt, macht sich schnell einen Namen mit der Neudeutung großer Ballettklassiker, etwa "Romeo und Julia" oder "Der Nussknacker" und ist, mit nicht mal 30, der jüngste Ballettdirektor Deutschlands. Seit 1973 lebt der gebürtige US-Amerikaner in Hamburg und leitet dort an der Staatsoper seit über 40 Jahren das "Hamburg Ballett". Im Zentrum seiner Choreografien steht immer die Auseinandersetzung mit dem Menschen und nicht die Unterhaltung. Das ist der Grund, warum er den Erich Fromm-Preis bekommt, sagt Laudator Johannes Bultmann, "Künstlerischer Leiter Klangkörper und Festivals" beim Südwestrundfunk:

Johannes Bultmann: "Bei John Neumeier findet man in all seinen Werken das wieder, was ihn auch privat, persönlich bewegt und das ist schlicht immer das Humanum. Die Existenz des Humanums, das Sein in unserer Gesellschaft, das in die Welt geworfen sein, das Leid das Glück, das Suchen nach Liebe und Sinn, das durchzieht eigentlich sämtliche Choreografien und das ist sehr berührend".

Inspiriert von Erich Fromm

Für John Neumeier ist der Preis eine Ehre, weil er sich einerseits dadurch in seinem Selbstverständnis von Tanz und Choreografie bestätigt sieht. Denn für ihn lebt das Ballett, um vom Menschen und menschlichen Beziehungen zu erzählen und um mit Bildern, Tanz und Musik für eine humanere Welt zu plädieren. Andererseits ist der Preis für ihn eine Ehre, weil er sich immer schon mit dem Werk des Psychoanalytikers und Philosophen Erich Fromm beschäftigt hat. Parallelen zu dessen Standardwerk "Die Kunst des Liebens" finden sich in seiner "Dritten Sinfonie von Gustav Mahler". Das erste abendfüllende sinfonische Ballett Neumeiers, der sich übrigens mal in seiner Jugend hätte vorstellen können, in Fromms Fußstapfen zu treten. Neumeier erinnert sich:

John Neumeier: "Als ich etwa 13, 14 war wollte ich Psychiater werden. Ich glaube, weil diese etwas unheimliche Seite des Menschen und seine Beziehungen mich immer fasziniert haben. Ich habe Horrorfilme geliebt zu dieser Zeit und ich denke, dass dieser psychiatrische Teil vor allem für einen Choreograph, der Compagnie-Direktor ist besonders wichtig. Weil man hat ständig mit Menschen zu tun, die jeder unsere Welt anders sieht und als Direktor ist man dafür zuständig, dass er damit zurechtkommt".

Tanz als Botschafter des Humanum

Als dienstältester Ballettdirektor der Welt, weiß er natürlich wovon er redet. Nicht zuletzt auch deshalb, weil er seit Jahrzehnten in dem von ihm gegründeten "Ballettzentrum Hamburg" dem Nachwuchs seine Vision vom Tanz mit auf den Weg geben will. Ein weiterer Grund, warum John Neumeier ein preiswürdiger Kandidat für den Fromm-Preis ist: 2011 gründet er das "Bundesjugendballett". Eine junge Compagnie mit acht Tänzerinnen und Tänzern, die ihre Choreografien an ungewöhnliche Orte bringt: etwa an Schulen, Seniorenresidenzen oder in Gefängnisse. Und auch hier wird die Tanzkunst zum Botschafter des Humanums im Sinne Erich Fromms.

John Neumeier: "Indem die Tänzer zu Gruppen und Situationen gehen, wo Tanz vielleicht gar nicht bekannt ist und wo eigentlich Tanz eine sehr direkte Kommunikation mit Menschen haben könnte. Und dass die Tänzer den Menschen nicht vielleicht nur etwas Glück und Trost bringen, sondern dass die auch etwas über sich und ihre Mitmenschen lernen. Sagen wir, diese Empfindungen von anderen Menschen zu spüren, Mitgefühl zu haben".

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