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Eine Gruppe von Menschen, eingeschlossen in einem Haus: Der Film „Der Würgeengel“ von Luis Buñuel zeigt die Abgründe, die in einer Ausnahmesituation hinter der bürgerlichen Fassade hervortreten. Am Schauspiel Stuttgart macht Regisseur Viktor Bodó den „Würgengel“ zu einer Metapher auf die Corona-Pandemie. Das ist unterhaltsam, findet SWR2 Kritiker Daniel Stender – aber auch vorhersehbar.

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Meisterwerk des surrealen Kinos auf der Bühne

Die ursprünglich surreale Handlung hat den „Würgeengel“ von Luis Buñuel prädestiniert als Geschichte der Corona-Krise. Durch Quarantäne und Selbst-Isolation ist für viele die scheinbare Absurdität des Eingeschlossen-Seins bei offenen Türen schon zur ganz realen persönlichen Erfahrung geworden.

„Der Würgeengel” am Schauspiel Stuttgart (Foto: Pressestelle, Schauspiel Stuttgart / Thomas Aurin)
Politiker*innen aus verschiedenen Ländern treffen sich mitten in der Corona-Pandemie zu einem Krisengipfel, sie sitzen mit sehr viel Abstand an einem riesigen runden Tisch, die Mikrofone sind desinfiziert, einige tragen Mundschutz oder Handschuhe – und alle reden hohles Zeug. Pressestelle Schauspiel Stuttgart / Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Das ist ganz lustig, zumal dieses Zeug simultan in verschiedene Sprachen übersetzt wird. Pressestelle Schauspiel Stuttgart / Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Wer will, kann hier konkrete Personen erkennen: Sylvana Krappatsch wirkt mit weiß-blonder Föhn-Tolle und kontrollierten Gesten sehr gelungen wie Ursula von der Leyen. Oder Angela Merkel wird per Videoschalte hinzugefügt und kann ihr Mikrofon nicht anschalten. Pressestelle Schauspiel Stuttgart / Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Vor allem wird klar: Hier geht es um die Realität, in der wir gerade leben. Und wenn die Teilnehmer und Teilnehmerinnen des Krisengipfels diesen nicht mehr verlassen können, dann denkt man im Zuschauerraum: kenne ich, das ist halt Quarantäne. Pressestelle Schauspiel Stuttgart / Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Es geschehen seltsame Dinge, im Sekretariat ist niemand mehr, die Büros sind leer. Was stattdessen geschieht, ist erwartbar: die Eingeschlossenen drehen durch. Pressestelle Schauspiel Stuttgart / Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Die sonst unterdrückten Triebe treten hervor: Gewalt, Wahn, Sex. Pressestelle Schauspiel Stuttgart / Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Wobei hier wiederum die reale Pandemie die Inszenierung behindert, in der realen Stadt Stuttgart mit einem Inzidenzwert von weit über 100 Neuinfektionen in den letzten sieben Tagen muss auch die Enthemmung auf der Bühne mit Distanz gespielt werden. Pressestelle Schauspiel Stuttgart / Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen
Zwar sind am Ende alle mehr oder weniger nackt – aber es ist eben eine Orgie mit Abstand, jeder erotisiert für sich allein. Pressestelle Schauspiel Stuttgart / Thomas Aurin Bild in Detailansicht öffnen

Huis-Clos mit einer Prise Klamauk

Vielleicht ist das aber schon zu perfekt und real: Buñuel war gegen exakte Deutungen für seine alptraumhaften Rätsel. Die Inszenierung in Stuttgart ist aber genau das: eine große Metapher für die Pandemie. Aber wenn so klar ist, dass der Würgeengel mit Vornamen Corona heißt, dann geht das Geheimnis, die diffuse Bedrohlichkeit des Films verloren.

Die nächsten Vorstellungen von „Der Würgengel“ am Schauspiel Stuttgart sind für den 26.10., 3. und 4.11.2020 geplant.

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