"Sommernachtstraum" in Freiburg von Ewelina Marciniak Sommernachtsmännertraum

Kulturthema am 8.1.2018 von Daniel Stender

Männer heiraten Frauen. Männer verheiraten ihre Töchter. Beides, ohne sich um deren Gefühle groß zu scheren. Der "Sommernachtstraum" der polnischen Regisseurin Ewelina Marciniak am Theater Freiburg ist ein böser Kommentar zur #MeToo-Debatte. Am Ende gewinnt mal wieder der alte, weiße Mann.

Tochter lieber töten, als sie dem Geliebten zu geben

Ewelina Marciniak liest Shakespeares Stück nicht als romantisches Verwechslungsmärchen mit Elfen und Zauberwald. Sondern als Geschichte über einen Vater, der seine Tochter lieber töten lassen will, als sie dem Mann zu geben, den sie liebt - und sich bei diesem Plan auf seinen König verlassen kann.

Henry Meyer als alter König Theseus nähert sich der jungen Hermia, er tastet sie ab, beschnuppert sie, schneidet ihr Schamhaar ab und stopft es sich in den Mund.

"Wie kam es, das Demetrius sich in Dich verliebte? Ich weiß es nicht, mein Blick ist bös. Sein Wahnsinn ist doch keine Schuld von mir."

Szenenfoto aus "Ein Sommernachtstraum": Henry Meyer, Anja Schweitzer, Janna Horstmann, Laura Angelina Palacios (Foto: SWR, Theater Freiburg, Pressestelle - Foto 2018: Birgit Hupfeld)
Flucht in den Zauberwald, mit Titania als schaumgeborener Venus: Henry Meyer, Anja Schweitzer, Janna Horstmann und Laura Angelina Palacios Theater Freiburg, Pressestelle - Foto 2018: Birgit Hupfeld

Vor dem Patriarchat in den Wald flüchten

Der Gegenentwurf zu diesem System ist der Wald, in den die Liebenden Lysander und Hermia fliehen. Der Wald ist der Ort, an dem die Regeln von Vater und Staat nicht mehr gelten. Hier sind die strengen Regeln der Paarbildung gebrochen.

Allerdings: Was Shakespeare als den Wald beschreibt, in dem sich das Elfenkönigspaar Oberon und Titania streitet und durch den Hermia und Lysander irren, ist im Theater Freiburg eine nasse Pfütze, die sich in der Tiefe der Bühne ausbreitet und auf der mal eine, mal drei übergroße Muscheln hin und her gleiten. In der Muschel: Titania. Beziehungsweise: die schaumgeborene Venus nach Boticelli.

Szenenfoto aus "Ein Sommernachtstraum": Janna Horstmann, Lukas Hupfeld (Foto: SWR, Theater Freiburg, Pressestelle - Foto 2018: Birgit Hupfeld)
Titania als Männerphantasie, mit viel Kunsthaar. Janna Horstmann liegt auf dem Zottel-Zettel (Lukas Hupfeld). Theater Freiburg, Pressestelle - Foto 2018: Birgit Hupfeld

Titania - eine lächerliche Männerphantasie

Nackt, mit viel zu langem Kunsthaar bedeckt und immer bemüht, die Pose der Venus auf einer über die Bühne gleitenden Muschel zu halten: diese Titania ist eine lächerliche Männerphantasie. Auf den ersten Blick zumindest.

Auf den zweiten Blick versucht auch sie sich von ihrem Elfengatten Oberon zu emanzipieren, und ein Handwerker mit Eselskopf kommt ihr da gerade recht. Auch – oder gerade weil – dieser Klaus Zettel nicht an einen Esel, sondern eher an einen Yeti erinnert und ein Ganzkörper-Fell mit übergroßem phallischen Kopf trägt. "Ich bin’s nur. Zettel, Klaus. Bist Du schön. Selbst im Schlaf habe ich noch nie ein so unglaubliches Geschöpf gesehen."

Szenenfoto aus "Ein Sommernachtstraum": Laura Angelina Palacios, Janna Horstmann, Lukas Hupfeld (Foto: SWR, Theater Freiburg, Pressestelle - Foto 2018: Birgit Hupfeld)
Zettel verwandelt sich in einen grotesken Riesen-Yeti. Laura Angelina Palacios, Janna Horstmann als Titania und Lukas Hupfeld als Zettel. Theater Freiburg, Pressestelle - Foto 2018: Birgit Hupfeld

Der Quatsch hat System

Natürlich ist das albern. Aber dieser Quatsch hat System. Ewelina Marciniak entkernt den Sommernachtstraum, sie reduziert die Fülle der Figuren und bricht keine tragenden Wände aus der Handlung, lässt die Schauspieler improvisieren.

Und sie zieht gleich wieder ein paar Komplexitätsebenen ein. Etwa, wenn die ein Stück probenden Handwerker, die durch den Elfenwald ziehen, schmerzend schlechtes Theater aufführen und zugleich über Repräsentation, über die Wirkung von Kunst und ihren Bezug zur Realität diskutieren. Claes Oldenburg etwa wird hier zitiert, Kunst habe nicht auf dem "Arsch" im Museum zu sitzen. "Denn die Kunst, die ich suche, die braucht Wahrheit. Nicht Wahrhaftigkeit."

Hippie-Körperlichkeit als Lösung

Kunst oder Theater müssen eben relevant sein. Und die Relevanz, die Ewelina Marciniak ihrem Sommernachtstraum gibt, ist die der Emanzipation. Ist das feministisch? Nicht unbedingt, es ist eher der Summer-of-love, eine Hippie-Körperlichkeit, die alle Probleme zu lösen scheint.

Szenenfoto aus "Ein Sommernachtstraum": Dominik Paul Weber, Rosa Thormeyer (Foto: SWR, Theater Freiburg, Pressestelle - Foto 2018: Birgit Hupfeld)
Am Ende landen alle nackt in der Riesenmuschel. Dominik Paul Weber und Rosa Thormeyer im Freiburger "Sommernachtstraum" Theater Freiburg, Pressestelle - Foto 2018: Birgit Hupfeld

Hermia liebt Lysander? Oder Helena Demetrius? Titania den Yeti? Irgendwann sind diese zentralen Fragen des Stückes nicht mehr so wichtig, irgendwann steigen alle nackt in die gleiche Muschel.

Swingerclub-Plastikmuschel

Auch diese Swingerclub-Plastikmuschel ist albern – aber das Lachen bleibt einem im Halse stecken. Denn am Ende sortiert die Welt des Patriarchats brutal die einzelnen Körper wieder zu Paaren. Am Ende wird ganz klassisch Hochzeit gefeiert. Die Brautpaare tanzen preußischen Walzer, stechschritthaft, mit versteinerten Gesichtern.

Die Welt der Väter, die Welt der alten Männer – und ist Shakespeare nicht auch so ein alter weißer Mann? – diese Welt, sie hat wieder einmal gewonnen.

Szenenfoto aus "Ein Sommernachtstraum": Dominik Paul Weber, Rosa Thormeyer, Henry Meyer, Anja Schweitzer, Michael Schmitter, Thieß Brammer (Foto: SWR, Theater Freiburg, Pressestelle - Foto 2018: Birgit Hupfeld)
Am Ende siegt auch im Freiburger "Sommernachtstraum" der alte, weiße Mann. Dominik Paul Weber, Rosa Thormeyer, Henry Meyer, Anja Schweitzer, Michael Schmitter und Thieß Brammer. Theater Freiburg, Pressestelle - Foto 2018: Birgit Hupfeld
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