Bitte warten...

Stefan Herheim inszeniert "Hoffmanns Erzählungen" bei den Bregenzer Festspielen Verpackung ohne Inhalt?

Kulturthema am 24.7.2015 von Karsten Umlauf

Er hat Richard Wagners "Parsifal" schon in den deutschen Bundestag verlegt, die Meistersinger wurden zu einer Märchensammlung der Gebrüder Grimm und im Rosenkavalier steht ein halber Zoo auf der Bühne. Wenn der Norweger Stefan Herheim eine Oper inszeniert, dann wird es bunt. Dreimal schon wurde er zum Opernregisseur des Jahres gewählt. Am 23. Juli 2015 hat er in Bregenz bei den Festspielen seinen neuesten Streich auf die Bühne gebracht: Hoffmanns Erzählungen von Jacques Offenbach. Das Stück hat eine wechselvolle Geschichte. Ganz fertig komponieren konnte es Offenbach nicht mehr, es gibt auch von ihm schon mehrere verschiedene Versionen. Keine Frage, dass sich Stefan Herheim auch hier eine ganz eigene Variante überlegt hat.

Ein Kennzeichen von Stefan Herheims letzten Operninszenierungen sind volle Regale. Gefüllt mit Requisiten, die im Lauf des Abends benutzt werden können oder auch nicht. Denn es sind auch Relikte, die sich im Lauf der Operngeschichte und ihrer Rezeption gleichsam am Rand angesammelt haben, die ein Stoff mit sich herumschleppt und die Herheim ausstellt, ohne sie gleich zwingend in seine Inszenierung integrieren zu müssen.

So könnte man grundsätzlich seine Herangehensweise an Opern skizzieren: ihre Geschichte, ihre Rezeption, ihre Deutung im Kontext verschiedener Zeiten, vor allem der eigenen, steht immer mit auf der Bühne. Das Prinzip des gefüllten Regals beschreibt aber auch Herheims eigene Position im Opernbetrieb. Die Inszenierungen des bildgewaltigen, überbordend kreativen Norwegers könnten selbst den letzten Opernladenhüter wie ein frisches, knackiges Angebot aussehen lassen. Und so wird er an großen Häusern gerne gebucht und sammelt auch in Bregenz Jubel und Standing Ovation für seine üppige Version von "Hoffmanns Erzählungen". Deren Kernaussagen ließen sich aber wohl auf ein kleines Tellerchen streuen.

Jacques Offenbach hat aus verschiedenen Erzählungen E.T.A. Hoffmanns eine Oper kompiliert, in deren Zentrum der Dichter selbst steht und seine vergebliche Suche nach einem Liebes- und Kunstideal. Aus der Not, dass diese Oper kein geschlossenes Werk ist, es keine verbindliche Originalgestalt gibt, macht Regisseur Herheim eine Tugend: er streicht, löst Rollen auf und stellt dabei den Komponisten Jacques Offenbach als dirigierendes Irrlicht auf die Bühne oder holt einen kleinen Hoffmann als Voodoofigur aus einem Cellokasten. Das alles lässt ahnen: hier geht es einer Opernfigur an den Kragen. Und Herheim macht aus dem Hauptteil der Oper, aus den eigentlichen Erzählungen Hoffmanns von verflossenen Liebschaften, die alle in der Gestalt einer Frau münden, der Sängerin Stella, eine Travestie-Show.

Auf einer hohen Showtreppe werden munter Kostüme und Geschlechterrollen getauscht, jeder kann mal als seelenlose Puppe über die Bühne staksen oder als Stella im silbrigen Abendkleid auftauchen, vor allem Hoffmann selbst ist eher Drag Queen als Dichter. Als sich die Treppe teilt, öffnet sie den Blick auf ihren Unterbau: ein Kellergewölbe mit saufenden Studenten, alle in der Gestalt des jungen ETA Hoffmann. Die Oper als Selbstbespiegelung, die aber zu keiner erkennbaren Identität mehr führt. Und Kunst und Musik werden aus der Jungmännersicht plötzlich zu einem ziemlich profanen Vehikel für die rauschhafte Verklärung von Miedern und Strapsen.

Musikalisch ist diese Produktion meisterhaft: eine Freude, Sängern wie Michael Volle, dem Tenor Daniel Johansson oder auch den rund und präsent aufspielenden Wiener Symphonikern unter Johannes Debus zuzuhören. Es ist meisterhaft, wie Herheim den Chor inszeniert. Wie er die witzigen Videos der Firma Fettfilm mit den verschiedenen Opernebenen verschränkt, wie er ständige Bewegung suggeriert, während doch immer wieder nichts passiert: außer vielleicht dem Nachdenken eines Künstlers über sich selbst. Handwerklich kann man das als Ergebnis einer erfolgreichen Dekonstruktion verstehen. Aber als Idee, als Substanz nach dreieinhalb Stunden aufwändig inszenierter Oper erscheint das dürftig und es drängt sich die Frage auf, ob in den vollen Regalen dieser Opernästhetik vielleicht nur die Verpackungen stehen. Und der Inhalt beim Befüllen verloren gegangen ist.

Weitere Themen in SWR2