Bühne Itay Tiran als „Othello“ am Schauspiel Stuttgart

Eine Beziehung zwischen zwei Menschen scheitert bei „Othello“ an einem Taschentuch. Heutzutage ist es eher die Zahnbürste, sagt Itay Tiran über seine Titelrolle in William Shakespeares Drama am Schauspiel Stuttgart. Regisseur Burkhard C. Kosminski präsentiert Tiran in einem politischen „Othello“, in dem das Eifersuchtsdrama um Desdemona beinahe in den Hintergrund gerät.

Ein politischer „Othello“ mit dezentem Eifersuchtsdrama

Tiran verkörpert keinen Schwarzen. Ohnehin gilt das Blackfacing, das Schwarzanmalen eines weißen Schauspielers, längst als rassistische Theatertradition. Die Inszenierung am Schauspiel Stuttgart entzieht sich solchen Diskussionen mit einem klugen Schachzug.

Bildergalerie "Othello" am Schauspiel Stuttgart

Itay Tiran -Othello-Hauptrprobe 2304 (Foto: Schauspiel Stuttgart - Foto: David Baltzer)
Von Karin GramlingUm das Fremdsein geht es auch im Stuttgarter Othello – und wie schwer sich die Gesellschaft damit tut, Menschen zu akzeptieren, die anders sind. Noch immer. Schauspiel Stuttgart - Foto: David Baltzer Bild in Detailansicht öffnen
Um von diesem wesentlichen Punkt nicht abzulenken, entzieht sich Intendant Burkhard Kosminski in seiner Inszenierung jeder Diskussion über Rassismus im Theater. Aus dem schwarzen Heerführer macht er einfach einen Fremden (Itay Tiran). Einen, der es wagt, Desdemona (Katharina Hauter), eine der angesehensten Bürgertöchter der Stadt, zu heiraten. Schauspiel Stuttgart - Foto: David Baltzer Bild in Detailansicht öffnen
Das Fremdsein nimmt man dem Stuttgarter Othello ab, denn der israelische Schauspieler Itay Tiran gibt ihn äußerst glaubwürdig. Ein charmanter, aber in der Sache kompromissloser Krieger. Die venezianische Gesellschaft verachtet ihn. Er darf für sie nur die Drecksarbeit verrichten, als herausragender Stratege und siegreicher General. Schauspiel Stuttgart - Foto: David Baltzer Bild in Detailansicht öffnen
Mit Desdemona an seiner Seite kann sich Othello nur kurz über den errungenen Sieg freuen. „Wäre heut mein Todestag, wäre es heute mein größter Glückstag, denn ich fürchte, mein Herz fühlt so vollkommene Seligkeit, dass wohl kein zweites solches Glück mehr folgt. Oh Gott, ich plappere wild drauf los und schmachte und schwelge in meinem eigenen Glück.“ Schauspiel Stuttgart - Foto: David Baltzer Bild in Detailansicht öffnen
Burkhard Kosminski findet eindrückliche Bilder, dafür etwa, was den Krieg heute ausmacht. Dazu braucht er auf der Drehbühne nur eine weiße Wand. Bilder von Drohnenangriffenn flimmern darüber, von Kampfjets, die auf Flugzeugträgern landen. Itay Tiran steht als Othello davor, zoomt die Bilder mal größer, mal kleiner, dirigiert einen scheinbar sauberen Krieg zur Musik. Folterbilder von Guantanamo Häftlingen folgen. Schauspiel Stuttgart - Foto: David Baltzer Bild in Detailansicht öffnen
Die aktuelle Brisanz überdeckt beinahe das Eifersuchtsdrama, um das es auch noch geht. Jago jedenfalls (Matthias Leja, rechts) zettelt eine tödliche Intrige an, weil ihn Othello (Itay Tiran) bei der Beförderung übergangen hat. Er rächt sich und täuscht eine Affäre zwischen Desdemona und Othellos engem Vertrauten Cassio vor. Schauspiel Stuttgart - Foto: David Baltzer Bild in Detailansicht öffnen
Othello rastet aus. Als Soldat trennt er nur noch zwischen bedingungsloser Treue oder Verrat. Schauspiel Stuttgart - Foto: David Baltzer Bild in Detailansicht öffnen
Es regnet Blut auf das Bett, als er die unschuldige Desdemona umbringt: „Verstoß mich, mein Gemahl, aber bitte töte mich nicht. Töte mich morgen. Lass mich heute noch leben, nur eine halbe Stunde noch.“ – „Mal angefangen, gibt’s kein Halten. Nur ein Gebet lang noch. Es ist zu spät.“ Schauspiel Stuttgart - Foto: David Baltzer Bild in Detailansicht öffnen
Zu spät erkennt Othello die Intrige und richtet sich selbst. Aber die emotionalen Abgründe, die sich in dieser Tragödie auftun, wirken am Ende fast zu beiläufig. „Ich hasse den Fremden“, schreit Jago (Matthias Leja, links), wirkt jedoch beinahe emotionslos. Es ist der letzte Satz des Abends. Da ist die Botschaft, dass Fremdenfeindlichkeit nur in eine Katastrophe münden kann, beim Zuschauer längst angekommen. Schauspiel Stuttgart - Foto: David Baltzer Bild in Detailansicht öffnen
Dauer

In Deutschland ist Itay Tiran noch eher unbekannt

In Israel ist der Schauspieler und Regisseur Itay Tiran ein Star. So gut wie jeder erkennt ihn dort auf der Straße, in Deutschland ist er noch weitgehend unbekannt. Und das, obwohl er in der „Tel-Aviv-Krimi“-Reihe im Ersten den Musiker David Shapiro spielt.

Jetzt hat der 39-Jährige ein Engagement am Stuttgarter Staatstheater und spielt ab dem 27.4. „Othello“, einen Fremden und Außenseiter. Und so fühlt sich Itay Tiran auch selbst noch in Stuttgart. Aber er liebt die deutsche Sprache und Kultur. Alles andere als selbstverständlich, denn seine Großmutter hat als einzige ihrer Familie Ausschwitz überlebt.

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