Oper

Puccinis „Madama Butterfly“ an der Oper Frankfurt

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Giacomo Puccinis “Madama Butterfly” zählt sicherlich zu seinen erfolgreichsten Opern. Die herzzerreißende Geschichte der gedemütigten Geisha Cio-Cio San rührt seit ihrer Uraufführung 1904 Generationen zu Tränen. Der Erfolg stellte sich dabei sogar erst zögerlich ein. In Zeiten des Postkolonialismus wird dieses musikalische Meisterwerk eher kritisch beäugt. Anderseits ist es eben unverwüstlich wegen der Musik. Die Oper Frankfurt hat sich jetzt mit einer Neuproduktion der Oper angenommen. Der amerikanische Regisseur R.B. Schlather hat sie neuinszeniert und der aufstrebende Dirigent Antonello Manacorda dirigiert.

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Bühnenbild ohne Kitsch

„Madama Butterfly“ hat Giacomo Puccini den Ruf des Opern-Kitschs eingebracht. Zu Unrecht. Davon ist der amerikanische Regisseur R.B. Schlather in seiner Inszenierung an der Oper Frankfurt überzeugt. Ein exotisches Dekor, japanische Blütenranken, Schminke oder Kimonos gibt es nicht.

Die beiden gegeneinander verschiebbaren Wände mit jeweils einem Fenster mögen noch an die Schiebewände aus Papier in japanischen Häusern denken lassen. Aber das ist Hintergrund für eine Schwarz-Weiß-Zeichnung im pointiert entrümpelten Bühnenbild von Johannes Leiacker. Wenn Cio-Cio San in einem verführerisch roten Kleid zur Heirat mit den betäubend sogartigen Fernklängen Puccinis auftritt, dann ist das ein Missverständnis.

Puccini: Madama Butterfly (Foto: Pressestelle, Barbara Aumüller)
Jakob Fritschi (Das Kind Dolore) und Heather Engebretson (Butterfly) Pressestelle Barbara Aumüller

Heiratsvermittler Goro

Das Rot ihres Hochzeitkleides weist schon auf den Blutstrom ihres Harakiris voraus, wenn das Illusionsgebäude dieses Mädchens am Ende zusammengebrochen ist. Im Amerikaner F.B. Pinkerton glaubt sie den Mann fürs Leben und die ewige Liebe gefunden zu haben. Der kauft die 15-jährige aber nur als Urlaubslaune dem schmierigen Heiratsvermittler Goro ab. Und der mit seinen rot geschminkten Wangen und seinem italienischen Hütchen sieht schon aus wie einer jener bösen Clowns eines Fellini-Films.

Puccini: Madama Butterfly (Foto: Pressestelle, Barbara Aumüller)
Heather Engebretson (Butterfly) und Ensemble Pressestelle Barbara Aumüller

Frauenvernichter-Rollen in "Madama Butterfly"

In Puccinis Oper werden die Tenöre immer zum Verhängnis der Frauen. Keiner sorgt aber so für ihren Untergang wie der abgefeimte Pinkerton. Vincenzo Constanza sieht mit seinem schwarzen Schnauzer auch noch zufällig wie ein jugendlicher Wiedergänger Puccinis aus.

Der soll auch keine guten Beziehungen zu Frauen gehabt haben. So könnte es durchaus sein, dass diese Frauenvernichter seiner Opern heimliche Selbstporträts sind. Mit seiner hellen, vorne gelagerten Stimme, singt Constanza die schönsten Melodien auch wirklich schön. Dann hassen wir ihn noch mehr für das Verlassen seiner Cio-Cio San, die sich nur für ihn Butterfly nennt.

Puccini: Madama Butterfly (Foto: Pressestelle, Barbara Aumüller)
Heather Engebretson (Butterfly) und Domen Križaj (Sharpless) Pressestelle Barbara Aumüller

Selbstmord

Und dann ist da plötzlich im zweiten Akt das Kind. Abgöttisch verehrt von Cio-Cio San als Zeugnis ihrer Liebesillusion mit Pinkerton. Als er bei seiner Rückkehr an der Seite seiner richtigen amerikanischen Frau auch noch dieses gemeinsame Kind ausgeliefert haben will, begeht sie vor dessen Augen Selbstmord.

Die davor geschobene Wand verdeckt ihn gnädig vor unseren Augen. Wir sehen nur den allein gelassenen Jungen mit schlenkernden Beinen auf dem Stuhl sitzen. Das ist das grausamste Bild des Abends. R.B. Schlather inszeniert die Tragödie der an ihren Illusionen scheiternden Menschen. Überflüssiger Exotismus spielt da wahrlich keine Rolle mehr.

Puccini: Madama Butterfly (Foto: Pressestelle, Barbara Aumüller)
v.l.n.r. Jakob Fritschi (Das Kind Dolore), Heather Engebretson (Butterfly) und Kelsey Lauritano (Suzuki) Pressestelle Barbara Aumüller

Antonello Manacorda überzeugt bei seinem ersten Puccini

Unterstützt, ja untermauert wird er von einem fantastischen Dirigenten. Antonello Manacorda leitet seinen ersten Puccini und durchleuchtet mit der Erfahrung des schlackenlosen Mozart-Dirigenten eine meisterhaft gearbeitete, dramaturgisch auf den Punkt gebrachte Partitur.

