Oper Das Leben von Friedrich II. als Tanzoper: „Sanssouci“ in Mannheim

Von Bernd Künzig

Sanssouci, das bekannte Lustschloss Friedrichs II. bei Potsdam, wird zum Gegenstand einer tänzerischen Auseinandersetzung in Mannheim. Tanzensemble, Chor, Orchester und Opernsolisten des Nationaltheaters wirken in „Sanssouci“ zusammen. Es geht um das Barockzeitalter, die Zeitgenossen Bach und Händel und um die Lebensgeschichte des Schlosserbauers. Insbesondere das Ballett bietet eine atemberaubende Ensembleleistung.

Nationaltheater Mannheim Bilder zum Tanz- und Opernabend "Sanssouci"

Sanssouci am Nationaltheater Mannheim (Foto: Pressestelle, Nationaltheater Mannheim - Foto: Hans Jörg Michel)
Das „Königliche Thema“ beginnt auf dem Cembalo noch bei geschlossenem Vorhang. Den Rahmen bildet die musikalische Legende der Entstehung von Johann Sebastian Bachs „Musikalischem Opfer“. Vor allem aber ist die kompositorische Aufgabe von Friedrich II. im Schloss „Sanssouci“ in Stephan Toss‘ Choreographie das Finale eines Psychodramas.Auf dem Bild: Nikola Hillebrand als Friedrichs Schwester Amalie mit Tanzensemble und Chor. Pressestelle Nationaltheater Mannheim - Foto: Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Im ersten Teil des gemeinsamen Abends „Sanssouci“ von Ballet und Oper des Nationaltheaters Mannheim geht es vor allem um die Erinnerungen Friedrichs an sein schwieriges Familienleben. Das ist eben auch ein königliches Thema.Auf dem Bild: Joris Bergmans (in der Tanzrolle für Friedrich II.), Mahomi Endoh als seine Frau Elisabeth und Alexandra Chloe Salmion als „Trauma“. Pressestelle Nationaltheater Mannheim - Foto: Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Historisches Personal, die Bach-Familie mit Johann Sebastian, den Söhnen Friedemann und Carl Philipp Emmanuel, tritt zwar auf, schließlich geht es auch um den Besuch des großen Komponisten beim Monarchen, aber auch der Lehrer Voltaire, die Schwestern Amalie und Wilhelmine haben ihren Tanz. Allerdings bleiben sie im Ensemble nur schwer erkennbar.Auf dem Bild: Silvia Cassata als Wilhelmine und Emma Kate Tilson als Amalie, die Schwestern Friedrichs. Pressestelle Nationaltheater Mannheim - Foto: Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Dominant dagegen der autoritäre Vater Friedrich der Erste. Die von ihm angeordnete Hinrichtung Kattes, Freund und Liebhaber des Sohnes, ist in ihrer Brutalität eindringlich choreografiert. Tenald Zace tanzt diesen fürchterlichen Monarchen als rauvogelartigen Dämon, der den Sohn als Trauma durch den Abend verfolgt.Auf dem Bild: Die Hinrichtung von Katte (Lorenzo Angelini) mit der Sopranistin Eunju Kwon und Chor. Pressestelle Nationaltheater Mannheim - Foto: Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Das Schloss ist ein klaustrophobisches Labyrinth von Zimmerfluchten. Zur ausgefeilten Choreografie gehören auch die nach und nach in den Schnürboden entschwebenden Kulissenwände von Martin Kukulies. Der Raum wird leerer und leerer und offenbart sich als zunehmend ruinös. Die Farbe in diesem ingeniösen Bühnenbild bröckelt ab, der preußisch aufgeklärte Barock ein Kulissenzauber.Auf dem Bild: Szene im Schloss mit Emma Kate Tilson als Amalie. Pressestelle Nationaltheater Mannheim - Foto: Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Die Musik zum Tanz: natürlich Bach, zu dem Thoss kein barockes Menuett tanzen, sondern militärischen Drill von lemurenhaften Gestalten ausführen lässt. Doch Bachs geistig durchdrungene Musik passt eigentlich gar nicht zum barocken Ornament. Also wird postmoderne Bachimitation von Arash Safaian gespielt. Diese durchaus passende, wenngleich mit Kitschverdacht einhergehende musikalische Fassade, klingt nach Bach, ohne Bach zu sein. Pressestelle Nationaltheater Mannheim - Foto: Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Am Ende verkörpern schließlich ergreifende Pas de deux zum originalen sechsstimmigen Ricercar aus Bachs „Musikalischem Opfers“ die Utopie einer Erlösung Friedrichs durch Musik.Auf dem Bild: Mahomi Endoh als Friedrichs Frau Elisabeth mit Tanzensemble. Pressestelle Nationaltheater Mannheim - Foto: Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Thoss hat diesem verinnerlichten Psychodrama im zweiten Teil ein Außen gegenübergestellt. Die Bühne ist als weiter Platz bis auf eine Glocke und ein angedeutetes Kirchenportal leergeräumt. Auftritt von Chor und Solisten. Zu Händels expressivem Barock des „Dixit dominus“ gestaltet Thoss abstrakten, körperbetonten Expressionismus aus Gewalt und Zärtlichkeit.Szenenbild: Julia Headley als verkörperte Musik sowie Emma Kate Tilson als Amalie. Pressestelle Nationaltheater Mannheim - Foto: Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Nur zaghaft kommt es allerdings zur Verschränkung von Chor und Corps de Ballet. Beide verharren eher im blockhaften Gegenüber. Die Kooperation von Oper und Ballett ist letztlich doch ein Tanzabend mit Musik. Die Ensembleleistung des Mannheimer Balletts allerdings atemberaubend. Bei aller Eindringlichkeit dieses Außen bleibt der erste Teil als abgründiges, barockes Psychodrama einer dekadenten Herrscherkaste der aufregendere Teil des Abends.Szenenbild: Tanzensemble und Chor Pressestelle Nationaltheater Mannheim - Foto: Hans Jörg Michel Bild in Detailansicht öffnen
Dauer

"Sanssouci". Oper und Tanz zu Musik von Bach und Händel sowie Kompositionen von Arash Safaian nach Themen von J. S. Bach. Die nächsten Aufführungen am 16., 22. und 29. März sowie am 13. und 22. April.

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