Theatertage Rheinland-Pfalz 2022

Sonderbar gut — das Drama „Rob“ über einen Massenmörder als deutsche Erstaufführung in Mainz

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Roberto Succo schlitzte, schlug und stückelte sich durch das Italien der 80er Jahre. Wegen seines guten Aussehens und seiner unberechenbaren Kaltblütigkeit fasziniert er viele Menschen bis heute. Bücher, ein Film und ein Theaterstück haben sich schon mit dem Gewaltverbrecher beschäftigt. Zuletzt hat sich der erfolgreiche griechische Autor Efthymis Filippou mit ihm auseinandergesetzt. „Rob“ heißt sein Stück, das vom Mainzer Staatstheater im Rahmen der Rheinland-Pfälzischen Theatertage zur deutschsprachigen Erstaufführung gebracht wurde – als morbides Wimmelbild, bei dem nichts ist, wie es zu sein scheint.

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Premiere im künftigen Mainzer Leibniz-Zentrum für Archäologie

Sonderbar. So lässt sich nicht nur der erste Blick auf die Bühne, sondern auch der gesamte Theaterabend zusammenfassen. Aber der Reihe nach. Das Publikum nimmt nämlich nicht im Theater Platz – damit fängt es schon an, sondern im noch nicht eröffneten Mainzer Leibniz-Zentrum für Archäologie. Staatstheater und römisch-germanisches Zentralmuseum, zu dem der Neubau gehört, kooperieren miteinander. Und tatsächlich passt das sonderbare Theaterstück „Rob“ ideal zu diesem herausgeputzten und doch unfertigen Raum.

Auf der Bühne dieses Raums hat sich eine obskure Gemeinschaft zusammengefunden. „Wir werden über die Liebe sprechen“, begrüßt eine Figur die Anwesenden: „Bevor wir beginnen, möchte ich Ihnen allerdings noch ein paar Dinge mit auf den Weg geben. Ihre Haare müssen schön sein. Gekämmt und schön. Ihre Kleidung, sie muss schön sein. Es gibt keinen guten Grund, hässliche Kleidung zu tragen…“

Rob  (Foto: Pressestelle, Staatstheater Mainz, Hans Jörg Michel)
Inspektor von der Polizei (Denis Larisch) und Vater von Rob (Simon Braunboeck) Pressestelle Staatstheater Mainz, Hans Jörg Michel

Inspektor von der Polizei“ heißt die Figur, die mit diesen Worten die anderen Anwesenden begrüßt. Die anderen, das sind zum Beispiel die Mutter und der Vater von Rob, die Schwester von Rob oder ein Mann, der gerne so wäre wie Rob. Sie sind zusammengekommen, um an Rob zu erinnern oder besser, um ihm zu huldigen.

Rob — ein grausamer Mörder als bewunderter Held

Rob selbst tritt nie in Erscheinung. Denn Rob ist tot. Aber auch einige der Anwesenden leben längst nicht mehr; Rob war nämlich ein grausamer Mörder und Gewaltverbrecher, und gleichzeitig ein für sein schönes Aussehen und seine Kaltblütigkeit bewunderter Held. Im wahren Leben hieß er Roberto Succo. Er schlitzte, schlug und stückelte sich durch das Italien der 80er Jahre. Ein Spielfilm und ein Theaterstück sind über Succos Leben bereits erschienen. Das komische Drama von Efthymis Filippou knüpft an diese Arbeiten an.

„Rob“ ist die erste große Regiearbeit von Wolfgang Menardi. Menardi ist Schauspieler, Architekt und einer der gefragtesten Bühnenbildner im deutschsprachigen Raum. Auch für sein Mainzer Regiedebut hat er das Bühnenbild entworfen. Die Grenze zwischen Leben und Tod spiegelt sich dort genauso wider wie beim gesamten Bühnengeschehen. Ein schwarzes Pferd wird von einer Wand verschluckt, wolfsähnliche Tierskulpturen stehen herum, denen mal ein Bein fehlt, mal sitzt ein Ohr an Stelle des Kopfes auf dem Hals.

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Rob-Verehrer*innen - unheimliche Cyborgs und Zwitterwesen

Dazu passen die Kostüme von Jelena Miletic, die aus den wächsernen Rob-Verehrern unheimliche Cyborgs und Zwitterwesen macht. Frauen mit unendlich langen Haaren und Oberlippenflaum sind da zu sehen, Männer mit nacktem Babybauch. Teile mancher Gesichter müssen mit Spangen und Metallteilen fixiert werden. Das ist gruselig und zum Lachen gleichermaßen. Genauso wie der Text, in dem sich ein bizarrer Monolog zur Vergötterung von Rob an den nächsten reiht.

Rob  (Foto: Pressestelle, Staatstheater Mainz, Hans Jörg Michel)
Nervige Verkäuferin (Hannah von Peinen), Ensemble Pressestelle Staatstheater Mainz, Hans Jörg Michel

Ein morbides Wimmelbild

Immer wieder werden Massenmörder wie Popstars verehrt. Ein merkwürdiges Phänomen. Autor Efthymis Filippou hat dieses Phänomen in einen rasanten, wortstarken Text gegossen. Regisseur und Bühnenbildner Wolfgang Menardi macht aus dem Text ein morbides Wimmelbild, in dem nichts ist, wie es zu sein scheint. Ein zu allen Schandtaten bereites Schauspieler-Ensemble bevölkert das Wimmelbild zweieinhalb Stunden lang bestialisch prügelnd, tollwütig zuckend oder skurril tanzend. Dadurch ist der Theaterabend nicht nur sonderbar. Sondern sonderbar gut.

Rob  (Foto: Pressestelle, Staatstheater Mainz, Hans Jörg Michel)
Vater von Rob (Simon Braunboeck), Julian von Hansemann, Vincent Doddema, Johannes Schmidt, Denis Larisch Pressestelle Staatstheater Mainz, Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Mann, der gern so wäre wie Rob (Vincent Doddema) Pressestelle Staatstheater Mainz, Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Mädchen, das Rob liebt (Leandra Enders) und der Inspektor von der Polizei (Denis Larisch) Pressestelle Staatstheater Mainz, Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Julian von Hansemann als ein Freund von Rob Pressestelle Staatstheater Mainz, Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Nervige Verkäuferin (Hannah von Peinen), Ensemble Pressestelle Staatstheater Mainz, Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Ensemble, Simon Braunboeck, Denis Larisch Pressestelle Staatstheater Mainz, Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Inspektor von der Polizei (Denis Larisch) und Vater von Rob (Simon Braunboeck) Pressestelle Staatstheater Mainz, Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Kleine Schwester von Rob (Carlotta Hein) Pressestelle Staatstheater Mainz, Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen

Mehr zum Stück sowie weitere Aufführungstermine auf den Seiten des Staatstheaters Mainz

Mainz

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