"Salomé" nach Oscar Wilde und Einar Schleef am Schauspiel Stuttgart Viel Geschrei um Johannes' Kopf

Am 11.5.2018 von Christian Gampert

Auf den Evangelisten Markus nahm Einar Schleef Bezug, als er „Salomé“ von Oscar Wilde überarbeitete. Das männliche Christentum brauche „das weibliche Opfer“, behauptete er in seinem Vorwort. Salomé sei eine weibliche Widerständlerin. Die Inszenierung von Sebastian Baumgarten am Schauspiel Stuttgart ist eine lautstarke Resignation vor dem Stoff, in prominenter Besetzung mit Julischka Eichel als Salomé und Astrid Meyerfeldt als ihre Mutter Herodias.

Textspucken und Overacting

Vielleicht hat Sebastian Baumgarten einfach zu viel Oper inszeniert. In seiner Salomé-Aufführung agieren die Schauspieler wie Sänger, die statt ihrer Arien völlig exaltiert Text spucken und auch durch Kostüme und körperliches Overacting zeigen, dass wir es mit einer pathetischen Fin-de-Siècle-Veranstaltung zu tun haben.

Aber nicht ganz: auf großen Monitoren erscheinen diverse Himmelskörper in militärischer Perspektive, die uns signalisieren, die Erde sei unbewohnbar wie der Mond. Und das Bühnenbild von Thilo Reuter stellt den Eingang des Jerusalemer King-David-Hotels in den Mittelpunkt, so dass wir uns offenbar mitten im Nahost-Konflikt befinden.

"Salomé" am Schauspiel Stuttgart (Foto: Staatstheater Stuttgart - Foto: Birgit Hupfeld)
Die Erde, unbewohnbar wie der Mond. Christian Czeremnych und Julischka Eichel als Salomé, Horst Kotterba und Sebastian Röhrle. Staatstheater Stuttgart - Foto: Birgit Hupfeld

Ja, in Jerusalem sind alle irrational...

Auf den Filmleinwänden ziehen Militärkolonnen von den Römern bis zu den Weltkriegen vorbei, seltsamerweise ohne islamische Truppen. Man hört Bombeneinschläge – ja, Jerusalem ist noch immer die Hauptstadt der Irrationalität und des Wahnsinns.

Nehmen wir einmal an, der christliche Prophet Johannes hause tatsächlich, wie in Stuttgart, in der Kanalisation und kündige den Juden ihren Untergang an – dann wäre das ein politisches Stück.

"Salomé" am Schauspiel Stuttgart (Foto: Staatstheater Stuttgart - Birgit Hupfeld)
Küss die Hand, Stieftochter. Thomas Wodianka als Herodes und Julischka Eichel als Salomé, der ihr Schwiegervater wenig sympathisch ist. Staatstheater Stuttgart - Birgit Hupfeld

Salomé vor allem eine hysterische Salonschlange

Aber obwohl die Nebenfiguren embedded journalists sind oder eine Moshe-Dayan-Augenklappe tragen, geht es um ganz anderes: um die Frau, das Weib, die Tochter der Unzucht, die Verführung – und damit um die größte Gefahr, die das Christentum seit jeher kennt.

Salomé ist in Stuttgart wild und ziemlich freizügig aufgemacht, als Inkarnation dekadenter Erotik, als habe Regisseur Baumgarten sämtliche Gemälde von Gustave Moreau bis Franz von Stuck zum Vorbild genommen.

Allerdings bleibt Julischka Eichel als Salomé in ihrem Spiel vor allem eine hysterische Salonschlange, die Sarah-Bernhardt-mäßig den Laden aufmischt – und bestätigt damit sämtliche Klischees, die über die Figur in Umlauf sind.

"Salomé" am Schauspiel Stuttgart (Foto: Staatstheater Stuttgart - Birgit Hupfeld)
Nein, außer Johannes mag sie keinen. Julischka Eichel als Salomé, hier mit Horst Kotterba. Im Hintergrund Paul Grill, Thomas Wodianka und Sebastian Röhrle. Staatstheater Stuttgart - Birgit Hupfeld

Johannes: ein dreckiger Clochard

Die biederen Römer mag sie nicht, und ihr notgeiler Stiefvater Herodes Antipas ist ihr auch nicht sympathisch. "Hä! Ich muss ihn meinen Vater nennen! Warum bedeckt er sich nicht? Sielt sich vor mir, stiert mich an, wünscht, dass ich mich zu ihm lege."

Nein, das Salomé-Girlie steht mehr auf Asketen, auf den christlichen Eremiten Johannes, der den neuen Gott ankündigt, aber selber in einer Jauchegrube wohnt. Von dort, aus der Tiefe, ruft er Botschaften von Apokalypse und Erlösung.

Johannes ist in Stuttgart ein dreckiger Clochard, und es ist wenig einsichtig, dass Salomé seinen Mund küssen möchte. Sie will halt hinab zu den Erniedrigten und Beleidigten, in den politischen Müll, und die erotische Zurückweisung durch den heiligen Mann löst bei ihr Widerstand aus.

"Salomé" am Schauspiel Stuttgart (Foto: Staatstheater Stuttgart - Birgit Hupfeld)
Thomas Wodianka, Astrid Meyerfeldt, Julischka Eichel, Horst Kotterba, Felix Mühlen und Paul Grill in der Inszenierung der "Salomé" von Sebastian Baumgarten Staatstheater Stuttgart - Birgit Hupfeld

Herodias: eine hyperventilierende Turbo-Emanze

Weit kämpferischer als Salomé ist allerdings ihre Mutter Herodias. Astrid Meyerfeldt spielt sie als sexuell unterversorgte, intrigante, hyperventilierende Turbo-Emanze, die den endgültigen Geschlechterkrieg ankündigt, obgleich sie doch schon in Sünde lebt.

Bevor es zu Salomés erotischem Schleiertanz kommt, ist man schon ziemlich ermattet von abendfüllendem Textgeschrei. Und während zunächst in Breitwandformat bewiesen wird, dass die Heiden, die Juden, Blut saufen und Menschenopfer bringen, sitzt die Salomé am Ende sehr allein mit dem Kopf des Johannes da und sagt: ich küsse dich.

Aber das ist kein Sieg, das ist Resignation – so wie diese Inszenierung vor dem großen Stoff lautstark resigniert.

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