Bühne

Salzburger Festspiele: Oper „Katja Kabanova“ zum zweiten Mal auf dem Programm

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AUTOR/IN
Bernd Künzig

Leos Janaceks Oper „Katja Kabanova“ ist das tönende Seelenporträt einer gedemütigten Frau. Zum zweiten Mal steht diese Oper auf dem Programm der Salzburger Festspiele. Sie ist ein Wunschprojekt von Regisseur Barrie Kosky gewesen. Mit dem Tschechen Jakub Hrusa steht ein großer Bewunderer der Musik Janaceks am Dirigentenpult der Wiener Philharmoniker.

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Ein Bühnenbild kafkaesker Qualität

Über die gesamte enorme Breite der Felsenreitschule zieht sich eine Wand von Menschen. Sie haben uns den Rücken zugekehrt. Und es sind starre Puppen. Aus dieser anonymen Masse wenden sich die einzelnen, lebendig werdenden Figuren von Leos Janaceks Oper „Katja Kabanova“ zu uns.

Es ist ein geniales Bild, das der Bühnengestalter Rufus Didwiszus für Barrie Koskys Inszenierung bei den Salzburger Festspielen gefunden hat, von kafakesker Qualität.

Nicht zu Unrecht erinnert Regisseur Kosky daran, dass Franz Kafka ein Zeitgenosse Janaceks war, als er sein Psychodrama der gedemütigten, sich verzweifelt aus einer Ehehölle befreien wollenden Frau nach Ostrowskis Drama „Das Gewitter“ komponiert hat.

Nichts an Wahrhaftigkeit eingebüßt

Es findet mitten in einer Gesellschaft statt, die dem individuellen Leiden den Rücken zugekehrt hat. Ein gültiges Zeitbild für die Epoche dieser Oper in den frühen 1920er Jahren. Bis heute hat das nichts an Wahrhaftigkeit eingebüßt.

Die gesichtslose Masse lässt sich verschieben, bildet Baum und Busch für die Gartenszene des zweiten Aktes. Katja bricht aus der Ehe mit ihrem saufenden Ehemann Tichon aus und trifft sich mit ihrem Geliebten Boris.

Ihre junge Schwägerin Varvara hat die tyrannische Schwiegermutter Kabanicha weggesperrt, damit auch sie sich mit ihrem Liebhaber Kudrjas ein Stelldichein geben kann. Die personifizierte Sittendiktatur der Kabanicha begegnet derweil ihrem Liebhaber Dikoj.

Ganz großes Musiktheater

Evelyn Herlitzius gibt sich mit Lederstiefeln und Stock einer exquisiten Sado-Maso-Szene hin mit dem speicheltriefenden Jens Larsen in Unterhose als Dikoj. Und die Herlitzius agiert dieses monströse Familienoberhaupt mit stahlhart-kalter Stimme aus. Selbst wenn ihr Sohn Tichon von Jaroslav Brezina wirklich schön gesungen wird: er bleibt ein Würstchen.

Gegen dieses Epizentrum des gesellschaftlich Sittenbösen hat Katja keine Chance. Sie zerbricht an ihrem Ehebruch und stürzt sich während des Gewitters als Ausdruck ihrer seelischen Verwirrung in die Wolga. Im Bühnenboden tut sich ein Loch auf. Sie springt einfach hinein.

Ihr nasses Kleid wird herausgezogen, die Kabanicha hält es an ihrem Stock und singt ihre letzten erbarmungslosen Worte, mit denen sie sich bei jener gesichtslosen Masse hinter ihr für deren Hilfe bedankt. Die hat dem Ganzen schon immer den Rücken gekehrt. Dieses letzte Bild zieht einem den Boden unter den Füßen weg. Das ist ganz großes Musiktheater eines großartigen Regisseurs.

Perfekter musikalischer Realismus

Im Zentrum des Abends die frenetisch gefeierte Corinne Winters in der Titelpartie. Sie singt die Katja mit jugendlich klarer Stimme, träumerisch. Ihre Hände, flackernd an der Seite, verzweifelnd betend, sich selbst schlagend. Auch das ist perfekte Personenführung durch Koskys Hand.

Ohne ihre darstellerische und stimmliche Präsenz wäre dies aber auch nicht möglich. Und in David Butt Philipps als Boris hat sie ein kongeniales, jugendfrisches Gegenüber. Perfekter musikalischer Realismus.

Jarmila Balazova als Varvara und Benjamin Hulett als Kudrajs sind ein bezauberndes, junges Liebespaar, die helle Seite des Mondes in der Liebesnacht. Und alle anderen kleineren Rollen ohne Fehl und Tadel.

Ein genialer Abend

Was der tschechische Dirigent Jakub Hrusa aber am Pult der Wiener Philharmoniker leistet, hat man selten so gehört. Es ist wohl das, was sich Janacek gedacht hat. Kein romantisch weichgespülter Mischklang, sondern die trockene Geradlinigkeit seiner ins Orchester transformierten Sprechmelodien.

Allerdings leidenschaftlich. Hier wird Liebe nicht gesäuselt, sondern ausgesprochen. Die unerbittliche Klarheit von Begehren, Boshaftigkeit, Leiden und Leidenschaft steckt in jeder instrumentalen Nuance, die der Dirigent wie eine Skulptur vor unseren Ohren herausformt. Ein genialer Abend für ein geniales Werk.             


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