Bühne

Perspektivwechsel auf die Stadt: Performance-Parcours „Urban Nature“ von Rimini Protokoll in der Kunsthalle Mannheim

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AUTOR/IN
Marie-Dominique Wetzel

Der Mensch in der Stadt – mit diesem spannenden Thema beschäftigt sich das Regie-Kollektiv Rimini-Protokoll in seinem neuen Projekt „Urban Nature“ in der Kunsthalle Mannheim. Angelegt als Rollenspiel sprengt „Urban Nature“ die Grenzen, die Theater und Kunstausstellung normalerweise haben. Ganz unterschiedliche Personen schildern in einem Rundgang in den Räumen der Kunsthalle ihre Perspektive auf die Stadt, in der sie leben.

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Protagonist*innen treten nur in Videoaufnahmen oder über Lautsprecher in Erscheinung

Also los. Die Pfeile auf dem Boden führen uns zur ersten Station. Ein kleiner Platz in der Mitte ein Brunnen, an den Seiten Schaufenster. Wir werden aufgefordert, auf Bänken Platz zu nehmen. Über Lautsprecher werden wir von einem älteren Herrn angesprochen.

Der Mann ist Historiker, erfahren wir, und lauschen seinen Gedankengängen über die Veränderungen der Städte. Wir hören ihn über Kopfhörer und Lautsprecher, aber wir sehen ihn nur in einem Video auf der Leinwand. Auch die übrigen Protagonist*innen treten uns nur in Videoaufnahmen gegenüber.

Der nächste Raum ist eine Bar. Wir nehmen auf den Barhockern Platz und ein junger Unternehmer beginnt, Werbung für seine Geschäftsidee zu machen. Und so ziehen wir von Raum zu Raum. Ins Büro einer Investmentbankerin, in ein Gefängnis, wir gehen mit einem Kind durch die Straßen.

Neuer Raum, neue Lebensgeschichte

Manchmal werden wir auch aufgefordert, Fragen zu beantworten. Und die, die sich am Eingang für ein Tablet entschieden haben, bekommen auch kleine Handlungsanweisungen. So sind wir alle auch Mitspielende.

„Urban Nature“ von Rimini Protokoll in der Kunsthalle Mannheim (Foto: Pressestelle, CCCB, Alice Brazzit)
Einer der Räume in „Urban Nature“ vom Rimini Protokoll. Pressestelle CCCB, Alice Brazzit Bild in Detailansicht öffnen
Einer der Räume in „Urban Nature“ vom Rimini Protokoll. Pressestelle CCCB, Alice Brazzit Bild in Detailansicht öffnen
Einer der Räume in „Urban Nature“ vom Rimini Protokoll. Pressestelle CCCB, Marti E. Berenguer Bild in Detailansicht öffnen
Einer der Räume in „Urban Nature“ vom Rimini Protokoll. Pressestelle CCCB, Marti E. Berenguer Bild in Detailansicht öffnen

Schließlich landen wir in einer Notunterkunft für Obdachlose. Auf den einfachen Stockwerkbetten liegen Klamotten herum. Über Lautsprecher hören wir Sihan, eine junge Frau, die ihre Lebensgeschichte erzählt und berichtet, wie sie täglich einen Schlafplatz in der Stadt sucht.

In jedem Raum eine neue Lebensgeschichte, eine andere Perspektive auf die Stadt. In dem Fall ist es Barcelona, denn dort hat das Regie-Kollektiv „Rimini-Protokoll“ diese Performance erarbeitet. Aber die Lebensläufe und Räume ähneln sich inzwischen in europäischen Städten doch so sehr, dass der Transfer ziemlich reibungslos funktioniert.

Ein außergewöhliches Kunsthallen-Ergebnis

Die Texte wurden natürlich für das hiesige Publikum ins Deutsche übersetzt und von Schauspielerinnen und Schauspielern des Nationaltheaters Mannheim neu eingesprochen. Für Johan Holten, den Direktor der Kunsthalle Mannheim, der das Regie-Kollektiv Rimini-Protokoll eingeladen hat, war dieses Projekt eine gute Gelegenheit, mit dem Nationaltheater zusammenzuarbeiten. Denn beide Kulturinstitutionen wollen sich mehr in die Stadt öffnen und dabei neue künstlerische Formate entwickeln, sagt Johan Holten

Auf jeden Fall ein außergewöhnliches Kunsthallen-Erlebnis, das Spaß macht und dazu einlädt, beim nächsten Spaziergang durch die Stadt wieder mehr darauf zu achten, mit wem man dort eigentlich zusammenlebt.

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