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Sie galten als „Wanzenburg“ - heruntergekommene Mietshäuser wie jenes, in dem Gerhart Hauptmann seine Tragikomödie „Die Ratten“ angesiedelt hat. Solche Häuser gibt es bis heute, zum Teil bestehen ganze Stadtviertel daraus. Auch in Ludwigshafen gibt es diese Schmuddelecken, wo niemand hinzieht, der es nicht unbedingt muss. „Ratten Ludwigshafen“ heißt deshalb das Stück, das Tilman Gersch, Intendant des Theaters im Pfalzbau, zusammen mit Bürger*innen der Stadt entwickelt hat.

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Laien und Profis spielen in den "Ratten Ludwigshafen" zusammen

Theologiestudent Spitta möchte Schauspieler werden und nimmt deshalb Sprechunterricht bei einem abgehalfterten Theaterdirektor. Wie diese beiden sind auch alle anderen Rollen in der Inszenierung mehrfach besetzt, teilweise von Profis, zum größten Teil aber von Laien, von Ludwigshafener Bürgerinnen und Bürgern.

Das passt ideal zu Hauptmanns Text, sagt Intendant und Regisseur der Inszenierung Tilman Gersch: "Das sind einfache, liebenswerte, starke Charaktere und wir wollten uns natürlich auch mit Liebe unserer Stadt zuwenden. Natürlich hat Ludwigshafen oft ein Schmuddelimage. Und da war natürlich der Gedanke, die Ratten einfach mal positiv zu sehen."

Laiendarsteller erzählen aus ihrem Leben

Die Laiendarsteller schlüpfen nicht einfach nur in Hauptmanns Rollen. Ihnen wurde der Text im wahrsten Sinne des Wortes auf den Leib geschrieben. Sie erzählen aus ihrem realen Leben, vor allem von ihren Wünschen und Sehnsüchten.

So wie Natice Orhan-Daibel, deren Eltern kamen in den 1960er-Jahren nach Mannheim kamen. Sie hat fünf jüngere Geschwister, erzählt sie, ihr Vater habe bei den Papierwerken gearbeitet. "Als Kind hatte ich immer verrückte Ideen. Einmal wollte ich unbedingt Schlittschuhläuferin werden. Meine Mutter verstand meinen Traum nicht. Sie hatte genug mit Haushalt und Kindern zu tun."

Der Traum, dem tristen Alltag zu entfliehen

Die Träume der Figuren von Gerhart Hauptmann und den Mitgliedern des Bürgertheaters ähneln sich: Unerfüllter Kinderwunsch, der Traum vom großen Geld, die Sehnsucht nach dem Rampenlicht – all das spielt bei Hauptmann eine Rolle genauso wie bei den Ludwigshafener*innen. Es geht darum, dem tristen Alltag zu entfliehen, etwas Neues zu wagen, herauszustechen aus der anonymen Masse der Stadtratten.

Auf der Bühne aus dem eigenen Leben erzählen

Im wahren Leben ist Natice Orhan-Daibel in Frührente und arbeitet ehrenamtlich für die Flüchtlingshilfe und mehrere Kulturprojekte. Theater gespielt hat sie zuletzt als Kind. Dass sie nun auf der großen Bühnen aus ihrem echten Leben erzählt, fällt ihr nicht schwer.

Dass es nie zu spät ist, sich seine Träume zu erfüllen, das weiß auch Vivien Lahdo, deren großer Wunsch es war, Schauspielerin und Tänzerin am Theater zu werden. "Doch das hätte ich meinem Vater nur schwer erklären können", erzählt sie. Also begann sie ein Lehramtsstudium. "Ich liebe meinen zukünftigen Job. Doch etwas fehlt. Deshalb arbeite ich nebenberuflich am Theater."

Corona hat alles noch einmal umgeworfen

Anderthalb Jahre haben das Bürgerensemble und Regisseur Tilman Gersch an dem Stück gearbeitet. Die Besetzung hat immer wieder gewechselt, Corona hat dann alles noch einmal umgeworfen. Trotzdem war es für Vivien Lahdo und ihre Mitstreiter eine sehr wertvolle Zeit.

Viele von uns – naja, fast alle – machen das ja nur nebenberuflich. Und das gibt uns die Möglichkeit, unsere Träume zu erfüllen. Deshalb passt das perfekt zusammen.

Vivien Lahdo, Laiendarstellerin

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