Da klingt keine Note sentimental, sondern vieles nach den angeblich moderneren Zeitgenossen Mahler oder Debussy. Das Tempo ist perfekt, die Balance der magisch-verführerischen Farbpalette stimmt. Und Manacorda verfügt über ein dem Stück entsprechend junges Ensemble von Stimmen. Wunderbar warm die Suzuki von Kelsey Lauritano und der empathische Bariton von Domen Krizaj als Cio-Cio San beistehender Konsul Sharpless.

Puccini: Madama Butterfly (Foto: Pressestelle, Barbara Aumüller)
Vincenzo Costanzo (Pinkerton), Heather Engebretson (Butterfly) und Ensemble Pressestelle Barbara Aumüller

One-Woman-Show der Titelfigur

Letztlich ist das Kammerspiel der „Madama Butterfly“ aber die One-Woman-Show der Titelfigur. Und die erfüllt Heather Engebretson mit erschütternder Intensität. Eine wunderschöne, tonhöhensichere Stimme mit der Darstellungskraft einer Tragödin. Die Vibratos hier und da können getrost weggehört werden. Dieser großartige Abend in Frankfurt zeigt, warum wir in die Oper gehen: Weil wir Menschen leiden sehen. Und weil wir mitleiden. Das Publikum ist außer sich.

Puccini: Madama Butterfly (Foto: Pressestelle, Barbara Aumüller)
Heather Engebretson (Butterfly) Pressestelle Barbara Aumüller

Oper Das Rheingold an der Oper Zürich - der Vorabend von Wagners „Ring“ als bitterböse Gesellschaftskomödie

Für seine letzten drei Spielzeiten hat sich Andreas Homoki als auch inszenierender Intendant des Opernhaus Zürich eine Herkulesaufgabe gestellt. Die Umsetzung der vier Teile von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ soll auch ein Höhepunkt seiner nunmehr zehnjährigen Intendanz an dem durchaus intimen Haus in Zürich werden. Dabei ist Wagners Tetralogie in gewisser Hinsicht ein Heimspiel. Denn Wagner dichtete und komponierte den größten Teil des Zyklus in seinem Züricher Exil nach seiner gescheiterten Revolutionsbeteiligung von 1848.  mehr...

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Gespräch Dante als Splatter-Movie: „Inferno“ von Lucia Ronchetti als Bühnenfilm an der Oper Frankfurt

Dantes „Inferno“ als Oper – daraus sollte an der Frankfurter Oper eigentlich ein Gesamtkunstwerk werden: Die Musik von Lucia Ronchetti sollte um ein szenisches Spektakel auf der Bühne und mit dem Film von Kay Voges und Marcus Lobbes auch um eine bewegte, szenische Kulisse ergänzt werden. Aus Hygienegründen kann die Oper nun zunächst nur konzertant erklingen. Geplant ist daher, aus der uraufgeführten Musik und den vorbereiteten Bildern einen Film zu machen, der ab dem 11. Juli im Bockenheimer Depot zu sehen sein wird. Auf diese Weise könnte ein szenisches Kunstwerk entstehen, von dem Co-Filmautor Kay Voges, Intendant am Wiener Volkstheater, überzeugt ist, dass es tief in Dantes Bild- und Vorstellungswelten hineinführt.
„Das Grundthema des Bühnenabends ist eigentlich die erste Zeile der Dichtung“, sagt Kay Voges in SWR2: „,In der Mitte meines Lebens befand ich mich in einem dunklen Wald, und der rechte Weg war mir versperrt.‘ Es geht um einen Menschen in der Mitte seines Lebens, der sich fragt: ,Wo geht es jetzt eigentlich hin?‘“
Für den Theater- und Filmemacher ist klar, dass die „Midlife-Crisis“ des Dichters in eine aktuelle Bildsprache übersetzt werden muss: „Wir haben uns gefragt, wie würden eigentlich diese Bilder von Dantes Höllenreise heute aussehen“, so Voges. „Wir haben uns als Vorlage den Film von 1911 genommen, einen der ersten Bühnen-Stummfilme überhaupt, immer noch ein wunderbarer geschichtlicher Fund, und haben diesen Film in die Jetzt-Zeit übertragen.“
Diese Szenario führe in ein Delirium der Phantasie, „in die Ängste und in die Sehnsüchte eines taumelnden Menschen“, sagt Kay Voges. „Und das ist, ähnlich wie bei Dante, auch sehr lustig. Man hat das Gefühl, Dantes Inferno ist der erste Splatter-Roman, der je geschrieben worden ist.“
Für ihn und Marcus Lobbes als Filmautoren sei es entscheidend, nach langer Vorbereitung nun auch die Musik von Lucia Ronchetti hören zu können. „Wir sind glücklich, dass das Notenmaterial von Lucia Ronchetti nun endlich einen Klang erhalten hat“, sagt Voges über die Auftragskomposition, „wir warten seit eineinhalb Jahren darauf, endlich die Musik hören zu können.“
Die Höreindrücke von Kay Voges: „Die Komposition ist irre, es sind Klanggebäude, die Frau Ronchetti erzeugt hat, mit Trompeten, mit Pauken, mit einem Streichquartett und einem relativ kleinen Chor, einem Quartett, das singen wird, und Sprecherinnen und Sprechern vom Schauspielhaus Frankfurt, eine sehr untypische Besetzung.“ Das Spektrum der Musik beschreibe sehr schön diese Höllenreise von Dante und seine verschiedensten Begegnungen.“  mehr...

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