Kommentar

Peinliches Drama: Europäischer Dramatiker:innenpreis für Caryl Churchill wegen Antisemitismus-Vorwürfen aberkannt

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Karin Gramling

Es ist hochnotpeinlich: Die vom Schauspiel Stuttgart eingesetzte Jury für die Vergabe des hochdotierten Europäischen Dramatiker:innenpreises will nichts von den Vorwürfen gegen die britische Dramatikerin Caryl Churchill gewusst haben. Dabei hätte man es wissen können. Denn seit langem ist bekannt, dass die 84-jährige die Israel-Boykottbewegung BDS unterstützt. Der Preis sollte am 20. November in Stuttgart verliehen werden. 

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Die Vorwürfe gegen Caryl Churchill waren seit langem bekannt

Was für ein hochnotpeinliches Drama um den Europäischen Dramatiker:innenpreis. Wie kann es sein, dass bei der Bekanntgabe im April die Jury noch nichts von den Vorwürfen gegen die Preisträgerin Caryl Churchill wusste? Denn seit langem unterstützt die Britin die gegen Israel gerichtete Kulturboykottbewegung BDS.

#BDS ist nicht preiswürdig! In einem Brief an Winfried #Kretzchmann @RegierungBW fordert Präsident @Volker_Beck die Preisvergabe an #CarylChurchill zu stoppen. 🧵1/3 https://t.co/yzZQS0nHnW

Auch, dass Churchills Theaterstück „Seven Jewish Children“ aus dem Jahr 2009 höchst umstritten war, hätte den Jurymitgliedern bekannt sein können. Schon als das Stück in London auf die Bühne kam, spaltete es die Kritik und wurde sehr kontrovers diskutiert. „Es könne antisemitisch wirken“, heißt es in der Pressemitteilung vom Schauspiel Stuttgart zur Rücknahme des Preises ein bisschen zu lapidar. 

Wer einen mit staatlichen Mitteln geförderten hoch dotierten Preis vergibt, sollte genauer recherchieren

Überhaupt wollen die Verantwortlichen erst vor kurzem von den Vorwürfen gegen die 84-jährige Churchill erfahren haben. Wer einen mit staatlichen Mitteln geförderten Preis in der Höhe von 75 000 Euro vergibt, der sollte allerdings genauer recherchieren. Vielleicht hätten sich das Schauspiel Stuttgart und die Jurymitglieder – inklusive der baden-württembergischen Kunstministerin Petra Olschowski  - so viel Ärger ersparen können. 

Im Fall von Caryl Churchill scheinen sich offenbar Werk und Person nicht mehr so genau trennen zu lassen, aber genau mit diesem Argument entschuldigte man ja erst vor kurzem die französische Literaturnobelpreisträgerin und BDS-Unterstützerin Annie Ernaux.  

Der Europäische Dramatiker:innenpreis ist beschädigt.

Nun also die Vollbremsung. Kunstministerin Petra Olschowski lässt dazu in der Pressemitteilung verlauten:

„Wir tragen in Deutschland eine besondere historische Verantwortung. Deshalb positionieren wir uns als Land klar gegen jegliche Form von Antisemitisums.“

Von den Verantwortlichen war bis zum Mittag des 2. November niemand für eine  Stellungnahme zu erreichen. Der Europäische Dramatiker:innenpreis ist jedenfalls beschädigt. Wie es weitergeht, das müssen die nächsten Tage zeigen.

Kulturmedienschau: Reaktionen auf die Rücknahme des Preises in der Presse

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Was geht - was bleibt? Zeitgeist. Debatten. Kultur. Die documenta fifteen endet: Was bleibt von der deutschen Erinnerungspolitik?

Die documenta fifteen geht zu Ende – und nicht wenige Menschen würden jetzt hinzufügen: endlich. Was geht, wenn die größte deutsche Kunstausstellung für viele ein Fiasko ist? Die eine Seite beklagt, mit der Documenta habe man Antisemitismus in Deutschland wieder öffentlich ausstellen können, während die andere Seite meint, hinter der Kritik an den Künstler:innen stünde Rassismus.  Ein Scherbenhaufen also, zumindest in der öffentlichen Debatte.

