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Es liegt nahe, die beiden Venedig-Stücke von William Shakespeare zu kombinieren. Trotzdem sind Elisabeth Bronfen und Muriel Gerstner die ersten, die „Der Kaufmann von Venedig“ und „Othello“ zusammenbringen. „This is Venice“ heißt ihre Neubearbeitung der Stoffe, die am Burgtheater in Wien von Stefan Nübling inszeniert wird.

Dauer
Sendedatum
Sendezeit
6:00 Uhr
Sender
SWR2

Es beginnt vielversprechend in Sebastian Nüblings Inszenierung von „This is Venice“: wenn sich die Figuren in den schwarzen Raum werfen, dessen Rund Lametta schmückt, wenn sie sich einzeln oder in Paarungen immer schneller auf einem Laufsteg präsentieren, maskenhaft grinsend und sich in Posen werfend.

This is Venice - Burgtheater Wien (Foto: Matthias Horn)
Im Bild: Sylvie Rohrer (Emilia), Itay Tiran (Shylock), Rainer Galke (Doge), Gunther Eckes (Gratiano) und Markus Hering (Brabantion) Matthias Horn

Der Fremde - gehasst und doch gebraucht

Auch wenn da gerade noch jemand die Vorzüge dieses Venedigs ins Mikrophon geraunt hat — die Offenheit für alle Fremden und vor allem: ihr Geld — so sind es doch erst Jagos Worte, die zeigen, welcher Wind hier wirklich weht.

„Ich hasse den Schwarzen. Der Schwarze muss weg. Obgleich ich ihn wie Höllenqualen hasse, muss ich, um meinen Unterhalt zu sichern, Othellos Fahne tragen… “

Jago (Norman Hacker), This is Venice

Sein Konflikt bringt es auf den Punkt: wie er Othello hasst, den Fremden, und ihn dennoch zum Überleben braucht, so hegt auch die Stadt Venedig ihre Ressentiments gegen den schwarzen Feldherrn oder den jüdischen Geldverleiher Shylock, den „Kaufmann von Venedig“.

This is Venice - Burgtheater Wien (Foto: Matthias Horn)
Im Bild: Norman Hacker (Jago), Dietmar König (Antonio) und das Ensemble Matthias Horn

Die blühende Stadt, das reiche Handelszentrum, lebt auch von ihren Fremden und will sie zugleich dennoch nicht integrieren, ihnen etwa nicht ihre Töchter geben, wogegen z.B. Othello mit seiner heimlichen Ehe mit Desdemona verstoßen hat.

„Othello“ als Spiegelbild des „Kaufmanns von Venedig“

Es sind viele Aspekte, die die Stücke „Othello“ und „Der Kaufmann von Venedig“ spiegelbildlich funktionieren lassen und es ist tatsächlich verwunderlich, warum noch niemand auf die Idee gekommen ist, sie auf der Bühne miteinander zu konfrontieren.

Da ist die Ausgrenzung des Fremden, die Stadt Venedig, der es immer wieder gelingt, diesen Fremden, wenn sie ihre Aufgaben erfüllt haben, ihr Vermögen abzunehmen. Da sind die Töchter, die sich, mehr oder minder erfolgreich, gegen ihre Väter und Männer auflehnen: Jessica oder Portia im „Kaufmann von Venedig“ und Desdemona im Othello.

This is Venice - Burgtheater Wien (Foto: Matthias Horn)
Im Bild: Stacyian Jackson (Portia) Matthias Horn

Aus „zwei mach eins“ geht nicht auf

Es klingt gut, was Elisabeth Bronfen und Muriel Gerstner mit ihrer klugen Betrachtung und Verschränkung der beiden großen Venedig-Stücke haben erreichen wollen. Doch es sind eben auch zwei „große“ und sehr komplexe Stücke, die nun jeweils auf die Hälfte reduziert doch von ihrer Substanz verlieren.

Zugleich ist aus der Bearbeitung nicht wirklich ein einheitliches Stück geworden, sondern eine Art Hopping zwischen zwei Stücken. Das geht nur teilweise auf und ist auch die Schwierigkeit, an der sich die Inszenierung von Sebastian Nübling nicht immer erfolgreich abarbeitet.

Zwar gelingt vor allem kostüm-ästhetisch der Spagat zwischen den Krauskragen der frühen Neuzeit und den Bomberjacken unserer Gegenwart. Zwar spielen sich Schauspieler wie Roland Koch als weißer „Schwarzer“, den man teilweise schmückt wie ein Zirkuspferd, immer mal wieder kräftig auftrumpfend in den Fokus.

This is Venice - Burgtheater Wien (Foto: Matthias Horn)
Im Bild: Markus Hering (Brabantio), Marie-Luise Stockinger (Desdemona) und Dietmar König (Rodrigo) Matthias Horn

Gute Idee, schlecht umsetzbar

Der szenische Wechsel zwischen Tableau vivants und gruppendynamischer Verve verleiht der Inszenierung über Strecken einen gewissen Rhythmus. Doch dieser verliert sich immer wieder in der Notwendigkeit, den jeweiligen Plot bis zu einem gewissen Grad auserzählen zu müssen.

Und so hat man nach dreieinhalb sehr langen Stunden das Gefühl, einem sowohl intellektuell wie szenisch groß angelegten und Respekt gebietenden Projekt letztlich beim Scheitern zugeschaut zu haben.

This is Venice (Othello & Der Kaufmann von Venedig). Burgtheater Wien, nächste Aufführungen am 25.2., 2.3. und 5.3.

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