Oper Freiburger Franck-Oper „Hulda“ endet im Geballer

Von Karsten Umlauf

Die deutsche Erstaufführung der Oper „Hulda“ von César Franck in Freiburg hätte ein besonderes Opernereignis werden können. Der Freiburger Generalmusikdirektor Fabrice Bollon hatte in der Pariser Bibliothèque Nationale das komplette Notenmaterial zu der bislang nur gekürzt aufgeführten Oper des französischen Komponisten gefunden. Doch die Aufführung der Rachegeschichte aus der nordischen Sagenwelt gerät zum nervenaufreibenden Abend. Zu aufdringlich bemächtigt sich die Inszenierung von Tilman Knabe der Musik.

Bildergalerie zur Oper Missglückte „Hulda“ von César Franck in Freiburg

Hulda am Theater Freiburg (Foto: Pressestelle, Theater Freiburg -)
Das Libretto zur unbekannten Oper „Hulda“ von César Franck entstammt einer „skandinavischen Legende“, die in der Zeit der norwegischen Christianisierung im 11. Jahrhundert spielt. Hulda (Morenike Fadayomi) gerät in Stammesfehden, wird vergewaltigt und soll zwangsverheiratet werden. Davor bewahrt sie der Held Eiolf (Joshua Kohl). Sie beginnen eine mehr oder weniger heimliche Affäre, doch bevor Hulda mit ihm zusammen fliehen kann, kehrt er wieder zu seiner alten Liebe zurück. Pressestelle Theater Freiburg - Bild in Detailansicht öffnen
Der Rest ist nur noch Huldas Hass, Rache und Verderben. Mit dem Sujet konnte wohl auch das Team um Regisseur Tilman Knabe nicht viel anfangen. Pressestelle Theater Freiburg - Bild in Detailansicht öffnen
Sie verlegen die Handlung ins heutige Afrika, Kolonialisierung statt Christianisierung also. Die Oper beginnt in einem Township mit Straßenhändlern, Wellblech, UNHCR-Fahnen. Die Frauen organisieren ihren Alltag. Pressestelle Theater Freiburg - Bild in Detailansicht öffnen
Musikalisch ist die Oper von César Franck eigentlich eine schöne Entdeckung. In ihrem ständigen Fluss in klanglich kultivierter französischer Operntradition kommt sie nicht so scharf daher wie ein Verdi, längst nicht mit der modernistischen Pose eines Richard Wagner und schon gar nicht in vergleichbarer Durchdringung mit Leitmotiven, Bezügen oder Mythologisierungen.Auf dem Bild: Joshua Kohl und Morenike Fadayomi. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Tanja Dorendorf Bild in Detailansicht öffnen
Man hört dem Stück an, dass Franck die Werke Richard Wagners bewunderte, formal und von der ganzen Tonsprache bleibt er eher der Grand Opéra eines Giacomo Meyerbeer verpflichtet. Dass es ihm damit nicht gelungen ist, als ernsthafter Opernkomponist in Paris zu reüssieren, dürfte aber vor allem am Libretto liegen.Auf dem Bild: Morenike Fadayomi Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Tanja Dorendorf Bild in Detailansicht öffnen
Regisseur Tilman Knabe unterlegt die Handlung mit Maschinengewehrsalven. Ein Pickup rollt auf die Bühne. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Tanja Dorendorf Bild in Detailansicht öffnen
Es kommt zu ausladenden Vergewaltigungsszenen.Auf dem Bild: Seonghwan Koo, Morenike Fadayomi, Jongsoo Yang und Roberto Gionfriddo. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Tanja Dorendorf Bild in Detailansicht öffnen
Zwischen den Aufzügen sieht man Hulda allein vor dem schwarzen Vorhang. Sie schreibt. Währenddessen werden ausführliche Texte auf den Vorhang projiziert: Jean Paul Sartre, Berichte von zentralafrikanischen Bürgerkriegsopfern oder Worte des kenianischen Schriftstellers Ngugi wa Thiongo. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Tanja Dorendorf Bild in Detailansicht öffnen
Das Problem der Inszenierung ist nicht nur, dass sie ständig das Bedürfnis zu haben scheint, sich selbst erklären zu müssen. Man sieht sie wie einen kommentierenden Film zur aktuellen Lage in Afrika: Der Bürgerkrieg schafft Opferbiografien, die herrschende Kaste verschachert Land an westliche bzw. chinesische Unternehmen. Aus dem Township ist auf der Bühne inzwischen die Zentrale einer Minengesellschaft geworden. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Tanja Dorendorf Bild in Detailansicht öffnen
Blauhelmsoldaten demonstrieren ihre ordnungspolitische und moralische Schwäche, vor dem finalen Blutrausch schwenkt Hulda als Black Frauen Power Racheengel rote Fahnen der Revolution. Das ist von einer solchen szenischen Rastlosigkeit und künstlerischen Vordergründigkeit, dass man César Francks Oper allenfalls als Kleiderhaken für dieses szenische Gewand wahrnimmt. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Tanja Dorendorf Bild in Detailansicht öffnen
Wenn man vor lauter Maschinengewehrgeballer, Gejohle und Gebrüll die Musik überhaupt mal zu hören bekommt. Bewundernswert, dass das Freiburger Philharmonische Orchester und der Chor unter Dirigent Fabrice Bollon ihrer Linie von Klangschönheit und -disziplin treu bleiben. Der Düsseldorfer Sopranistin Morenike Fadayomi in der Titelrolle fehlt es jedoch an Durchschlagskraft, um in diesem szenisch-vokalen Dauerstress zu bestehen. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Tanja Dorendorf Bild in Detailansicht öffnen
Geradezu tragisch ist, dass man dabei insgesamt den Eindruck bekommt, dass eine szenische Idee sich hier einer nicht allzu widerstandsfähigen musikalischen Vorlage bemächtigt, in geradezu imperialistischem Gestus. Und dass einen deswegen die durchaus triftige politische Analyse im Spiel der Figuren merkwürdig kalt lässt. Pressestelle Theater Freiburg - Foto: Tanja Dorendorf Bild in Detailansicht öffnen
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