Und was bleibt nun im Nachhinein von dieser documenta fifteen? Lässt sich aus diesem Scherbenhaufen etwas machen – zum Beispiel eine Auseinandersetzung über die deutsche Geschichts- und Gedenkpolitik und die Frage, welchen Platz die kolonialen Verbrechen darin neben der Shoah einnehmen können?

Als gescheitert würde die Journalistin Charlotte Wiedemann die documenta nicht bezeichnen. Wiedemann hat viel aus dem Ausland berichtet und beschäftigt sich mit unterschiedlichen Erinnerungskulturen. Sie hat die documenta besucht und dort viele Anregungen gefunden, die sie in der deutschen Debatte vermisst hat: “Über die documenta würde eine Glocke der Deutschtümelei gestülpt. Das Problem war für mich nicht die documenta selbst, sondern unser Umgang damit.” 

Anders sieht das der Kunstkritiker Hanno Rauterberg, er sagt, die mangelnde Kommunikationsbereitschaft habe den Austausch erschwert: “Der Kollektiv-Gedanke der documenta hat Kritik an einzelnen Künstlern erschwert.” Schnell habe es geheißen, Kritik meine nicht den Einzelnen, sondern alle und damit die gesamte documenta. Kritik sei deshalb von Ruangrupa schnell als rassistisch wahrgenommen worden.

Und auch der Meron Mendel, Direktor der Bildungsstätte Anne Frank und engagiert hätte sich gewünscht, dass die verschiedenen Seiten wirklich miteinander ins Gespräch kommen: „Es wurde zwar viel debattiert, aber da war das Gefühl, dass man aneinander vorbeiredet.“

Viel Stoff also für eine Debatte über die deutsche Erinnerungspolitik!

Charlotte Wiedemanns Buch „Den Schmerz der anderen begreifen“ ist im Mai 2022 bei Ullstein erschienen.

Unterschiedliche Positionen und Erklärungsansätze zur documenta-Debatte findet ihr in der Ausgabe 09/2022 von Politik & Kultur, der Zeitschrift des Deutschen Kulturrats – alles abrufbar unter https://politikkultur.de/archiv/ausgaben/nr-9-22/

Die Bildungsstätte Anne Frank, deren Direktor Meron Mendel ist, hat eine Podiumsdiskussion zu Kunst und Antisemitismus veranstaltet, die ihr hier anschauen könnt: https://www.bs-anne-frank.de/events/kalender/zum-antisemitismusskandal-auf-der-documenta-fifteen

Bei „Was geht, was bleibt“ haben wir uns schon öfter mit den Themen Kolonialismus und Erinnerungspolitik beschäftigt, zum Beispiel in diesen beiden Folgen:
https://www.swr.de/swr2/programm/blinder-fleck-der-erinnerungskultur-unser-kolonialistischer-blick-nach-osteuropa-100.html
https://www.swr.de/swr2/programm/rueckgabe-von-raubkunst-dekolonisierung-oder-reine-symbolpolitik-100.html

Habt ihr noch mehr Themen, die wir uns dringend anschauen sollten? Schreibt uns auf kulturpodcast@swr.de

Host: Pia Masurczak
Redaktion: Pia Masurczak und Kristine Harthauer

Gespräch Meron Mendel: „Fronten verhärten sich in der documenta-Debatte nur noch!“

Im Gespräch mit SWR2 nimmt Meron Mendel, der Direktor der Bildungsstätte Anne Frank Stellung zur aktuellen Entwicklung in der Antisemitismus-Debatte rund um die documenta fifteen. Von der eingesetzten Expertenkommission erwartet Mendel keine schnellen Statements: „Die Experten müssen sich erst einmal untereinander austauschen und eine eigene Bewertung ziehen, bevor sie an die Öffentlichkeit gehen“, sagte Mendel in SWR2, „ich verliere langsam das Vertrauen in die Bereitschaft von Ruan Grupa hier tatsächlich einen konstruktiven Prozess in Gang zu setzen.“

SWR2 am Morgen SWR2

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Karin Gramling