Rezension

Abgebrochene Premiere Madame Butterfly bei den Bregenzer Festspielen - ein Versprechen auf Poesie und Konzentration

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Karsten Umlauf

Giacomo Puccinis Oper „Madame Butterfly“ gilt als intimste seiner großen Opern. Das Kammerspiel um eine 15-jährige Geisha aus Nagasaki, die einen US-Soldaten heiratet, hatte am 20.7. Premiere auf der Seebühne in Bregenz. Allerdings nur bis ein Gewitter für den Abbruch sorgte. Der Rest wurde danach halbszenisch im Festspielhaus gezeigt.

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Mehr als die Hälfte des Abends wurde in das Festspielhaus verlegt

Blitze über Bregenz und eine Regenfront im Anflug – dagegen kann selbst die Aura der Seebühne nicht ankommen und so muss man sich am Premierenabend nach einer Stunde dem Naturschauspiel ergeben.

Im Festspielhaus wird in solchen Fällen dann der Rest der Oper halbszenisch zu Ende gespielt. Nur ein Teil des Publikums passt da rein, die anderen können an diesem Abend ihr Eintrittsgeld zurückbekommen. Immerhin.

Aber was erzählt man von einem solchen abgebrochenen Abend, der zu mehr als der Hälfte zu völlig anderen Bedingungen abläuft als gedacht und seit über vier Jahren geplant?

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Ein spezieller Zauber geht von der Bühne aus

Vielleicht begreift man die Unterbrechung kurz nach Beginn des zweiten Aktes als eine Art Cliffhanger und konzentriert sich darauf, was bis hierher geschah. Denn die Bühne versprüht schon auch im ersten Teil ihren speziellen Zauber. Bühnenbildner Michael Levine hat sich von japanischer Kultur inspirieren lassen und ein großes Blatt Papier in den See drapiert.

Nach hinten aufgestellt wie eine Leinwand, fließt es Richtung Publikum in kleinen Falten oder Wellen. Darauf im Stil von japanischen Tuschezeichnungen Gebirgszüge, die in feinen Schattierungen Tiefe suggerieren.

Links oben japanische Schriftzeichen, am vorderen Rand Zeichnungen von Bonsaibäumen. Es ist eine stilisierte Kunstlandschaft, in der weiß gekleidete Tänzerinnen fast verschwinden und in die die Geisha CioCio San, genannt Butterfly, in Kirschblütenrot einzieht.

Klare Gegensätze

Dagegen hat der Marineoffizier Pinkerton, der in Nagasaki ein Haus gekauft hat, bei seinem Auftritt gleichmal ein Loch ins Papier gerissen, aus einem zweiten Loch fährt nicht ganz klischeefrei eine US-Fahne in die Höhe.

Zudem wirkt Pinkerton in seinem strahlend blauen 50er Jahre Zweireiher wie ein Tintenfleck auf Büttenpapier. Die Gegensätze sind klar, Kulturimperialismus versus alte Tradition, Sextourismus gegen die große Liebe, Butterfly hofft auf Selbstbestimmung, den Auf- und Ausbruch aus der verarmten Existenz als Tänzerin.

So hat es Puccini schon angelegt und trotz aller Gegensätze lässt er sein ungleiches Paar ein paar Momente gemeinsamen Glücks erleben, bevor Pinkerton wieder nach Amerika abdampft und erst drei Jahre später wieder mit neuer Frau zurückkehrt.

Die Kunst der Nuance dominiert

Für Spektakelsuchende, die in Bregenz ja auch immer mal wieder auf ihre Kosten kommen, gibt es bis dahin wenig zu sehen. Außer einer fantastisch Harry-Potter-Voldemort-mäßigen Videoprojektion, bei der der aufgebrachte Onkel Butterfly verstößt, weil sie zum Christentum konvertiert ist: ein grau umwölktes Gesicht, das kurzzeitig die ganze Bühnenlandschaft einnimmt.

Ansonsten belässt es Regisseur Andreas Homoki bei der Kunst der Nuance und der Stilisierung, Bewegungen aus dem Kabuki-Theater, Lichtwechsel, das ist manchen als Inszenierungsidee sicher zu wenig, aber es scheint alles sehr aus der japanischen Kulturtradition entwickelt und eröffnet zumindest der Musik viel Raum.

Fortsetzung folgt

Enruique Mazzola und die Wiener Symphoniker nutzen das für eine beseelte und schlackenlose Performance. Es bleibt genug Schmelz für Puccinis Musik übrig, weil vor allen Dingen Barno Ismatullaeva als Butterfly mit strahlendem und doch immer wieder weichem und flexiblem Sopran die Bühne füllt.

Die Usbekin ist DIE Entdeckung in einem guten Sängerensemble. Ob dieses intime Stück in der Form in Bregenz am richtigen Ort ist, lässt sich nach dem Abbruch nicht seriös beantworten. Zur Frage der kulturellen Aneignung, inwieweit hier Abziehbilder aufeinandertreffen und schon die Oper dem italienischen Belcanto nur einen Kimono überstreift, dazu verhält sich die Inszenierung nicht.

Sie betreibt aber auch keine Folklore. Sondern ist, nach dem was man sehen konnte, erstmal ein Versprechen auf Poesie und Konzentration. Aus den Proben weiß man, da kommen auch noch ein paar feurige Bühneneffekte. Bleibt nur, bei gutem Wetter zurückzukommen und dann heißt es: Fortsetzung folgt.

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Karsten Umlauf