Selbstoptimierer im Hamsterrad Staatstheater Stuttgart: Ehen in Philippsburg

Kulturthema am 13.3.2017 von Karin Gramling

Das Staatstheater Stuttgart zeigt Martin Walsers Erstlingsroman "Ehen in Philippsburg", in der Inszenierung von Stephan Kimmig. Das Stück ist eine satirische, fast zynische Analyse der Wirtschaftswunderjahre. "Ehen in Phillippsburg" sei eine echte Wiederentdeckung, findet SWR2-Kritikerin Karin Gramling, denn aktueller denn je sei der Karrierewahn dieser Selbstoptimierer im Hamsterrad. Die Aufführung folge der Romanvorlage ziemlich detailgetreu, arte aber immer wieder aus in lange, schauspielerisch ausgezeichnete, aber ermüdende Monologe. "Es lohnt sich hinzuschauen, trotzdem ist es ein Theaterstück, das dramaturgisch nicht schlüssig funktioniert", so Karin Gramling, "ein wenig mehr Mut sich von der Romanvorlage zu entfernen, hätte der Inszenierung sicher gut getan."

Ein brütend heißer Sommertag. Der junge Hans Beumann kommt aus der Provinz in die Stadt. Dort sucht er nach dem Studium eine Arbeit als Journalist. Doch bei einer großen Zeitung blitzt er erst einmal ab. Trotzdem will Beumann nicht aufgeben. Großartig gibt Matti Krause, den jungen Mann, der bedingungslos nach oben will, in dieser insgesamt zwiespältigen Inszenierung. Denn gleich am Anfang zeigt sich das Problem, das sich durch den ganzen Abend zieht. Die Aufführung folgt der Romanvorlage ziemlich detailgetreu und artet immer wieder aus in sehr lange, schauspielerisch zwar ausgezeichnete, aber irgendwann doch sehr ermüdende Monologe.

An den Ehen in Philippsburg lässt sich das Dilemma der Gesellschaft ablesen

Dabei bietet der Abend eine hervorragende Analyse der Wirtschaftswunderzeit. Mit einem machtversessen, aufstiegsorientierten und regelrecht sexsüchtigen Personal – wie dem Gynäkologen Benrath, gespielt von Felix Klare. Der sich nicht zwischen Frau und Geliebter entscheiden kann.

An den Ehen in Phillippsburg lässt sich das Dilemma der Gesellschaft ablesen. Es geht nur darum Macht und Einfluss zu gewinnen, aber nicht um Liebe. Die dunkle Vergangenheit der NS-Zeit verdrängen alle und schütteln sie ab, gehen dabei aber auch mal über Leichen. Die Großindustriellen, Künstler, Galeristen und aufstrebenden Politiker, nebst Ehefrauen, die meist sowieso wenig zu sagen haben.

Ein Stück über den Karrierewahn der Selbstoptimierer im Hamsterrad

Regisseur Stephan Kimmig illustriert das wunderbar ironisch mit Tanzeinlagen a la West Side Story, exzessiven Partys bei denen die Schauspieler in knappen Kostümen und Tiermasken auf dem Kopf auf der Bühne kopulieren. Grandios auch die Drehbühne. Eine großer luftig, heller Raum. Mit Vorhängen, der sich mal in einen Salon, eine Bühne oder ein Büro verwandelt. Die berührendste Szene ist sicherlich als Hans Beumann seine künftige Frau, die verhärmte aber reiche Tochter seines Chefs, zu einer Abtreibung zwingt. Anrührend gespielt wird das von Sandra Gerling.

"Ehen in Phillippsburg" ist eine echte Wiederentdeckung. Aktueller denn je ist der Karrierewahn dieser Selbstoptimierer im Hamsterrad. Nur wenige verzweifeln und fragen sich, wofür sie das alles auf sich nehmen und sich dabei selbst verraten. Es lohnt sich eigentlich hinzuschauen, trotzdem ist es ein Theaterstück mit Längen, das dramaturgisch nicht ganz schlüssig funktioniert. Schade, ein wenig mehr Mut sich von der Romanvorlage zu entfernen, hätte der Inszenierung sicher gut getan.

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